Studie „Der Plan“ für Deutschland: 100 Prozent Erneuerbare Energien bis zum Jahr 2050

Wir müssen nur wollen!

Sonne und Wind treiben Kühlschränke, Autos und Lampen an. Die zerstörende Kraft von Kohle und Atom ist Geschichte. Ein Traum? Nein, „Der Plan“! Den hat Greenpeace nun veröffentlicht.

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Die Sonne produziert rein rechnerisch 2850 mal mehr Energie, als wir brauchen – der Wind 200 mal. Wir haben die Technik für effiziente Geräte. Die Frage ist nur, wieso wir all das nicht nutzen und uns stattdessen – ohne Not – den unsäglichen Gefahren aus der Kohle und Atomkraft aussetzen?

Technisch ist der Weg Richtung 100 Prozent Erneuerbare Energien frei, wir müssen ihn nur gehen: Schritt für Schritt zeigt Greenpeace in der Neuauflage des Energiekonzepts „Der Plan“,  wie die komplette Umstellung auf Erneuerbare Energien bis zum Jahr 2050 in Deutschland funktionieren kann. „Wir als bedeutende Wirtschaftsnation, als Land mit nur mäßigem Sonnenschein und einem sehr hohen Lebensstandard können es vormachen“, erklärt Niklas Schinerl, Experte für Energie bei Greenpeace. „Die Bundesregierung muss den Umbau der Energieversorgung vorantreiben, anstatt in gefährliche Energiequellen wie Kohlekraft und Öl zu investieren.“

Seit dem Erscheinen des ersten Plans im Jahr 2007 hat sich aber auch einiges getan: Im vergangenen Jahr lieferten Wind, Sonne und Wasser mehr Strom als jeder andere Energieträger – 2015 werden die Erneuerbaren vermutlich bereits 33 Prozent des inländischen Stromverbrauchs abdecken. Viele Menschen sind weiter als die Politik und füllen die Energiewende bereits heute mit Leben. Aber auch neue Preis- und Marktdynamiken machen es notwendig, den Fahrplan auf den neuesten Stand zu bringen.

Deutschland ist erneuerbar

Auf 160 Seiten rechnet die Studie vor, wie Deutschland innerhalb von drei Jahren aus der Atomkraft, bis 2030 aus der Braunkohle und bis 2040 aus der Steinkohle aussteigen kann. Für die erste Phase bis 2020 heißt das, dass circa 1200 Windräder auf hoher See und 2800 an Land gebaut werden und der Ausbau weiterer hunderttausend Photovoltaikanlagen vorangetrieben werden muss. Aber auch die Versorgerstruktur muss sich verändern: Viele kleine effiziente Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) wie dezentrale Blockheizkraftwerke treten zunehmend an die Stelle von zentralen Strom- und Wärmeversorgern. Durch diese Maßnahmen könnten zwölf der besonders klimaschädlichen und gesundheitsgefährdenden Braunkohlekraftwerke abgeschaltet werden.

In der zweiten Phase von 2021 bis 2030 liegt der Schwerpunkt nicht mehr nur auf dem Zubau – die Anlagen müssen leistungsstärker werden, gleichzeitig kommt das endgültige Aus für Braunkohlekraftwerke. In Phase drei gehen nach und nach ineffiziente Steinkohlekraftwerke vom Netz; als Stromreserve bleiben dann noch Gaskraftwerke in dezentralen KWK. Phase vier vollendet die Energiewende: Die Technik ist so weit ausgereift, dass überschüssige Energie an wind- und sonnenreichen Tagen in großen Mengen in Methangas umgewandelt und über Wochen gespeichert werden kann. Erdwärme, Wasserkraft und nachhaltige Biogas-Anlagen ergänzen den Energiemix.

Klar ist aber auch, dass das nur klappt, wenn wir unseren Energieverbrauch deutlich senken. Zurück in die Steinzeit müssen wir deshalb nicht – was wir brauchen sind sparsamere Geräte, besser gedämmte Häuser und einen bewussten Umgang mit unseren Ressourcen und Konsumgewohnheiten. „Insbesondere im Verkehrssektor ist viel Luft nach oben“, sagt Niklas Schinerl. „Das Auto kann in Zukunft nicht mehr unser wichtigstes Fortbewegungsmittel sein.“

Bürger nehmen Energiewende in die Hand

In der Tat ist die Energiewende auf die privaten Haushalte angewiesen. Viele Menschen haben das erkannt und werden selbst aktiv. Da gibt es die Gemeinde Saerbeck im Münsterland: Ihre 7200 Bewohner haben 150 Maßnahmen beschlossen, um sich bis 2030 zu 100 Prozent mit Erneuerbaren Energien versorgen zu können. Oder die Stadtteilschule Blankenese in Hamburg: Sie unterrichtet Klimaschutz, initiiert Schulprojekte zum Energiesparen und hat eine eigene Photovoltaikanlage. Schulleiter Mathias Morgenroth-Marwedel kann stolz auf die schuleigene Klimabilanz sein – der CO2-Ausstoß hat sich seit 1995 fast halbiert.

