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Judith Blümcke (Mitte) von Greenpeace Köln im Gespräch mit Passanten. Im Hintergrund überdecken andere die Fensterscheiben einer Lidl-Filiale von außen mit Fotos aus Schweineställen.
© Bernd Lauter

Erfolg nach 400 Aktivitäten bei Lidl: Interview mit einer Greenpeace-Aktivistin

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Sie haben einen langen Atem, sind bei Wind und Wetter unterwegs. Knapp zehn Monate zogen Greenpeace-Ehrenamtliche vor Lidl-Filialen, forderten den Handelsriesen auf, Schluss mit Billigfleisch zu machen und für mehr Transparenz zu sorgen. Nun ein erster kleiner Erfolg: Lidl hat angekündigt, Fleisch ähnlich wie Eier zu kennzeichnen. Von Stufe 1, dem mit viel Tierleid verbundenen gesetzlichen Mindeststandard, bis 4, Biohaltung. Ziel sei, langfristig gar kein Fleisch der Stufe 1 mehr anzubieten. Auch wenn die Kriterien der Stufe 2 aus der umstrittenen Initiative Tierwohl stammen und somit noch arg verbesserungswürdig sind, ist Lidls Haltungskennzeichnung ein Meilenstein.

Judith Blümcke ist eine der ehrenamtlichen Aktivistinnen, deren Einsatz dieser Erfolg zu verdanken ist. Seit einigen Jahren ist sie bei Greenpeace Köln, kümmert sich um Kontakte zur Presse, versorgt Twitter und Facebook und geht auf die Straße – unter anderem für eine nachhaltige Landwirtschaft und gutes Essen. Wir haben sie gefragt, wie sie das macht und ob Lidl nun in Ruhe gelassen wird.

Greenpeace: „Schweine leiden – für Lidl lohnt sich’s“  mit solchen Schildern begann im April 2017 die Kampagne gegen Billigfleisch. Seitdem gab es über 400 Aktivitäten von Ehrenamtlichen. Du hattest bereits die nächste Aktion geplant, über Facebook sogar Verbraucher eingeladen, mitzumachen. Was hast du gedacht, als Lidl am Donnerstag bekanntgab, Fleischprodukte kennzeichnen zu wollen?

Judith Blümcke: Das Einlenken von Lidl kam überraschend. Die Konzern-Zentrale hatte sich all die Monate nicht gerührt. Man hatte das Gefühl, die wollen das aussitzen. Uns war aber immer klar: Wir werden nicht aufgeben, da müsste Lidl einen noch längeren Atem haben als wir.

Umso größer war die Freude. Ein schöner Erfolg und ein wichtiges Zeichen an unsere Gruppe und an alle Verbraucher. Wenn wir uns zusammen für etwas einsetzen, können wir Veränderungen erreichen.

Ist euer Ziel nun erreicht?

Nein, Lidl geht als erstes Handelsunternehmen einen Schritt in die richtige und notwendige Richtung – das ist gut, aber die Tierhaltung ist dadurch noch nicht besser. Langfristig darf nur noch Fleisch der Stufe 3 und 4 in den Handel.

Heißt das, dass ihr irgendwann wieder vor Lidl steht?

Das hängt von Lidl ab. Lidl muss nun den selbstgesteckten Zeitplan einhalten und schnell den Worten auch Taten folgen lassen. Wenn statt dem jetzigen Mindeststandard Fleisch aus der Initiative Tierwohl das neue „Billigfleisch“ wird, dann kommen wir wieder.

Welche Aktionen gab es bislang in Köln?

Wir haben viel gemacht. Infostände vor Lidl-Filialen, mit Angestellten und Verbrauchern gesprochen und Protestkarten verteilt. Diese wurden dankbar angenommen, unterschrieben und vor Ort bei Lidl abgegeben. Eine größere Aktion war, die Fensterscheiben einer Filiale in Köln mit großen Fotos zu bekleben – der Laden sollte außen wie ein Schweinestall aussehen. Die Mitarbeiter haben uns allerdings massiv behindert und die Plakate abgerissen.

