Überraschungsfund vor der Küste Brasiliens

Schützt das Amazonas-Riff

Ein einzigartiger Lebensraum, der bis vor kurzem unentdeckt war: Das Korallenriff vor Brasilien ist eine wissenschaftliche Sensation – doch es wird von der Ölindustrie bedroht.

Weltwunder unter Wasser

Greenpeace dokumentiert erstmals das gigantische Korallenriff in der Amazonas-Mündung und versammelt Unterstützer, die sich für den Schutz des Ökosystems stark machen.

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Man könnte vermuten, die Erde sei mittlerweile bis in den letzten Winkel vermessen, abgebildet und ausgekundschaftet. Dabei birgt sie nach wie vor Geheimnisse, und keineswegs kleine: Vor der Küste Südamerikas, zwischen Französisch-Guayana und dem brasilianischen Bundesstaat Maranhão, haben Forscher ein gewaltiges Korallenriff vorgefunden. Es ist 9500 Quadratkilometer groß und liegt in bis zu 120 Metern Tiefe; ein zusammenhängendes Unterwassergebiet, so groß wie die Wattenmeer-Schutzgebiete von Schleswig-Holstein, Niedersachsen und der Niederlande zusammen. 

Der Fund ist eine wissenschaftliche Sensation. Denn dass sich ein derart gewaltiges Korallenriff – und damit Leben – ausgerechnet an dieser Stelle befindet, ist ausgesprochen unwahrscheinlich. Korallen brauchen normalerweise einen sehr speziellen Lebensraum: Dazu gehört ein Salzgehalt zwischen 3,45 und 3,64 Prozent und Temperaturen zwischen 24,5 und 28,3 Grad Celsius – das ist auch der Grund, weswegen die fortschreitende Erderwärmung etwa das Great Barrier Reef bedroht.

BUCHSTÄBLICH EINZIGARTIG

Doch das Riff in der Amazonas-Mündung ist anders: Es liegt in einem Gebiet, in dem sich das Süßwasser des Flusses mit dem Salzwasser des Atlantiks mischt, 100 bis 250 Kilometer vor der Küste Brasiliens. Das Wasser ist aufgrund der Schwebstoffe aus dem Flussbett so trüb, dass wenig Sonnenlicht zu den Korallen durchdringt, Photosynthese, also die Umwandlung von anorganischen in organische Stoffe mittels Licht, ist an vielen Stellen nicht möglich. Ein Riff wie dieses gibt es kein zweites Mal – zumindest weiß man bislang von keinem. Ausgerechnet in dieser Region will sich nun auch die Ölindustrie ausbreiten: Die Küste vor Brasilien soll nicht mehr lange unerschlossenes Gebiet für Bohrungen sein.

Forscher veröffentlichten die bahnbrechende Erkenntnis, dass sich an der Mündung des Amazonas ein Unterwasserriff befindet, im April 2016. Allerdings wird bereits seit Jahrzehnten vermutet, dass an dieser Stelle Außergewöhnliches vor sich geht: 1975 stieß ein amerikanisches Forschungsschiff in dem Gebiet auf Fischgattungen, die nur an Korallenriffen vorkommen, außerdem bemerkten die Wissenschaftler eine merkwürdige Häufung von Schwämmen. Sie stellten ihre Beobachtungen 1977 auf einem Symposium vor, ein Beweis, dass sich unter der Wasseroberfläche ein Riff befindet, fand sich nicht – bis vor kurzem.

IM TAUCHGANG AUF TUCHFÜHLUNG

Ein Team aus Greenpeace-Aktivisten und den Wissenschaftlern, die den Fund veröffentlichten, ist mit dem Aktionsschiff Esperanza unterwegs und dokumentiert das Naturwunder erstmals. Ein Unterseeboot bringt die Mannschaft ganz nah heran: Die Forscher und Aktivisten wollen vor Ort verstehen, wie dieses einzigartige Ökosystem funktioniert.

AKTIV WERDEN FÜR DAS AMAZONAS-RIFF

Den widrigen Lebensumständen in der Flussmündung trotzt das Riff zwar erfolgreich, doch menschliche Eingriffe könnten dem ein Ende bereiten. Denn das Riff wird durch geplante Ölbohrungen bedroht: Der Konzern Total hat vor, in nur acht Kilometern Entfernung zum Riff nach Öl zu suchen, auch BP, der britische Mutterkonzern der deutschen Firma Aral, bereitet Bohrungen vor.

Ein solches Industriegebiet vor der Küste Brasiliens würde das Leben unter Wasser beeinträchtigen und die Unversehrtheit des Riffs gefährden – dazu benötigt es nicht einmal den Extremfall eines Lecks: Der Lärm der Arbeiten und der Aushub der Bohrlöcher belasten das Ökosystem bereits. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung für die Bohrstellen fand zwar statt, allerdings vor der Entdeckung des Riffs. Die Vorzeichen haben sich geändert.

Karte Amazonasriff

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Veröffentlichungen zu diesem Thema

Report: Damning The Amazon

Das gefährliche Geschäft mit Wasserkraftwerken im Amazonasgebiet. (Report in englischer Sprache.)