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Brückenprotest Lübeck

Greenpeacer demonstrieren an Papierfrachter aus Finnland

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

In Finnland haben die Aktivitäten vom Montag und Donnerstag bereits zu Reaktionen geführt. Der staatliche Forstkonzern Metsähallitus kündigte an, bis auf weiteres den Papierkonzern Stora Enso nicht mehr mit Holz aus den umstrittenen Gebieten zu beliefern - auf Wunsch der Kunden von Stora Enso. Allerdings werde man weiter auch in den Urwäldern Lapplands einschlagen und das Holz lagern. Von Stora Enso gibt es bislang keine Aussage, in Zukunft auf Urwaldholz zu verzichten.

Das ist völlig inakzeptabel, sagt Greenpeace-Waldexperte Oliver Salge. Der Einschlag in den Urwäldern muss aufhören, sonst wird das Holz eben im nächsten Frühjahr an Stora Enso geliefert. Es gibt keine Garantie dafür, dass es nicht früher oder später doch als Zeitschrift auf unseren Wohnzimmertischen landet. Das kann keiner kontrollieren.

Update 16:00 Uhr: Es ist jetzt fast vier Uhr und die Antares konnte den Nordlandkai bislang noch nicht anfahren, um ihre Ladung Zellstoff zu löschen. Der Papierfrachter ist in Wartestellung gegangen. Die Polizei hat angefangen, die Kletterer von der Brücke zu holen. Das große Transparent ist gerade eingezogen worden. Drei einsame Kletterer hängen noch. Sogar die Bootsbesatzungen werden von der Polizei fortgeschleppt.

Die Gelegenheit nutze ich, um ein kleines Interview mit Sigurd zu führen. Sigurd war schon im Frühjahr in der Urwaldschutzstation im Norden Finnlands dabei. Er ist 22 Jahre jung, gelernter Forstwirt und kommt aus der Umgebung von Ulm. Ihm war es ein Anliegen hier wieder dabei zu sein.

Greenpeace-Online: Sigurd, warum bist du heute wieder dabei?

Sigurd: Ich war ja schon in der Urwaldschutzstation in Finnland mit dabei und es ist mir wichtig, meinen Protest hier fortzuführen. Ich möchte für die Urwaldzerstörung in Finnland auch hier die Öffentlichkeit sensibilisieren und das Problem bekannt machen. Deutschland ist ein großer Abnehmer von finnischen Holzprodukten.

Außerdem ist es mir wichtig, gemeinsam mit anderen Druck auf die finnische Regierung und auf Stora Enzo auszuüben, damit der Urwald in Lappland nicht weiter zerstört wird. Es müssen sofort wieder Verhandlungen mit den Sami aufgenommen werden, um eine Lösung zu finden.

{image_r}Greenpeace-Online: Was hast du hier heute gemacht?

Sigurd: Außer, dass ich mich für den finnischen Urwald eingesetzt habe, war ich den ganzen Tag im Schlauchboot unterwegs. Ich bin in einem so genannten Safety-Boot gefahren. Wäre einem Kletterer was passiert, wäre beispielsweise jemand abgestürzt, hätten wir sofort geholfen. Ich bin mit meinen Mitfahrern und Mitfahrerinnen den ganzen Tag rund um die Herrenbrücke unterwegs gewesen.

Greenpeace-Online: Ich möchte nochmal auf die Urwaldschutzstation zu sprechen kommen. Was hat dich dort am meisten beeindruckt?

Sigurd: Die Schönheit der nordischen Urwälder. Das war für mich das Schönste. Einmal war ich sogar drei Tage mit Skiern in den Urwäldern unterwegs, es war total beeindruckend. Ich habe vorher noch nie eine so einzigartige und wunderschöne Landschaft erlebt.

Es ist einfach nicht zu vergleichen mit unseren Wäldern. Ich habe Baumstümpfe von Bäumen gesehen, die einen Durchmesser von etwa dreißig Zentimeter hatten. Die Baumringe waren so schmal, dass man sie kaum zählen konnte. Diese Bäume waren rund 300 Jahre alt. Bei uns sind Bäume mit so ähnlichem Umfang etwa 30 Jahre alt. Das macht deutlich wie schwerwiegend die Einschläge in Lappland sind und warum es so wichtig ist, dass sie aufhören.

Greenpeace-Online: Wie geht es nach dem heutigen Tag für dich weiter?

Sigurd: Ich fahre erstmal wieder nach Hause, da ich schon seit Samstag unterwegs bin. Dort werde ich mich wieder mehr der Arbeit in meiner Greenpeace-Gruppe widmen. Auch dort ist mein Steckenpferd die Urwaldarbeit.

Greenpeace-Online: Sigurd, vielen Dank für das Gespräch.

