25 Jahre Brent Spar

EIN ERFOLG SCHREIBT GESCHICHTE

Versenkungsverbot für Ölplattformen: Diesen Erfolg erzielten Greenpeace und die Umweltbewegung vor 25 Jahren mit der Brent-Spar-Kampagne.

Das Meer ist keine Müllkippe

Der Druck der mächtigen Umweltschutz-Kampagne war riesig: Im Juni 1995 gab der Shell-Konzern bekannt, dass er die Ölplattform Brent Spar nicht wie vorgesehen im Atlantik versenken werde.

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Die Brent Spar, 190 Kilometer nordöstlich der Shetland-Inseln im Meer verankert, diente von 1976 bis 1978 als Rohöl-Zwischenlager. Nachdem die Anlage anschließend 17  Jahre lang in der Nordsee gedümpelt hatte, wollte Shell den Stahlkoloss mitsamt rund 130 Tonnen Ölschlämmen, Schwermetallen und radioaktiven Abfällen im Meer versenken. Nach einer beispiellosen Kampagne gegen die geplante Versenkung lenkte Shell im Juni 1995 ein: Die Brent Spar sollte nun an Land zerlegt werden.

Seit 1998 gilt zudem ein generelles Verbot für Plattformversenkungen. Diese Erfolge stützen sich auf unzählige Verbraucherinnen und Verbraucher, die die Greenpeace-Kampagne um die Brent Spar mitgetragen haben. Ein solcher Sieg für den Meeresschutz konnte nur gelingen, weil die Öffentlichkeit in Europa die Shell-Haltung “Aus den Augen, aus dem Sinn“ vehement abgelehnt hat.

Ein Konzern versenkt sein Image

Shell selbst trug entscheidend zum Erfolg des Protests gegen die Brent Spar-Versenkung bei: Bis zum Schluss hatte der Konzern nicht begriffen, dass er die öffentliche Meinung nicht einfach ignorieren kann. Durch gefährliche Wasserwerfer-Einsätze gegen die Greenpeace-Aktivisten, die versuchten die Plattform zu erklettern, heizte Shell die Konfrontation Woche um Woche weiter an.

Die immer breiter werdende Berichterstattung in den Medien tat ein Übriges: Shell gab nach und bezahlte für seine krasse Fehleinschätzung der öffentlichen Macht mit einem herben Image-Verlust.

Falsche Zahlen: Die Greenpeace-Panne

Auch Greenpeace unterlief vier Tage vor Kampagnenende eine Panne: Aufgrund eines Messfehlers wurden die in der Brent Spar verbliebenen Ölmengen um ein Vielfaches zu hoch eingeschätzt. Für die Veröffentlichung der überhöhten Zahlen wurde die Organisation zu Recht kritisiert. Der britische Greenpeace-Chef entschuldigte sich später schriftlich bei Shell für die Messpanne.

Sechs Wochen lang hatte Greenpeace jedoch ausschließlich mit Shells eigenen Zahlen argumentiert. Erst zwei Tage bevor Shell bekanntgibt, auf die Versenkung der Brent Spar zu verzichten, veröffentlichte die Umweltschutzorganisation den falschen Wert – zu diesem Zeitpunkt war die öffentliche Empörung längst auf dem Höhepunkt.

Brent Spar, ein (positiver) Präzedenzfall

Ölmengen waren allerdings nie das zentrale Argument der Brent-Spar-Kampagne. Es ging Greenpeace darum, einen Präzedenzfall zu verhindern. Denn:

  • Industrie-Schrott gehört nicht ins Meer;
  • Konzerne stehen – wie auch die Verbraucher – in der Verantwortung, ihren Müll möglichst umweltschonend zu entsorgen;
  • Versenkungsverbote, die in anderen Branchen schon lange existierten, sollten auch für die Ölindustrie gelten.

1998 konnte das Kapitel “Plattform-Versenkung in der Nordsee und dem Nordost-Atlantik“ endlich abgeschlossen werden: Die OSPAR-Meeresschutz-Konferenz einigte sich auf ein generelles Versenkungsverbot für Stahlplattformen. Damit wurde die Brent Spar tatsächlich zu einem positiven Präzedenzfall für den Meeresschutz.

Das Ende des Brent-Feldes

Auch heute, 25 Jahre nach der Kampagne, sind wegen des Versenkungsverbots in Nordsee und Nordost-Atlantik die Themen Plattformen im Brent-Ölfeld und Shell immer noch aktuell. Die Produktion im Brent-Feld ist wirtschaftlich nicht mehr rentabel, die Stilllegung der vier großen Förderplattformen ist im Gange. Die Plattform Brent Delta stellte die Produktion Ende 2011, Brent Alpha und Brent Bravo im November 2014 ein. Die Aufbauten der Brent Delta-Plattform wurden im April 2017 entfernt, später dann die Aufbauten der Brent Bravo im Juni 2019.

Immer wieder Shell

Trotzdem bedroht der Ölkonzern Shell noch immer die Meere. Nach konzerneigenen Angaben sollen 11.000 Tonnen Öl in Teilen von drei alten Öl-Plattformen des Brent-Feldes im Meer zurückgelassen werden. Gegen diese Pläne protestierten Greenpeace-Aktivistinnen und Aktivisten mit dem Schiff Rainbow Warrior im Oktober 2019 im Brent-Ölfeld. Die Forderung: die 11.000 Tonnen Öl dürfen nicht in der Nordsee verbleiben und müssen umweltgerecht an Land entsorgt werden. Auch ein Vierteljahrhundert nach der Brent Spar-Kampagne wird deutlich: Shell hat sich nicht geändert, nach wie vor soll das Meer als Müllkippe missbraucht werden, um Kosten zu sparen.

Shell hat die aktuellen Pläne bei der britischen Regierung zur Genehmigung eingereicht, die diese unterstützt und der OSPAR-Kommission (Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordost-Atlantiks) zur Konsultation vorgelegt hat. Eine Zustimmung könnte einen Präzedenzfall für andere Ölkonzerne schaffen. Die deutsche Regierung hat einen offiziellen Widerspruch gegen die Pläne eingelegt, ebenso sprechen sich die Regierungen von Schweden, Belgien, Dänemark und den Niederlanden sowie die EU gegen den Verbleib von 11.000 Tonnen Öl im Meer aus.

So ist die Ölindustrie noch immer in der Pflicht, Veränderungen herbeizuführen und die Meere und deren Ökosysteme zu schützen. Der Fortschritt, den Greenpeace und die Umweltbewegung mit der Brent Spar-Kampagne errangen, bleibt ein Erfolg – der Geschichte schrieb und bis heute wirkt. Doch die Nordsee braucht weiteren Schutz: Um die Ziele zum Meeresschutz und Klimaschutz erreichen zu können, muss auf europäischer Ebene ein Fahrplan zum Ende der Öl- und Gasindustrie in der Nordsee beschlossen werden.

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20 Jahre nach Brent Spar

Der Bericht geht der Frage nach, was sich in den vergangenen 20 Jahren bei der Offshore Öl- und Gasförderung im Nordostatlantik getan hat.