
10. Juli 1985 - Angeschlagen und noch immer starr vor Schreck stand die Crew der Rainbow Warrior am Marsden Wharf, dem kleinsten der drei Handelskais im Waitemata Harbour von Auckland. Vor ihnen - zerstört und zur Hälfte im Wasser versunken - lag die Rainbow Warrior, die ihr Zuhause und ein internationales Symbol für den Frieden gewesen war.
Seit der Explosion waren nur wenige Stunden vergangen - doch sie fühlten sich an wie ein ganzes Leben. Einige Crewmitglieder waren von einem stumpfen, gedämpften Schlag aufgewacht, so als sei über ihnen etwas Schweres auf das Deck gefallen. Diejenigen, die noch nicht zu Bett gegangen waren und sich um den kleinen Kajütentisch versammelt hatten, saßen plötzlich im Dunkeln.
Alles geschah gleichzeitig. Das kontinuierliche Summen des Generators, die immerwährende Geräuschkulisse für das Leben an Bord, brach jäh ab. Die Dunkelheit wurde durch das gespenstische Licht der Notbeleuchtung nur unwesentlich erhellt, und der Moment der Stille wich beinahe augenblicklich dem hellen Klirren von brechendem Glas, dem plötzlich bedrohlichen Rauschen von Wasser. Im ersten Moment dachten alle, das Schiff sei von irgendetwas gerammt worden, wahrscheinlich von einem Schlepper.
Zwei Minuten später folgte eine weitere Explosion: Ein blauer Lichtblitz zuckte durch das trübe Wasser um das Schiff. Wer schon an Deck war, kletterte die Leiter hoch oder brachte sich mit einem Sprung auf den Kai in Sicherheit. Am Ufer konnte man dabei zusehen, wie sich die beiden Stahlmasten der Rainbow Warrior innerhalb weniger Minuten dem Kai zuneigten. Die Crewmitglieder Hanne Sorensen und Fernando Pereira wurden vermisst.
Drei Stunden zuvor, gegen acht Uhr abends, hatte auf der Rainbow Warrior noch Partystimmung geherrscht. Das Schiff vibrierte vor Geschäftigkeit. Greenpeace-Kollegen aus verschiedenen Ländern im Pazifikraum waren nach Auckland gekommen, um das bevorstehende Unternehmen Pacific Peace Voyage zu besprechen. Unter den Neuankömmlingen befanden sich auch der Amerikaner Steve Sawyer und die Leiterinnen von Greenpeace Neuseeland, Elaine Shaw und Carol Stewart. Die Rainbow Warrior lag zwar erst seit drei Tagen im Hafen von Auckland, doch hatte die Crew, gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus Neuseeland, bereits die Schrammen ausgebessert, die sich das Schiff während der vergangenen Monate auf seinen Fahrten zwischen den Inseln des Pazifiks zugezogen hatte.
Die Besatzung hatte das Volk der Rongelapesen auf die Insel Mejato evakuiert. Ihre ursprüngliche Heimat, die kleine Insel Rongelap, war durch die Atomtests der Vereinigten Staaten auf dem benachbarten Bikini-Atoll schwer strahlenverseucht worden. Trotz wiederholter Gesuche der Rongelapesen war außer Greenpeace niemand bereit, bei einer Umsiedlung behilflich zu sein. Der 10. Juli war zugleich der Geburtstag von Steve Sawyer. Margaret Mills hatte zur Feier des Tages einen Kuchen gebacken - mit einem strahlenden Regenbogen aus bunten Gummibonbons.