Und ganz nebenbei haben  Menschen wie diese den Strommarkt revolutioniert: Die großen Energiekonzerne wie RWE, E.on und Vattenfall haben ihre Vormachtstellung verloren – die Energie ist zunehmend in der Hand von Bürgern: Über eine Million Haushalte haben bereits jetzt Photovoltaikanlagen auf dem Dach.

Die Herausforderung

Es gibt aber auch erbitterte Gegner: Woher denn der Strom kommen solle, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, kritisieren sie Doch wer regelmäßig den Wetterbericht studiert, weiß, dass das Wetter im Norden meist anders ist als im Süden, Osten oder Westen. Eine Verteilung der Anlagen kann also schon einen Teil der Schwankungen ausgleichen.

Dennoch lässt sich nicht leugnen: Die Erneuerbaren Energien, die in Deutschland im Zentrum der Stromerzeugung stehen, sind eigenwilliger als fossile Brennstoffe. Windstille, wolkenverhangene Tage sind garantiert keine verlässlichen Stromlieferanten. Ein Grund, die Energiewende abzublasen, ist das aber nicht. Denn auch hier müssen lediglich bestehende Techniken zur Speicherung von Wind- und Sonnenenergie verbessert und ausgebaut werden. Das kann im privaten Bereich ganz simpel durch die Nutzung von Batterien sein. Überflüssiger Strom aus der Solaranlage kann in eine Batterie geleitet und dort sozusagen gelagert werden, bis er nachts den Kühlschrank antreibt. Für die Versorgung im größeren Stil ist die Power-to-Gas eine vielversprechende Technik. Dabei wird Strom in Erdgas umgewandelt, welches sich vielfältig einsetzten lässt: zum Tanken des E-Autos, Heizen oder als Stromlieferant. Das Erdgasnetz gibt es übrigens schon – es ließe sich problemlos nutzen, um die Energie in Deutschland zu verteilen.

Apropos Netze. Der Ausbau der Überlandleitungen, die die Windenergie aus dem Norden in den Süden leiten sollen, sorgt regelmäßig für Unmut. Bürger befürchten gesundheitliche Beeinträchtigungen durch elektrische und magnetische Strahlung; hässliche Stromtrassen verschandeln die Landschaft, so lautet die Kritik. Greenpeace schlägt in „Der Plan“ einen bedachten Ausbau vor. Zunächst sollten bestehende Leitungen ausgebaut und ertüchtigt werden, um mehr Strom transportieren zu können.

Zu teuer? Von wegen!

Und wer soll das Ganze bezahlen? Erneuerbare Energien sind günstiger als Kohle- und Atomstrom – der Preis im Großhandel, also an der Strombörse, ist gefallen. Im Schnitt kostete im Jahr 2014 die Megawattstunde mit etwa 40 Euro nur halb so viel wie 2008. Die Stromanbieter haben diesen Preisverfall allerdings nicht vollständig und zudem sehr verspätet – erst Anfang 2015 – an ihre Kunden weitergegeben. Dabei hätte das den Anstieg der EEG-Umlage in den vergangenen Jahren abfedern können.

Die Erneuerbaren produzieren mittlerweile so viel Strom, dass Deutschland jährlich neun Milliarden Euro weniger für Energieimporte ausgeben muss. Zudem vermeidet die umweltfreundliche Produktion Umweltschäden von mehr als zehn Milliarden Euro. Auch die Wirtschaft profitiert, stellt über 400.000 neue Arbeitsplätze und hat einen Umsatz von 22,7 Milliarden Euro erzielt – doppelt so viel wie das Textilgeschäft in Deutschland.  Also auch kein Grund, die Energiewende zu bremsen – ihr steht also eigentlich nichts im Weg. Es liegt an uns: Wir müssen nur wollen.

Grafik: Reduktion der CO2 Emissionen gesamt

Grafik: Umbau der Stromerzeugung bis 2050

Publikationen

Klimaschutz: Der Plan

Das Energiekonzept für Deutschland - mit der vorliegenden Studie aktualisiert Greenpeace das im Jahre 2007 erstmals als „Plan B“ veröffentlichte und zuletzt 2009 zum „Klimaschutz Plan B 2050“ erweiterte Szenario eines nahezu vollständig CO2-freien Deutschland.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Merkels Klimabilanz

Greenpeace zieht Bilanz: Die Klimaschutzpolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel zwischen 2005 und 2017

Why automobile has no future

Die Automobilwirtschaft steht nicht erst seit dem Dieselskandal vor einem grundlegenden Wandel. Ökologische Notwendigkeiten und technologische Möglichkeiten machen neue Formen der Mobilität erforderlich und möglich.

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