Marode Meiler

Neue Ära des Risikos

In Europa sind 66 der 151 AKW älter als 30 Jahre. Die Gefahr eines schweren Unfalls steigt.

Alte AKW abschalten!

Mehr als drei Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima setzt Europa sich einem wachsenden nuklearen Risiko aus. Die überalterten Atommeiler sind mit 35 und mehr Betriebsjahren tickende Zeitbomben. 

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Steigendes Alter erhöht die Gefahr eines schweren Unfalls. 25 europäische AKW sind älter als 35 Jahre – davon sieben sogar älter als 40 Jahre. Trotz Nachrüstungen und Reparaturen verschlechtert sich der Zustand wichtiger Bauteile im Laufe der Jahrzehnte. Zwischenfälle und Komplikationen nehmen zu. 

Die AKW-Sicherheit wird auch aufgrund „weicher“ Faktoren geschwächt. Das Fachpersonal veraltet, geht in Rente oder verliert an Motivation. 

Trotz des Risikos planen viele Regierungen, die Laufzeiten weiter zu verlängern und die Erzeugerleistungen der AKW sogar noch zu steigern. Staaten wie Frankreich und die Schweiz ignorieren die Gefahr, die von den alternden Systemen ausgeht. Aber auch in Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Ungarn, Großbritannien, Niederlande, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien und Ukraine ist die Alterung von Reaktoren ein drängendes Problem.

Nach Deutschland muss nun auch Europa endgültig aus der Atomkraft aussteigen. Dies ist bis zum Jahr 2030 möglich. Im Jahr 2050 können Wind, Wasser und Sonne den europäischen Energiebedarf zu 100 Prozent decken.

Verlust von Sicherheit und Fachwissen

Atomreaktoren enthalten nicht ersetzbare Komponenten wie Reaktordruckbehälter und Containment (Sicherheitsbehälter) – deren Zustand verschlechtert sich im Lauf der Zeit. Auch wenn Bauteile erneuert werden können, kann dies weitere Risiken nach sich ziehen: So wird in manchen  Fällen für den Ersatz großer Komponenten der Sicherheitsbehälter des Reaktors durchbrochen – mit dem Resultat, dass die Stärke dieser entscheidenden Schutzstruktur zwangsläufig gemindert wird.

Bei den meisten Reaktoren, für die eine Verlängerung der Laufzeit beantragt wird, soll auch die Leistungskapazität erhöht werden – damit werden die bereits abgenutzten Systeme und Komponenten stärker belastet. Die wachsenden Mengen abgebrannter  Brennelemente und hoch radioaktiver Abfälle, die unter veralteten Sicherheitssystemen an vielen AKW-Standorten gelagert werden, stellen ein zusätzliches Risiko dar.

Auch andere Faktoren untergraben das allgemeine Sicherheitsniveau in alternden Reaktoren, zum Beispiel überholte Organisationsstrukturen, und der Verlust von Motivation und Fachwissen, wenn Routine einsetzt. 63 Prozent der leitenden Angestellten in europäischen AKW werden in den nächsten fünf Jahren in Rente gehen, kompetenter und erfahrener Nachwuchs fehlt.

Mangelnde Haftpflichtsummen

Radioaktivität kennt keine Grenzen. Viele Atommeiler stehen entlang früherer Ländermarken, im Fall eines ernsthaften Unfalls wären Deutschland oder ein anderer Nachbar ebenso von den katastrophalen Folgen betroffen. Darauf nehmen aber weder die Katastrophenschutzpläne noch die geltenden Haftungsregeln Bezug. Die aktuellen Summen der Atomhaftpflicht in Europa sind – je nach Land – zur Deckung der wahrscheinlichen Kosten um einen Faktor zwischen 100 und 1000 zu niedrig. Entscheidungen zu Laufzeitverlängerungen alter Reaktoren stehen unter wirtschaftlichem und politischem Druck: Die Kapitalkosten für die alten Anlagen haben sich bereits amortisiert, sie werden daher relativ kostengünstig betrieben. Würde man sie jedoch auf das Sicherheitsniveau nachrüsten, das für neue Reaktoren verlangt wird (beste vorhandene Technologie), wären sie auf dem Strommarkt nicht wettbewerbsfähig.

Die Beteiligung der Öffentlichkeit sowie unabhängige Medien können die Qualität der Kontrolle alternder Reaktoren durch die Aufsichtsbehörden verbessern. Zudem hat unter den Aarhus- und Espoo-Konventionen die Öffentlichkeit das Recht, bei politischen und unternehmerischen Plänen konsultiert zu werden, die eine Laufzeitverlängerung für alte Reaktoren beinhalten.

Greenpeace fordert, alte AKW sofort abschalten! Europa muss spätestens bis zum Jahr 2030 aus der Atomkraft aussteigen!


 

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Häufig gestellte Fragen

  • Deutschland steigt aus der Atomkraft aus. Warum sollten uns die AKW in anderen Ländern interessieren?

    Radioaktivität macht nicht an Staatsgrenzen halt. Ein Atomunfall in einem Nachbarland hätte in den meisten Fällen auch direkte Auswirkung auf die Deutsche Bevölkerung. Nur ein europäischer Ausstieg wäre konsequent, um das Atomrisiko hier zu stoppen.

  • Wer kontrolliert die Sicherheit der europäischen AKW?

    Die Kontrolle obliegt den nationalen Atomaufsichten. Je nach Land sind diese häufig mit der Atomindustrie verbunden. Nach Fukushima wurden die EU-Stresstests durchgeführt, ein Sicherheitscheck für alle europäischen AKW. Doch dieser führt nicht weit genug, geforderte Nachrüstungen werden in vielen Staaten nur sehr schleppend und mangelhaft umgesetzt.

  • Wer haftet für Schäden in Deutschland bei einem Atomunfall in einem Nachbarland?

    In erster Linie sind die Leidtragenden bei einem Atomunfall die betroffenen Menschen. Bezahlen muss zunächst der Betreiber der Anlage. Doch nur bis zu einer bestimmten Höhe. Die ist von Staat zu Staat unterschiedlich. In jedem Fall ist diese Höhe in vielen Ländern weit unter den anzunehmenden Kosten. Danach muss der Steuerzahler für die enormen Kosten aufkommen.

  • Kann Europa denn überhaupt aus der Atomkraft aussteigen?

    Ein europäischer Atomausstieg ist möglich und nötig. Nach dem Energy (R)Evolution Szenario von Greenpeace können wir bei einer konsequenten Fortführung der Energiewende bis 2030 nahezu vollständig aus der Atomenergie in Europa aussteigen. Bis 2050 könnte Europa seinen Energiebedarf 100% aus Erneuerbaren Energien decken.

  • Forderungen

    • Europa muss aus der Atomenergie aussteigen
    • Ehrgeizige und verbindliche EU-Klima- und Energieziele
    • Überalterte AKW sofort abschalten
    • Haftungsregeln für Atomkraftwerke reformieren

    Publikationen