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Schauspielerin Paula Kalenberg
© Concorde Filmverleih

Die Wolke: Ein Interview mit Hauptdarstellerin Paula Kalenberg

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Greenpeace: Welche Szene in dem Film hat Dich am meisten berührt?

Paula Kalenberg: Ich habe die Dreharbeiten am Bahnhof und auf den Landstraßen als erschreckend real empfunden. Die Komparsen haben sich sehr schnell in der Rolle der panisch flüchtenden Bevölkerung wieder gefunden. Es lag wirklich ein Gefühl von Massenpanik in der Luft. An keinem anderen Drehtag kamen sich, meiner Meinung nach, Realität und Film so nahe.

Greenpeace: Wie geht Deine Generation mit dem Thema Atomkraft um?

Paula Kalenberg: Unsere Generation? Wer ist das? Generation Klingelton? Generation Desinteresse? Ich denke, wir wachsen in einem irrsinnigen Überfluss auf, dem wir uns kaum entziehen können. Dieser Überfluss wirkt wie ein Betäubungsmittel auf uns. Ich möchte das nicht als Entschuldigung nennen, dass die meisten in meinem Alter sich nicht um das Thema scheren.

Bis zu der Arbeit an der Wolke hatte es in meinem Leben auch keinen großen Stellenwert. Wie ungewiss und schleppend der Atomausstieg in Deutschland vorangeht, wusste ich nicht. Niemand in meinem Freundes- und Bekanntenkreis konnte mir sagen, ob und wenn ja wie viele AKWs in Deutschland noch aktiv sind und wo diese sich befinden. Wie soll man eine Generation für ein Thema interessieren, das sie scheinbar so wenig betrifft? Muss also immer erst etwas passieren, damit man aus Angst um das eigene Leben Engagement zeigt?

Greenpeace: Welche Meinung hattest Du vor den Dreharbeiten zur Atomkraft?

Paula Kalenberg: Ich hatte ehrlich gesagt gar keine Meinung. Dabei würde ich mich nicht als klingeltonbetäubt ansehen. AKWs habe ich nie für ein Thema gehalten, um das man sich unter einer Rot-Grünen Regierung noch groß kümmern muss.

Greenpeace: Wie denkst Du heute über Atomkraft?

Paula Kalenberg: Ich hatte keine Ahnung, dass im Atomausstieg bis jetzt gerade einmal zwei AKWs vom Netz genommen wurden, die im Übrigen altersschwach waren und gerade einmal rund 4,8 Prozent des gesamten Atomstroms ausmachten. Erschreckend, auch wenn man bedenkt, dass der Atomkonzern Siemens mittels Steuergeldern im Ausland neue AKWs aufrüstet und neu errichtet.

Tatsache ist doch, dass all die Gelder, die in Richtung Atomenergie fließen, heute schon genutzt werden müssen für den Ausbau und die Forschung rund um regenerative Energien. Das ist unsere Zukunft. Die Uranbestände werden ähnlich wie Erdöl und Erdgas in den nächsten 20 bis 70 Jahren aufgebraucht sein. Wie wir in der Gegenwart sehen können, bieten die begrenzten Vorräte fossiler Energien immer wieder Nährboden für Konflikte bis hin zu Kriegen. Allein beim Abbau von Uran werden ganze Landstriche radioaktiv verseucht. Bisher gibt es keine Endlager für den strahlenden Müll, der bei dieser Form der Energiegewinnung entsteht. Mann! Vielleicht bin ich zu naiv, aber die Situation ist doch verdammt eindeutig!

Greenpeace: Du bist im Jahr des Reaktorunfalls in Tschernobyl geboren. Hat der Unfall noch irgendeine Bedeutung für Dich?

Paula Kalenberg: Ich habe Tschernobyl wirklich nur noch durch Erzählungen mitbekommen. Auch darüber wusste ich erschreckend wenig vor der Arbeit an der Wolke. Die Folgen der Katastrophe ziehen sich noch in die heutige Zeit. Die Opferzahlen steigen jährlich. Aber das Interesse der Öffentlichkeit ist mit den Jahren weitgehend eingeschlafen. Ich verlange ja von niemandem, dass er 24 Stunden an diese Opfer denkt, doch sie zu vergessen ist reichlich respektlos, oder?

Greenpeace: Welche Verantwortung hat Deiner Meinung nach die Politik?

Paula Kalenberg: Die Politik? Das ist ein genauso schwammiger Begriff. Würden wir uns alle als ein Teil der Politik sehen, so läge die Verantwortung ganz klar bei der Politik. Ich denke aber, dass wir in Deutschland nicht nur eine gewisse Verantwortung als demokratischer Bürger haben, sondern auch als mündiger Konsument. Wir neigen dazu, die Verantwortung, die wir als Konsument haben, von uns zu schieben und runterzuquatschen. Tatsache ist doch, dass ein Produkt immer nur dann bestehen kann, wenn auch eine Nachfrage besteht. Also können wir auch direkten Einfluss auf die Atomindustrie ausüben, in dem wir bewusst einen atomstromfreien Stromanbieter wählen. Wir haben die Verantwortung und eben auch die Möglichkeit, unsere Zukunft zu wählen.

Greenpeace: Welche Verantwortung haben die Energieversorger?

Paula Kalenberg: Gute Frage. An den Menschenverstand und an moralische Grundwerte zu appellieren, scheint hier nichts zu nützen. Ich wüsste zum Beispiel gerne. ob ein Eon-, RWE-, Vattenfall-, EnBW-Konzernvorstand schon einmal nachts, vor lauter Gewissensbissen schweißgebadet aufgewacht ist und sich Sorgen um die eigenen Kinder gemacht hat. Vielleicht hat er anschließend die Nacht wach gelegen und sich Gedanken gemacht, wie er sich und seine Sprösslinge, für den Fall eines Supergaus in Deutschland, außer Landes bringen könnte. Und vielleicht hat er panisch in seinen Unterlagen nachgesehen, wo das AKW eigentlich liegt, in das sein Konzern gerade erst Gelder hat fließen lassen ...

Ich denke, dass wir mit dem Film Die Wolke die Möglichkeit haben Augen zu öffnen, bevor uns ein wirklicher Super-GAU dazu zwingt. Wir sind von diesem Thema alle betroffen und haben eine gemeinsame Verantwortung, es erst gar nicht zu diesem Albtraum kommen zu lassen.

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