Es gab aber auch viele kleinere Aktionen. Da haben kleine Teams Lidl besucht und Fleischprodukte mit „Mit Tierleid“- oder „Mit Antibiotika“-Schildern gekennzeichnet. Denn so werden die Tiere gehalten, deren Fleisch für wenig Geld bei Lidl angeboten wird. 

Wie reagierten Passanten auf die Infostände?

Viel besser als ich erwartet hatte. Vor der ersten Aktion im April hatten wir mit reichlich Gegenwind und Unverständnis gerechnet. Stattdessen hatten wir viele positive Gespräche und  Rückmeldungen wie „Weiter so!“ oder „Toll, was ihr hier macht“ – und nicht nur von Leuten, die sowieso schon auf die Ernährung achten, sondern quer durch die Gesellschaft. Das motiviert unglaublich – zu sehen, dass sich was bewegen lässt.

Natürlich gab es auch diejenigen, die kein Verständnis hatten und sagten, dass Bio zu teuer sei. Diese Menschen blieben meist bei ihrer Meinung und ließen sich nicht überzeugen, weniger und dafür gutes Fleisch zu kaufen. Das waren harte Diskussionen, aber davon hatten wir nur wenige.

Wissen Verbraucher denn, was hinter Aufdrucken wie „Initiative Tierwohl“  auf Fleischprodukten wirklich steckt?

Nein. Die meisten Verbraucher verlassen sich darauf, dass es den Tieren bei solch einem Aufdruck gut geht und rechnen nicht damit, dass nur ein Bruchteil der Produkte aus der Initiative stammt. Zudem wissen die wenigsten, dass die Kriterien der Initiative viel zu schwach sind, um mehr Tiergesundheit und Tierwohl im Stall herzustellen. Denen gaben wir  dann den Greenpeace-Siegelratgeber mit.

Ist der Siegelratgeber durch die neue Kennzeichnung bei Lidl überflüssig?

Nein, denn es gibt noch genügend andere Handelsketten, die nicht für Transparenz sorgen.

Bei Lidl wird entscheidend sein, wie gut die Stufen im Laden erklärt werden. Stufe 2 entspricht nur den Kriterien der Initiative Tierwohl und reicht bei weitem nicht aus. Am besten wäre es, wenn wir eine gesetzlich verpflichtende Haltungskennzeichnung hätten – ähnlich wie bei frischen Eiern. Wenn jeder Händler sein eigenes Kennzeichnungssystem einführt, ist das für den Verbraucher nur verwirrend. Die Politik hat das bisher versäumt. Wir hoffen sehr, dass eine neue Regierung endlich einheitlich für Transparenz sorgt.

Auf unserem Facebook-Kanal tauchte häufiger die Frage auf, warum nur Lidl. Ist dir das auch passiert?

Weniger vor den Filialen, eher auf Facebook. Denen erklärten wir, dass Discounter wie Lidl und Aldi durch ihre Billigpreispolitik die Misere massiv vorantreiben. Wir können nicht vor allen Märkten stehen, irgendwo muss man aber anfangen. Angesprochen sind jedoch ebenso andere Handelsketten, das nehmen die Unternehmen auch so wahr.

Du arbeitest Vollzeit und hast ein Privatleben. Was motiviert dich, in deiner Freizeit für Greenpeace unterwegs zu sein?

Ich habe mich schon immer für Umweltschutz interessiert. Das kommt sicherlich durch meinen Vater, der Greenpeace-Förderer und beim Nabu war. Ich bin auch schon seit meiner Studentenzeit Fördermitglied. In den vergangen Jahren hat sich der Wunsch gefestigt, noch mehr zu machen, mich einzubringen und was zu bewegen. Ich habe lange überlegt, was passend wäre und habe mich dann für Greenpeace entschieden – weil der Themenmix und die Aktionsform passen.

Mal ehrlich, was denkst du, wenn am Samstagmorgen der Regen an die Fensterscheibe prasselt und der Wecker klingelt, weil eine Aktion ansteht?

Manchmal denke ich dann schon „Uff“ und „wie anstrengend“. Aber dann fällt mir ein, was ich bereits in die Vorbereitung gesteckt habe, dass die anderen auch aufstehen und wir wirklich was verändern können.

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