Morgens in der Frühe: Brrr, bitter kalt ist es mitten in der Nacht Anfang November. Trotzdem warten über 40 Greenpeace-Aktivisten auf einen Papierfrachter aus Finnland. Geladen hat er Zellstoff aus Urwaldzerstörung in Lappland. Aus einer Region in der die Bäume fast ewig brauchen um groß zu werden. Sie wachsen dort viel langsamer als in wärmeren Teilen der Welt, weil es den größten Teil des Jahres sehr kalt ist.

Kälte, Müdigkeit und das lange Warten machen uns ein wenig mürbe - aber wir wissen warum wir hier sind. Es geht um die Rettung der letzten borealen Urwälder in Nordfinnland, mit Bäumen die weit über 500 Jahre alt sein können. Es geht um den einzigartigen Lebensraum für viele Tiere, Pflanzen und Pilze, die nirgends sonst mehr einen Platz finden. Und es geht um das Überleben der traditionellen Lebensweise der einzigen Ureinwohner Europas, der Sami. Nur in den intakten Urwäldern im hohen Norden wachsen die Flechten, die ihren Rentieren im Winter das Überleben sichern.

Mittlerweile ist es hell geworden. Kletterer schleichen sich auf die Lübecker Herrenbrücke, um ein Transparent über die Trave zu spannen. Darauf ist zu lesen: Stoppt Urwaldzerstörung, stoppt Stora Enso. Andere sitzen in Schlauchbooten und protestieren im Hafen von Lübeck gegen die staatliche finnische Urwaldzerstörung. Jeden Augenblick muss der Papierfrachter Antares auftauchen, der wöchentlich Zellstoff und Papier aus Finnland nach Deutschland liefert.

Rückblick: Im Frühjahr hatte es in Lappland kurzfristig Hoffnung gegeben. Eine von Greenpeace errichtete Urwaldschutzstation in der Nähe von Inari in Nordfinnland hatte dazu beigetragen, dass das staatliche Forstamt und der Papiergigant Stora Enso einem Einschlagsmoratorium zugestimmt hatten. Damals wollte man gemeinsam mit den Sami nach einer Lösung suchen. Doch geschehen ist nicht viel. Nur ein paar Gespräche, scheinbar ohne den wirklichen Willen, zu einem Ergebnis zu kommen. Seit Oktober wird in den Urwäldern Lapplands wieder eingeschlagen.

Doch das wollen wir nicht unwidersprochen hinnehmen! Bei dem Gedanken freue ich mich, einige der Aktivisten, die bereits in der Urwaldschutzstation waren, hier wieder zu treffen. Alle sind sich darin einig, Urwald darf nicht für Zeitungen, Toilettenpapier oder Hochglanzmagazine zerstört werden. Ich habe die Lebensweise der Sami kennen und schätzen gelernt, sagt Ulrike, die im März in der Schutzstation aktiv war. Ich kann nicht verstehen, wie der finnische Staat sich so über die Bedürfnisse der Sami hinwegsetzen kann.

Auch Oliver Salge, Waldexperte bei Greenpeace kritisiert das Geschehen in Lappland: Täglich wird in Finnland Jahrhunderte alter Urwald für Werbezettel und Zeitschriften vernichtet. Damit werden nicht nur zahlreiche Arten vernichtet - die dort lebenden Sami verlieren dadurch ihren Lebensraum. Das verstößt gegen die Menschenrechte.

Und sogleich fordert er: Das Abholzen der letzten Urwälder im Staatsbesitz in Finnland muss sofort gestoppt werden. Außerdem müssen die Verhandlungen mit den Sami zur Lösung des Konfliktes schnellstens wieder aufgenommen werden.

Für viele Sami in Nordfinnland ist die traditionelle Rentierhaltung mit frei umherziehenden Herden die wichtigste Lebensgrundlage und Teil ihrer kulturellen Identität. Die Rentiere sind im Winter auf Baumflechten als Futter angewiesen, die nur in den Urwäldern in ausreichender Menge wachsen. Ende Oktober 2005 sind die Sami vor ein Gericht in Lappland gezogen, um gegen die weitere Zerstörung des für sie wichtigen Waldes zu klagen.

Das Gericht hat daraufhin eine Verfügung erlassen mit der Aufforderung, dass die Abholzungen im Wald vom staatlichen Forstamt eingestellt werden müssen. Doch das staatliche Forstamt will solange weiter einschlagen, bis die klagenden Sami einen Vorab-Schadenersatz geleistet haben, der nach finnischen Gesetzen eingefordert werden kann. Die Vorabzahlung soll sich auf eine Million Euro belaufen, die die Rentierzüchter niemals aufbringen können.

Welche Rolle spielen wir? Der Papierhersteller Stora Enso ist der größte Holz-Abnehmer des staatlichen finnischen Forstamtes. Er verarbeitet den Urwald zu Zellstoff und Papier, das dann auch nach Deutschland exportiert wird. Mit 1,7 Millionen Tonnen jährlich sind deutsche Kunden Finnlands wichtigster Papierkäufer. Lübeck ist der größte deutsche Einfuhrhafen für Papier aus Skandinavien.

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