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Sandra Pfotenhauer, Waldexpertin bei Greenpeace, besuchte vom 16. bis 25. April die Unglücksregion, um sich einen Eindruck vom Ausmaß des Desasters zu verschaffen. Was sie vorgefunden hat, veröffentlichen wir in mehreren Folgen auf unserer Homepage. Den Anfang machte am Dienstag ein Interwiew mit Sandra, heute setzen wir ihren Bericht mit Auszügen aus ihrem Reisetagebuch fort.

Besuch bei den indigenen Einwohnern

18. April: Wir fahren nach Puyo, einer Stadt rund sechs Autostunden südlich von Quito. Hier treffen wir uns mit OPIP, einer Organisation zum Schutz indigenener Völker. Mit ihnen organisieren wir unseren Besuch in Sarayaku, einer Kechua-Siedlung mitten im Amazonas-Urwald. Abends treffen wir uns mit Bartholo, dem Sohn des letzten Schamanen der Zapara-Indianer.

In Ecuador gibt es nur noch 100 Zapara-Indianer, einige weitere Familien leben in Peru. Bartholo erzählt, warum das so ist: Erst kam der Kautschuk-Boom Ende des 19. Jahrhunderts, dann folgten die Grenzkonflikte zwischen Ecuador und Peru. Vor 30 Jahren begann dann die Ölförderung im Amazonasgebiet. Jedesmal wurde das Volk der Zapara ein bisschen kleiner, jedesmal ging ein Stückchen Kultur verloren - aber sie haben überlebt. Doch Bartholo ist sich nicht sicher, ob die Zapara die erneute Suche nach Öl noch einmal überleben werden. Diesmal ist sein ganzes Volk in seiner Existenz bedroht.

19. April: Mit einer kleinen Propellermaschine fliegen wir 100 Kilometer weit über intakten Amazonas-Regenwald. Von oben lässt sich nur erahnen, welche Vielfalt an Pflanzen und Tieren unter uns liegt. In Tausenden von Jahren ist dieser Wald gewachsen und hat sich als faszinierendes und stabiles Ökosystem entwickelt. Ob Baumriesen, Affen, Vögel, Jaguare, Insekten oder das Leben in den zahlreichen Flüssen: Alles ist bis aufs Feinste aufeinander abgestimmt. Ganzen Zeitepochen - sogar der Eroberung durch die Spanier - hat dieser Wald standgehalten und zahlreichen indigenen Völkern Schutz geboten. Doch jetzt ist das grüne Meer unter uns, aus dem vereinzelt gelbe Baumkronen leuchten, bedroht. Es ist das Gebiet, in dem als nächstes nach Öl gebohrt werden soll.

Welche Bedeutung der Wald für die Kechua sonst noch hat, dass sollten wir erst in den kommenden vier Tagen lernen.

Sarayaku: Wir landen auf einer kleinen Piste mitten im Urwald. Sekunden später werden wir von Kindern, Frauen und Männern begrüßt. Viele von ihnen sind im Gesicht und an den Armen wunderschön bemalt. Einige Kinder stellen sich in den Wind der Propellermaschine und genießen fröhlich lachend die willkommene Abkühlung. Es ist heiß und die Luftfeuchtigkeit beträgt über 80 Prozent.

Von Franco, dem gewählten Präsidenten der Sarayaku, werden wir ins Dorf geführt. Es findet gerade ein Fest statt - die Belohnung für die Minga am Morgen. Eine Minga ist so etwas wie gemeinsam eine Aufgabe erledigen. An diesem Morgen hatte die ganze Dorfgemeinschaft die Siedlung aufgeräumt. Anschließend wird "Chicha" getrunken - ein leicht angegorener Saft aus der Frucht einer Palme.

Der Schamane reicht mir eine Schale mit Chicha. Schmeckt ein bisschen wie Federweißer, denke ich. Zwar etwas saurer - aber die Wirkung bleibt die gleiche. Rebecca, die Schwester des Schamanen begrüßt uns. Wenn ihr von den Ölarbeitern seid, dann haut ihr besser gleich wieder ab. Wenn ihr hier seid, um den Wald zu schützen, dann seid ihr uns herzlich willkommen.

Am Abend waschen wir uns im Fluss. Über uns breitet sich ein klarer Sternenhimmel aus. Untergebracht sind wir in der Hütte von Gloria und ihrem Mann. Beim Abendessen erzählt die Kechua-Frau uns, welche Erfahrungen sie mit den Ölarbeitern und den Militärs gemacht hat. Sie kommen und grapschen uns an. Aber wir lassen uns nur von unseren Männern anfassen. Einmal hat mein Mann auch für eine Ölfirma gearbeitet - wir hatten zwei kranke Söhne und brauchten Geld für die Behandlung in einem Krankenhaus. Anstatt das Geld zu sparen, hat mein Mann angefangen zu trinken und andere Frauen besucht. Wir wollen mit Ölfirmen nichts mehr zu tun haben.

Die Regierung Ecuadors hat den Amazonas in zukünftige Ölförderblöcke eingeteilt. Das Gebiet der Kechua-Indianer in Sarayaku liegt zu großen Teilen im Block 23, dem Block in dem als nächstes nach Öl gebohrt werden soll. In den benachbarten Gebieten haben die seismografischen Untersuchungen bereits begonnen. Als die Arbeiter die Untersuchungen auch in ihrem Gebiet durchführen wollten, haben die Kechua sie immer und immer wieder aufgefordert, aus ihrem Wald zu verschwinden. Vergeblich. Als die Arbeiter die Grenze zu ihrem Gebiet überschreiten wollten, nahmen die Kechua sie gefangen und schickten sie zurück nach Quito. Die Regierung schickte daraufhin Hubschrauber mit Soldaten, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Es kam zu Kämpfen, bei denen einige der Soldaten entwaffnet wurden. Mittlerweile liegen vier Haftbefehle vor - gegen wen in Sarayaku, ist bis heute nicht bekannt.

Schließlich krabbeln wir unter unsere Moskitonetze. Clive, unser Fotograf, hat keines der (ohnehin viel zu kurzen) Betten mehr erwischt. Unsere Gastfamilie bereitet ihm daher ein Bett aus Palmwedeln und Decken auf dem Boden aus.

Die Welt der Träume spielt für die Waldbewohner eine große Rolle. Jeden Morgen stehen sie gegen drei oder vier Uhr in der Frühe auf, treffen sich und nehmen ein Getränk zu sich, das aus der Rinde eines Baumes zubereitet wird. Dann erzählen sie sich gegenseitig ihre Träume und deuten sie. Die Deutung ihrer Träume beeinflusst ihr gesamtes Leben. Sie erkennen daran, wann die Zeit zum Jagen ist günstig ist, wann Gutes und wann Schlechtes auf sie zukommt.

Unwillkürlich stelle ich mir vor, uns würde das drohen, was den Ketchua bevorsteht: Du sitzt in deinem Wohnzimmer und plötzlich sägt jemand mit einer gigantischen Motorsäge dein Haus durch. Oder jemand schüttet stinkendes, giftiges Erdöl in deine Küche.

Aus Träumen werden Alpträume - finanziert von der WestLB.

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