Doch es gab auch noch Geschäftliches zu erledigen. Die Greenpeace-Aktivisten bereiteten mit Skippern anderer Segelschiffe eine Friedensflotte für eine gemeinsame Reise nach Moruroa vor, wo sie französische Vorbereitungen für eine Reihe von unterirdischen Atomtests stören wollten. Die Gruppe einigte sich auf einen Plan. Den Beteiligten war klar, dass die französischen Marinepatrouillen strikt dagegenhalten oder vielleicht sogar eingreifen würden. Keiner konnte sich jedoch auch nur im Traum vorstellen, welche Art von Einmischung in Paris sanktioniert worden war und bereits in der selben Nacht in Auckland in die Tat umgesetzt werden sollte.
Kurz nach elf Uhr abends war das Treffen beendet. Die Besucher der Warrior verließen in Begleitung einer Handvoll Crewmitglieder das Schiff. Einige der an Bord Verbliebenen - darunter Kapitän Pete Willcox, Bordfunker Lloyd Anderson, Margaret Mills and Ingenieurin Hanne Sorenson - wünschten ihren Freunden gute Nacht und begaben sich in ihre Kabinen. Einer plötzlichen Laune folgend, die vielleicht ihr Leben rettete, begab sich Hanne wieder auf das Oberdeck und entschloss sich zu einem kurzen Spaziergang durch die Nacht.
Sieben andere Greenpeace-Aktivisten, darunter auch der Fotograf Fernando Pereira, saßen plaudernd am Kajütentisch und teilten sich die letzten zwei Flaschen Bier. Als sie auf die Uhr blickten, um zu sehen, ob die Bars noch geöffnet hatten, war es zehn Minuten vor Mitternacht. Dann wurde es dunkel ...
Ein ganz gewöhnlicher Tag in Auckland
Für die meisten Bewohner Aucklands begann der Tag wie immer. Auch für die Rezeptionistin Becky Hayter würde es ein Arbeitstag wie jeder andere sein. Ihr Arbeitsplatz war vor kurzem aus der Innenstadt in eine Flughafenfiliale von Newmans verlegt worden war, einer der größten Reiseagenturen und Autovermietungen Neuseelands.
Der Taxifahrer und Bürgermeister von Devonport, Jim Titchener, begann seine Arbeit, während seine Frau Barbara einen Termin beim Friseur vereinbarte.
Mike Harris, ebenfalls Taxifahrer, freute sich auf den Abend, den er mit seinen Freunden im Auckland Outboard Boating Club auf dem Tamaki Drive verbringen wollte, von dem aus man weit über die Hobson Bay blicken konnte. Er war froh, dass er an diesem Abend nicht für eine der regelmäßigen Nachtwachen in der Bay an der Reihe war, die nach einer Reihe von Einbrüchen und mutwilligen Beschädigungen an Booten in der Bucht organisiert worden waren und für die immer zwei Männer gemeinsam eingeteilt wurden.
Am Marsden Wharf, ganz in der Nähe der kürzlich eingetroffenen Rainbow Warrior, begann Warren Sinclair damit, die Explorer - ein Schiff von 140 Tonnen - für die kommende Tourismussaison herauszuputzen.
Es war sieben Uhr abends, als Jim Titchener beim Abendbrot saß und seiner Frau zuhörte, die von den Ereignissen des Tages berichtete. Sie unterbrach ihre Erzählung, als sie im angrenzenden Blair Park zwei Fremde erblickte. Der Park besteht aus einer Grünfläche mit einem schmalen, geteerten Zickzackweg, der durch ein Wäldchen hinunterführt zu einem langen, hölzernen Slipway ins Wasser der Ngataringa Bay. Die beiden Fremden trugen ein aufgepumptes Zodiac-Schlauchboot. Besonders die hellgraue Farbe des Bootes erregte Barbaras Aufmerksamkeit - eine ungewöhnliche Farbe für ein Schlauchboot, verglichen mit den anderen Booten in der so genannten City of Sails.
