Sieben Jahre Detox-Kampagne: Greenpeace zieht Bilanz

Eine ganz große Null

Seit sieben Jahren arbeitet Greenpeace intensiv daran, mit der Modebranche ihre Textilien zu entgiften. Mit Erfolg! Doch nachhaltige Mode bedeutet nicht nur „ungiftig“.

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Die Null hat zu Unrecht ein schlechtes Image. Dabei kann man mit ihr viel Freundliches ausdrücken: null Kosten, null Probleme – oder im Falle des aktuellen Fortschrittsberichts von Greenpeace zur Textilbranche „null giftig“. Zugegeben: So weit ist die Industrie noch nicht. Doch wohin die Reise geht, ist klar. „Destination Zero“ ist der heute veröffentlichte Bericht überschrieben, das Ziel lautet: kein bisschen schädliche Chemie.

Die Bilanz macht Mut. Dank der Arbeit von Greenpeace hat die Entgiftung in der Textilindustrie in den vergangenen sieben Jahren große Fortschritte gemacht. 80 Unternehmen haben sich weltweit auf Druck der Kampagne zu einer giftfreien Produktionsweise bekannt. Mit dem Zusammenschluss von Textilherstellern aus dem Prato-Distrikt in Norditalien hat sich sogar erstmalig eine ganze Textilregion verpflichtet, giftfrei zu produzieren. Dieser Trend ist unumkehrbar: Je mehr Lieferanten mitziehen, umso weniger Mitbewerber können es sich leisten, nicht mitzumachen.

Giftfrei wird selbstverständlich

Eine Kettenreaktion, im durchaus doppeldeutigen Sinn: Fast-Fashion-Großunternehmen wie H&M und Zara haben mit transparenten Lieferketten und einem funktionierenden Chemikalienmanagement das Thema Entgiftung in den Mode-Mainstream getragen – und dort bleibt es fest verwurzelt. „Die Detox-Verpflichtungen wirken, und sie entziehen dem Rest der Branche seine Ausreden“, sagt Viola Wohlgemuth, Greenpeace-Expertin für Textilien. „Firmenverantwortung und Giftfreiheit werden zur Selbstverständlichkeit in der Branche.“

Seit 2011 lenkt Greenpeace den Blick auf das umweltschädliche Verhalten der Textilbranche und fordert Verbesserungen ein. Ganz konkret bedeutet ein Detox-Commitment, dass die teilnehmenden Firmen unterschreiben, ihre gesamte Produktion bis zum Jahre 2020 von umwelt- und gesundheitsgefährlichen Chemikalien zu entgiften. Ein ehrgeiziges Ziel, das zunächst von der Branche und in vielen Medien als unerfüllbar und unrealistisch abgetan wurde. Der Sportartikelhersteller Puma war 2011 das erste Unternehmen, das die Verpflichtung unterzeichnete. Sieben Jahre und 79 Commitments später müssen auch hartnäckige Zweifler einräumen: Die Ziele waren nicht zu hoch gesteckt. Eine giftfreie Produktion ist möglich.

Da geht noch mehr

Die Kampagne hatte auch politische Auswirkungen. Auf Druck von Greenpeace wurden etwa in China strengere Abwasserstandards durchgesetzt – selbst wenn andere Erfolge, wie etwa eine Transparenzverordnung, später wieder aufgehoben wurden. Ein EU-weites Einfuhrverbot für Textilien, die giftige Nonylphenolethoxylate (NPE) enthalten, geht zudem auf Untersuchungen von Greenpeace zurück, 2020 tritt es in Kraft. In Indonesien und Mexiko hat die Kampagne ebenfalls gesetzliche Maßnahmen für saubereres Wasser angestoßen.

Die Null ist noch nicht ganz erreicht. Aber die Zahlen geben berechtigten Anlass zur Hoffnung. In Deutschland sind bereits insgesamt 30 Prozent der Textilindustrie auf Detox-Kurs, das schließt große Einzelhändler wie Lidl ein. International haben sich 19 Modefirmen, sieben Discounter, drei Outdoor-Marken und viele Textillieferanten der Detox-Bewegung angeschlossen. Zusammen erwirtschaften sie etwa 15 Prozent der globalen Textilproduktion. Sie haben den Wendepunkt für die ganze Branche gesetzt.

Ungiftig – aber bereits nachhaltig?

Sieben Jahre Detox-Kampagne sind eine Erfolgsgeschichte – mit Wermutstropfen. Schädliche Chemikalien sind ein gewaltiges Problem, doch mindestens ebenso schwer wiegen Verbrauch und Verschwendung. „Die enorme Materialschlacht im Verbrauchszyklus von Textilien kann niemals nachhaltig sein“, sagt Bunny McDiarmid, Geschäftsführerin von Greenpeace International im Vorwort des Fortschrittsberichts. Deswegen braucht es eine grundlegendere Form des Umweltbewusstseins in der Modebranche. Für die Hersteller bedeutet das, künftig kreislauffähige Mode zu entwickeln, für Verbraucherinnen und Verbraucher verantwortungsvoller zu konsumieren: minimal kaufen – und maximal viel selbermachen.


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