Wir bleiben konfrontativ

Brigitte Behrens, Chefin von Greenpeace Deutschland, im Gespräch mit Bascha Mika und Reiner Metzger, Chefredakteure der Tageszeitung (taz), vom 09.09.2005.

Frage: Pünktlich zum 25. Greenpeace-Geburtstag wird eine ehemalige Umweltministerin wahrscheinlich Kanzlerin. Freut Sie das?

Brigitte Behrens: Nein, natürlich nicht. Frau Merkel ist für mich der Rückfall ins Atomzeitalter. Ich war davon ausgegangen, dass wir zumindest den Einstieg in den Ausstieg geschafft haben.

Frage: Wie wollen Sie denn die angedrohte Renaissance der Atomenergie verhindern?

Brigitte Behrens: Wir können nicht immer alles verhindern, was wir gerne verhindern würden. Aber eine Kampagne haben wir bereits gestartet.

Frage: Mit Ihrem Markenzeichen, einer spektakulären Aktion?

Brigitte Behrens: In der Öffentlichkeit sind die Gefahren der Atomenergie nicht mehr so präsent. Ein spektakuläres Auftreten allein kann diese Gefahr nicht deutlich machen. Außerdem werden Aktionen von uns nur dann eingesetzt, wenn wir die Politik nicht überzeugen können.

Frage: Gibt es deswegen weniger große Greenpeace-Auftritte, weil Sie sich stärker auf verbale Überzeugungsarbeit konzentrieren?

Brigitte Behrens: Nein. Greenpeace hat nie nur Aktionen gemacht ohne begleitende Lobbyarbeit. Schließlich ist es unser Ziel, zu internationalen Vereinbarungen zu kommen, um so tatsächlich einen nachhaltigen Umweltschutz zu gewährleisten.

Frage: Die Schweizer Weltwoche nannte Sie wegen dieser Lobbyarbeit den Panik-Konzern; die Umweltbewegung arbeitet schon immer gern mit Endzeit-Vorstellungen. Viele davon haben sich nicht erfüllt.

Brigitte Behrens: Auf eine Gefahr aufmerksam zu machen, ist notwendig und keine Panikmache. Was würde passieren, wenn wir einfach alles so weiterlaufen lassen wie bisher? Zum Beispiel mit den Urwäldern? Die würden im Jahr 2050 alle verschwunden sein. Das muss man plastisch und drastisch darstellen, damit Leute, die Bücher kaufen, sich überlegen, ob ihr Harry Potter auf FSC-zertifiziertem oder urwaldzerstörendem Papier gedruckt ist.

Frage: Aber viele Verbraucher nehmen das Billigste. Das ist ja das Problem – der Verbraucher reagiert nicht wie er soll.

Brigitte Behrens: Ich glaube, es gibt auch bei einem Verbraucher, der wenig Geld hat und nach einem Schnäppchen guckt, das Bedürfnis, die Umwelt zu erhalten. Und in vielen Fällen ist ihm auch nicht klar, was er anrichtet. Und da spielen Greenpeace und andere Umweltverbände eine große Rolle.

Frage: Sie sehen den Hauptkonflikt nach wie vor zwischen Industrie und Umwelt? Greenpeace ist Robin Hood und die Industrie der Sheriff von Nottingham?

Brigitte Behrens: In gewisser Weise ja. Deshalb suchen wir ganz klar die Konfrontation, wo sich Industrieunternehmen oder ganze Branchen überhaupt nicht in Richtung einer ökologischen Produktionsweise bewegen. Wir können ja nicht diejenigen außen vor lassen, die über das Know-how und die finanziellen Mittel verfügen, um tatsächlich etwas in eine saubere Produktion zu investieren. Wollen wir auch nicht.

Frage: Außerdem kämen Sie in ein Dilemma, wenn Sie die Verbraucher stärker unter Druck setzen.

Brigitte Behrens: Wieso?

Frage: Glauben Sie, dass jemand, der 100 Euro im Jahr für Greenpeace spendet, sich gleichzeitig von Ihnen beschimpfen lässt – weil er das falsche Papier kauft, zu viel Auto fährt, den falschen Strom nimmt ...

Brigitte Behrens: Wir beschimpfen die Verbraucher nicht, wir klären sie auf und versuchen sie zu aktivieren. Und obwohl es immer heißt, Umwelt sei aus der Mode gekommen, steigt die Zahl unserer Unterstützer nach wie vor. Es gibt also die Konfrontation mit den Verbrauchern nicht, die Sie hier versuchen aufzubauen.

Frage: Sind Ihre Förderer mit Ihrer Arbeit zufrieden?

Brigitte Behrens: Es gibt natürlich immer mal vereinzelte Förderer, die sagen, ach, könnt ihr nicht endlich mal aufhören, zum Thema Atomkraft zu arbeiten, dann würde ich euch noch Summe X überweisen. Wir als Gesamtorganisation haben aber ganz klar die Devise: Wir entscheiden, was aus unserer Sicht die richtigen Kampagnen sind, und wir machen nicht vorher eine Fördererbefragung um herauszubekommen, ob nun die Unterstützer in China, den Vereinigten Staaten und in Deutschland alle der Meinung sind, dass wir uns für den Schutz der Urwälder einsetzen sollten oder nicht.

Frage: Genau diese intransparenten Strukturen bringen Ihnen jede Menge Kritik ein. Einige wenige Leute entscheiden, und die Förderer haben überhaupt kein Mitspracherecht.

Brigitte Behrens: Unsere Entscheidungen fällen wir als internationale Gruppe, mit 29 Geschäftsführungen und dem internationalen Vorstand. Für uns hat sich das sehr bewährt. Abstimmung in den jeweiligen Ländern würde lange Vorlaufzeiten beedeuten und entsprechend viel Geld kosten.

Frage: Und ist das nicht einfach eine moderne Form des Ablasshandels?

Brigitte Behrens: Nicht jeder, der etwas für die Umwelt tun will, will sich auch weiter engagieren. Und den Vorwurf, das sei Ablasshandel, mit dem man sich ein gutes Gewissen erkauft, finde ich ein bisschen fies. Wir geben den Leuten ja kein ruhiges Gewissen dafür. Sie müssen nach wie vor auch ihr eigenes Verhalten überprüfen.

Frage: Vor Jahren hat einer Ihrer Campaigner Autofahren als eine im Kern asoziale Tätigkeit und die Internationale Automobilausstellung als obszöne und perverse Veranstaltung bezeichnet. Würden Sie das heute auch so sagen?

Brigitte Behrens: Inhaltlich würde ich an dieser Einschätzung nichts zurücknehmen. Und eine provokative Sprache ist durchaus in Ordnung. Der Autoverkehr hat in der Gesamtentwicklung eine sehr menschenverachtende Entwicklung genommen.

Frage: Aber bei Kampagnen muss man die Leute natürlich auch abholen. Geht das heute noch mit so einer radikalen Aussage?

Brigitte Behrens: Durch die Entwicklung zu einer Konsensgesellschaft wird Konfrontation nicht mehr als gesellschaftlich akzeptabel gesehen. Das merken wir. Aber Konsens führt zum Stillstand. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Greenpeace auch weiterhin konfrontativ sind.


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