Gegen halb zehn genoss auch Mike Harris bei dem geplanten Drink mit seinen Freunden im Outboard Boating Club den Abend. Sie beachteten das kleine Zodiac-Schlauchboot kaum, dass sie auf einer hölzernen Rampe liegen sahen, die zur Straße hinaufführte. Gerade in diesem Moment kamen die beiden patrouillierenden Nachtwachen vorüber. Sie hatten gesehen, wie der Fahrer des Zodiacs aus dem Schlauchboot gestiegen, den Tamaki Drive hinuntergelaufen und nur wenige Momente später in einem weißen Campingbus zurückgekehrt war. Ein zweiter Mann half ihm, ein großes Bündel vom Boot in das Heck des Busses umzuladen. Da sie Verdacht geschöpft hatten, riefen die Wachen die Polizei. Einem der beiden Männer war es gelungen, die Daten des Fahrzeugs aufzuschreiben, als es davonfuhr - ein weißer Toyota Hiace mit dem Kennzeichen LB 8945. Als die Polizei eintraf, war jedoch nur noch ein fest verzurrtes, hellgraues Zodiac übrig und nichts weiter, was Anlass zur Beunruhigung hätte geben können.
Ungefähr zehn Minuten vor Mitternacht hatte Warren Sinclair drüben im Hafen gerade sein Schiffsradio abgeschaltet und wollte sich an Bord der Explorer zur Ruhe begeben, als er einen dumpfen Schlag vernahm. Eine plötzliche Welle hob sein Schiff an und stieß es gegen das Dock.
11. Juli 1985 - Nach einem siebenminütigen Tauchgang brachte ein neuseeländischer Marinetaucher, der mit seinem Team zur Untersuchung des Wracks herbeigerufen worden war, gegen drei Uhr morgens den Körper von Fernando Pereira zur Oberfläche. Er war mit dem Gesicht zu Boden in der Kabine gefunden worden, die neben seiner eigenen lag. Was damals genau geschah, ist unklar. Nach der ersten Explosion eilte Fernando Pereira zusammen mit Martini Gotje und Andy Biedermann nach unten, um nachzusehen, ob sich dort noch jemand aufhielt. Martini ging in die Kabine, die er mit Hanne teilte - sie war leer. Andy weckte Margaret Mills, die immer noch fest schlief. Die beiden waren die ersten, die das Schiff verließen. Martini erinnert sich, dass Fernando ganz dicht hinter ihm
, war, als die zweite Mine explodierte.
Als die übrigen Crewmitglieder und Besucher in Sicherheit waren, setzte die Polizei eine neue Priorität. Wenn das Unvorstellbare wirklich geschehen war, wenn die Rainbow Warrior Opfer eines Sabotageaktes geworden und Pereira ermordet worden war - wer hatte diese Tat begangen?
Ein langer, komplizierter und folgenschwerer Fall
Kriminalinspektor Allan Galbraith von der zentralen Polizeidienststelle in Auckland, der die Untersuchung leiten sollte, wusste gleich, dass dies ein langer, komplizierter und bedeutender Fall werden würde. Er forderte sofort Verstärkung an. Am Ende der Woche bestand das Untersuchungsteam aus 56 Polizeibeamten und würde zu seinen Spitzenzeiten auf über 100 Beamte anwachsen. In den kommenden vier Monaten sollten über 6.000 Befragungen vorgenommen werden.
Die Tatsache, dass der Schiffsrumpf nach innen eingedrückt war, gab den ersten Anhaltspunkt für einen Anschlag auf die Rainbow Warrior. Zum aktuellen Zeitpunkt stand die Untersuchung jedoch noch ganz am Anfang. Nach ersten Befragungen der Crew konnte die Polizei bereits einige Spuren aufnehmen. Die Morgenzeitungen berichteten von dem Anschlag auf die Rainbow Warrior und meldeten, dass die Polizei von Auckland einen Franzosen vernehmen wolle, der das Schiff früher am Tag besucht hatte.
