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Ein Pferd reitet durch ausgetrocknete Landschaften
© Greenpeace / Daniel Beltrá

Dürre im Amazonas – ein Interview mit Carlos Rittl

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Die Dürre in Brasilien bedroht Hunderttausende Menschen existenziell. Der brasilianische Greenpeace-Waldexperte Carlos Rittl schildert in einem Interview mit der Online-Redaktion, wie sehr die Menschen im Urwald vom Wasser abhängen. 

Online-Redaktion: Carlos, wer ist hauptsächlich von der Katastrophe im Amazonas betroffen?

Carlos Rittl: Das von der Dürre heimgesuchte Gebiet ist sehr groß. Es reicht von Peru (Iquitos) über den gesamten Bundesstaat Amazonas und schließt die Städte am Solimoes und an den südlichen Nebenflüssen des Amazonas - am Juruá, am Purus und am Madeira - mit ein. Es sind sogar einige Städte im Bundesstaat Pará betroffen.

Zu leiden haben die indigenen Gemeinschaften und die lokale Bevölkerung (die caboclos) der Städte, die nur mit Flussschiffen erreichbar sind. Aber in vielen Fällen sind auch städtische Außenbezirke abgeschnitten, obwohl die Stadtzentren selber noch über Straßen oder auf dem Wasserweg erreichbar sind.

Online-Redaktion: Wie wirkt sich die Dürre auf das tägliche Leben der Menschen aus?

Carlos Rittl: Die Auswirkungen sind dramatisch. Die Menschen hängen vollkommen vom Wasser ab. Sie brauchen es zum Waschen, Kochen und Trinken. Die Flüsse sind ihre Verbindung zur Außenwelt. Welchen Ort sie auch erreichen wollen oder müssen - sie erreichen ihn per Boot.

Viele Schulen haben das Schuljahr vorzeitig abgebrochen, weil Tausende Schülerinnen und Schüler nicht mehr zur Schule kommen können. Ihre Schulen sind nur per Boot oder Kanu erreichbar und viele Bootsstunden vom Wohnort entfernt. Die Flüsse aber sind nicht mehr befahrbar.

Die örtliche Landwirtschaft kommt zum Erliegen. Die Felder liegen manchmal ganze Bootsstunden vom eigentlichen Wohnort entfernt. Ohne die Flüsse können die Leute ihre Ernte nicht einbringen. Auch der lokale Handel liegt brach. Viele Gemeinden hängen vom regatao ab - einem Flussschiff, das regelmäßig kommt, den Menschen ihre Produkte abkauft und dafür andere Produkte anbietet. So kaufen sie auf dem Schiff zum Beispiel Maniokmehl und bezahlen mit Speiseöl oder Zucker. Ohne den regatao gibt es keinen Handel.

Online-Redaktion: Können die Menschen das vorhandene Wasser noch nutzen?

Carlos Rittl: Die Menschen müssen jetzt weite Entfernungen zurücklegen, um zum Fluss zu gelangen. Aber was sie vorfinden, ist ein seichtes Gewässer mit unbenutzbarem schlammigem Wasser. Tausende und Abertausende Fische liegen an den Rändern dieser seichten Flüsse und verseuchen das Wasser. Auch tote Säugetiere wie Flussdelfine und Seekühe sind schon gefunden worden. Wenn das Wasser wieder steigt, bedeckt es all diese toten Tiere und wird noch mehr verseucht. Bis der Zufluss frischen Wassers alles wieder gereinigt hat, wird einige Zeit vergehen.

Die Behörden haben wirklich Angst vor Epidemien, die durch das verseuchte Wasser ausbrechen könnten. Besonders vor Magendarmerkrankungen, aber auch vor Cholera und vor Krankheiten, die durch Mücken übertragen werden - wie Malaria und Leishmaniose.

Die Fischbestände sind massiv betroffen und werden sich auf Jahre hinaus nicht erholen. Es gibt Dorfgemeinschaften, die kleine Tiere wie Geflügel und Schweine für den gelegentlichen Verzehr oder zum Verkaufen auf dem Markt halten. Diese Tiere müssen jetzt den Fisch ersetzen.

Online-Redaktion: Wie viele Menschen sind von der Katastrophe betroffen und was wurde bislang für sie unternommen?

Carlos Rittl: Das ist schwer zu schätzen, weil das Gebiet so groß und die Auswirkungen für Städte, Dörfer, kleine Gemeinschaften und isolierte Familien so unterschiedlich sind. Was wir sicher sagen können, ist, dass Hunderttausende Menschen, überwiegend in Brasilien, aber auch in Peru betroffen sind.

Die Behörden waren auf diese Dürre nicht vorbereitet, obwohl es bereits Anzeichen dafür gab. In einigen Gegenden hat es schon seit Jahresbeginn nicht geregnet.

Die Regierung des Bundesstaates Amazonas koordiniert mit Hilfe von Armee und Luftwaffe die Katastrophenhilfe. Sie schicken Wasser, Lebensmittel, Medikamente und Natriumhypochlorit zum Desinfizieren des Wassers. Um die entlegenen Gegenden zu erreichen, sind Hubschrauber nötig. Wegen des riesigen Gebiets und der großen Entfernungen haben aber noch lange nicht alle Gemeinden Hilfe erhalten. Das wird wahrscheinlich erst in den kommenden Wochen der Fall sein.

Online-Redaktion: Wie wirkt sich die Dürre auf die Tierwelt im Amazonas aus?

Carlos Rittl: Vor allem sind natürlich Arten betroffen, die im Wasser leben. Die Bestände vieler hier vorkommender Fische sind gefährdet. Einige laichen gerade zu dieser Jahreszeit. Tote Flusssäugetiere, Manatis (Seekühe) und Flussdelfine, sind ebenfalls gefunden worden. Manatis sind ohnehin schon stark gefährdet. Sie werden seit Jahrhunderten gejagt. Jetzt sind sie doppelt bedroht: Das zu flache und verseuchte Wasser bietet ihnen keinen Lebensraum mehr und sie sind für Jäger viel leichter zu erlegen.

Auch wenn es noch keine genauen Informationen gibt: Wir müssen davon ausgehen, dass auch die Tiere des Waldes an der Dürre leiden. Im Urwald fließt weniger Wasser und das Mikroklima verändert sich - es ist trockener und heißer. Solche Veränderungen wirken sich auf verschiedene natürliche Prozesse aus: Blüte, Fruchtstand, Blattentwicklung. Das betrifft die gesamte Nahrungskette.

Agoutis, Tapire, Capybaras (Wasserschweine), Rotwild, Jaguare, Affen, Armadillos (Gürteltiere), Faultiere, Ameisenbären - alle leiden mit Sicherheit. Die Entwicklung der Wildfrüchte in den nächsten Monaten und im nächsten Jahr wird beeinträchtigt sein. Das wirkt sich auf alle Arten aus, die sich von Früchten ernähren.

Trockenere Wälder sind auch anfälliger für Waldbrände. Im Westamazonas haben Brände schon in früheren Jahren große Waldbestände vernichtet. Viele Tiere sind dabei ums Leben gekommen.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!

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