Als er dies las, erinnerte sich Frank McLean, ein leitender Zollbeamter im nördlich von Auckland gelegenen Whangarei, an einen Vorfall Ende Juni, den er auch umgehend meldete. Es ging dabei um eine Schaluppe mit französischer Besatzung, die unter dem Namen Ouvéa segelte. Sie hatte vor Whangarei gelegen und war am 9. Juli in See gestochen. Bei einer routinemäßigen Einreisekontrolle hatte McLean das Gefühl, dass dort irgendetwas nicht stimmte. Drei der Besatzungsmitglieder wirkten sehr militärisch und trugen brandneue Pässe ohne jegliche Eintragungen oder Abnutzungserscheinungen bei sich. Einer der drei Männer gab vor, Fotograf zu sein - obwohl McLean bei der Inspektion der Schaluppe keine Kameraausrüstung aufgefallen war.
Das Loch im Rumpf der Rainbow Warrior - so groß, dass bequem ein Auto hindurchgepasst hätte - war in Auckland inzwischen gründlich untersucht worden. Die erste Mine hatte den Generator in Stücke gerissen; die zweite beschädigte die Schiffsschraube, die Stevenwelle und das Heckruder, zerbrach den Achtersteven an zwei Stellen und drückte einen Ballasttank ein. Die Ereignisse der letzten Nacht - das verlassene Zodiac-Schlauchboot, der Mann im Taucheranzug, der weiße Campingbus (der von der Autovermietung Newmans stammte, wie inzwischen zurückverfolgt worden war) - nahmen neue, düstere Farben an.
12. Juli 1985 - Becky Hayter meldete sich in der Flughafenfiliale von Newmans um kurz vor halb neun zur Arbeit. An ihrem Schalter stand das Schweizer Ehepaar, das den weißen Toyota Hiace gemietet hatte. Das Paar erzählte, es hätte sich entschieden, früher nach Hause zu reisen, und wolle den Campingbus zurückbringen, da sie Auckland noch am selben Morgen verlassen würden. Alain Turenge rechnete mit einer Rückerstattung von 130 NZ-Dollar.
Becky und das Newmans-Team waren jedoch bereits informiert worden, dass die Fahrer dieses Campingbusses gesucht wurden. Während ein Teammitglied das Schweizer Paar in ein Gespräch verwickelte, rief ein anderes die Polizei. Zwanzig Minuten später war Kriminalinspektor David McSweeney vor Ort und bat das Ehepaar Turenge, ihn zu einem Verhör auf die Polizeistation zu begleiten.
Es dauerte nicht lange, bis klar war, dass die beiden gefälschte Pässe mit sich führten. Später wurde ihre wahre Identität enthüllt: Sowohl Major Alain Mafart als auch Hauptmännin Dominique Prieur waren hochrangige Agenten des französischen Geheimdienstes DSGE.
Beweislage und Logik ließen jedoch vermuten, dass die beiden lediglich als Helfer für die übrigen Attentäter fungiert hatten. Die Augenzeugenberichte des Ehepaares Titchener und der Männer vom Outboard Boating Club belegten die Beteiligung weiterer Personen. Auch die zweifelhafte Crew der Ouvéa rückte immer stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Die French Connection
Kriminalinspektor Galbraith zufolge verdichteten sich die Hinweise auf eine Verbindung nach Frankreich schnell. Die Informationen kamen von vielen Seiten, auch von den neuseeländischen Zollbeamten, die die Routinedurchsuchung der Ouvéa durchgeführt hatten, als das Schiff in Neuseeland eingelaufen war.
26. Juli 1985 - Zu diesem Zeitpunkt wiesen die Ermittlungen der Polizei darauf hin, dass auf der Ouvéa sowohl der Sprengstoff als auch die übrigen Agenten nach Neuseeland gebracht worden waren. Letzten Endes wurden drei Crewmitglieder als DGSE-Agenten enttarnt (Roland Verge, Gerald Andries und Jean-Michel Barcelo). Das vierte Besatzungsmitglied war ein Marinereservist und freiberuflicher Arzt, der sich auf die Behandlung von Tauchverletzungen spezialisiert hatte (Xavier Christian Jean Maniguet). Obwohl alle vier Männer bereits kurz nach dem Anschlag vernommen worden waren, lagen der Polizei zu diesem Zeitpunkt keine ausreichenden Beweise für eine Verhaftung vor. Die Ouvéa stach danach schnell in See. Die Polizei ist der Ansicht, dass die Schaluppe heute tief auf dem Grund des Ozeans liegt und die Crew von einem französischen U-Boot evakuiert wurde.
Die Französin Frédérique Bonlieu, die kürzlich noch Greenpeace-Freiwillige in Neuseeland gewesen war und eine Beileidskarte geschickt hatte, entpuppte sich später als Christine Cabon, Hauptmännin der französischen Armee. Weitere Informationen belegten ein Treffen von Major Mafart und Hauptmännin Prieur mit den DGSE-Agenten von der Ouvéa. Bei forensischen Untersuchungen wurden Fingerabdrücke von Mafart und Prieur auf Dokumenten gefunden, die von der Ouvéa stammten.
Die Agenten des französischen Geheimdienstes hatten Spuren hinterlassen, die einem Trampelpfad glichen - und schnell bemerkte die Presse dazu: Das einzige, was noch fehlt, sind eine Baskenmütze, eine Flasche Beaujolais und ein Baguette
.
Nach wie vor werden von der neuseeländischen Polizei nicht nur die Crew der Ouvéa sondern auch zwei weitere Agenten steckbrieflich gesucht: Alain Tonel und Jacques Camurier, die bei dem Anschlag vermutlich als Hintermänner dienten. Auch nach Oberst Louis Pierre Dillais, den Mafart in einem Buch, das er nach seiner Rückkehr nach Frankreich verfasste, als Kopf der Operation Satanic bezeichnet, wird immer noch gefahndet. Später stellte sich heraus, dass Oberst Dillias damals ein Hotelzimmer mit Blick über Marsden Wharf gemietet hatte.
Trotz der clouseauhaften Leistung der Geheimagenten blieb die französische Regierung bei ihrer ursprünglichen Version vom 11. Juli und ließ weiterhin verlauten, dass Frankreich in keinster Weise
an den Vorkommnissen beteiligt war.
8. August 1985 - Als die Spekulationen der französischen Presse über eine Regierungsbeteiligung immer lauter wurden, konnte die Regierung von François Mitterand dem Druck nicht länger standhalten und ordnete eine Untersuchung an.
20. August 1985 - Die von Bernard Tricot, dem früheren Generalsekretär im Elysée-Palast, geleitete Untersuchungskommission kam schnell zu dem unwahrscheinlichen Schluss, dass die Regierung das Attentat auf die Rainbow Warrior nicht angeordnet hatte und keine Beweise dafür vorlägen, dass der DGSE seinen Agenten die Durchführung der Operation Satanic befohlen habe. In einem wenig überzeugenden Versuch, ihre Anwesenheit in Neuseeland plausibel zu machen, erklärte Tricot, es seien tatsächlich sechs Geheimagenten nach Neuseeland geschickt worden, um Informationen über Greenpeace zu sammeln.
5. September 1985 - Der Tricot-Bericht hatte eine sehr kurze Verfallszeit. Nach weiteren Enthüllungen der einflussreichen Tageszeitung Le Monde ordnete Frankreichs Premierminister Laurent Fabius eine neue Untersuchung an. Dieses Mal sollte Verteidigungsminister Charles Hernu die Leitung übernehmen.
19. September 1985 - Le Monde veröffentlichte Aussagen von DSGE-Agenten, nach denen Präsident Mitterand schon im Vorfeld von der Operation Satanic unterrichtet worden war. Die Untersuchungskommission unter Leitung von Hernu geriet immer mehr unter Druck. Schließlich zog Hernu den Chef des französischen Geheimdienstes, Admiral Lacoste, zur Rechenschaft. Lacoste verweigerte bei verschiedenen Fragen die Antwort, weil er - wie er behauptete - damit das Leben einiger DGSE-Agenten aufs Spiel setzen würde. Lacoste wurde entlassen, Hernu trat zurück.
Neutralisiert
21. September 1985 - Schließlich war es - trotz aller vorausgegangenen Dementis - unmöglich geworden, die Wahrheit noch länger zurückzuhalten. In einer Sendung des französischen Fernsehens gab Fabius zu, dass DGSE-Agenten beauftragt worden waren, die Rainbow Warrior zu neutralisieren
.
Mit Zustimmung Frankreichs wurde die UN hinzugezogen, die bei der Einigung zwischen Frankreich und Neuseeland eine Vermittlerrolle übernehmen sollte. Letztendlich wurde die französische Regierung zu einer unglaubwürdigen Entschuldigung genötigt und musste 13 Millionen NZ-Dollar an die neuseeländische Regierung zahlen. Zu einem späteren Zeitpunkt erhielt Greenpeace von Frankreich 8 Millionen US-Dollar. Dadurch war es uns möglich, Ersatz für die Rainbow Warrior zu schaffen - die heutige Rainbow Warrior II.
4. November 1985 - Die Augen der Welt richteten sich noch einmal auf Auckland - an diesem Tag begann der Prozess gegen Hauptmännin Prieur und Major Mafart. Doch die anwesenden Journalisten wurden enttäuscht: Das Paar bekannte sich schuldig und vermied damit sowohl einen langwierigen Prozess wie auch die Gefahr weiterer Enthüllungen, durch die die Grundfesten des französischen Establishments noch heftiger hätten erschüttert werden können. Sie wurden zu 10 Jahren Haft für Totschlag und 7 Jahren für Sachbeschädigung verurteilt. Die Haftstrafen sollten gleichzeitig verbüßt werden.
In den darauf folgenden Monaten setzte Frankreich das auf den Export von Agrarprodukten angewiesene Neuseeland wirtschaftlich extrem unter Druck - es kam zu einer Vereinbarung, die es den beiden Agenten ermöglichte, ihre Strafen in einem französischen Militärgefängnis abzusitzen. Sie hatten gerade etwas mehr als zwei Jahre ihrer Haftzeit hinter sich, als sie freigelassen wurden und nach Paris zurückkehrten, wo sie militärische Auszeichnungen erhielten und ihre Karriere wieder aufnahmen.

Bis heute konnten viele der Ereignisse rund um die Affäre Greenpeace, den Anschlag auf die Rainbow Warrior und die Operation Satanic nicht aufgeklärt werden. In Frankreich gab es bislang keine sachgerechte öffentliche Untersuchung der Vorfälle; es wurden weder Ermittlungen zum Anschlag auf das Schiff noch zum Mord an Fernando Pereira angestellt. Der neuseeländischen Polizei wurde die Vernehmung der verantwortlichen DGSE-Agenten größtenteils verweigert. Die Schuldigen entgingen ihrer Strafe, der Gerechtigkeit wurde nicht Genüge getan.
Marelle Pereira, eines der beiden Kinder Fernandos, war gerade einmal acht Jahre alt, als ihr Vater getötet wurde. Das Versprechen Mitterands aus dem Jahre 1985, auf höchster Ebene für Gerechtigkeit zu sorgen
, findet bei Marelle nur wütenden Anklang. Wenn das, was unternommen wurde, als höchste Gerechtigkeit bezeichnet wird, gibt es in Frankreich keine Gerechtigkeit. Sie fügt jedoch hinzu, dass Frankreich noch immer die Chance habe, die Wahrheit aufzudecken. Für Gerechtigkeit sei es niemals zu spät.