Grußwort von Gerd Leipold, Greenpeace International

Es hat mit einem Paukenschlag begonnen. Greenpeace startete in Deutschland seine erste Aktion in der Deutschen Bucht gegen ein Verklappungsschiff. Nur wenige Monate später wusste fast jeder im Lande, was Verklappung war. Und Greenpeace war in aller Munde.

 

Damals war die Organisation schon fast zehn Jahre alt. Aber erst ein paar Jahre zuvor war Greenpeace in Europa aktiv geworden. David McTaggart, der charismatische Chef von Greenpeace, hatte seine Vision einer internationalen Organisation konsequent verfolgt und Greenpeace in Europa etabliert. Er war es auch, der gegen manchen Widerstand die Öffnung eines Büros in Deutschland vorantrieb. Klarer als die meisten hatte er erkannt, dass Ökologie auch in Deutschland ein heißes Thema war.

Von da an ging es bergauf. Und schon eine der nächsten Aktionen zeigte, wie gut die jungen deutschen Aktivisten das Greenpeace-Modell verstanden hatten und weiterentwickelten. In Hamburg stiegen zwei Greenpeacer auf den Schornstein der Boehringer Chemie Fabrik - schon das allein ein Novum - aber ihr Transparent sagte nicht Stoppt Dioxin-Ausstoß, darum ging es nämlich vordergründig. Vielmehr entfalteten sie den abgewandelten Indianerspruch vom Verschwinden der Fische und der Bäume, von den vergifteten Flüssen und dem Geld, das man nicht essen kann. Und trafen damit den Nerv einer Gesellschaft, der plötzlich der Preis ständig wachsenden Wohlstands bewusst wurde.

Harald Zindler war damals auf dem Boehringer Schornstein dabei. Er sollte noch viele neue Aktionsideen zünden - immer ohne Gewalt, aber mit viel Phantasie. Greenpeace sei ja nur auf spektakuläre Aktionen aus, lautete lange Jahre der Vorwurf. Wir haben ihn immer als ein Kompliment verstanden. Denn Umweltprobleme sichtbar zu machen, Einzelfälle von Vergehen an der Natur als Symbol für einen größeren Notstand zu beschreiben, Zeichen der Hoffnung und des Widerstandes zu setzen, Millionen von Menschen zum Nachdenken, zum Mitfühlen und manchmal zum Mitmachen zu bewegen, ist schwer, wichtig und wertvoll.

Innerhalb weniger Jahre stieg Greenpeace zur wichtigsten Umweltschutzorganisation in Deutschland auf. Und das obwohl, oder vielleicht weil, wir immer den Blick auf die großen, die globalen Themen richteten. Plötzlich tauchten überall und immer wieder Pinguine in deutschen Städten auf. Natürlich nur aufblasbare oder Aktivisten in Kostümen. Aber es war doch eindringlich genug, dass die Antarktis zu einem Thema in Deutschland wurde. Dieser Druck aus Deutschland war einer der Gründe, warum der Antarktis schließlich die Ausbeutung der reichen, mineralischen Rohstoffe erspart geblieben ist - eine der wenigen, uneingeschränkten Erfolgsgeschichten der globalen Umweltbewegung.

Heute stehen sie in jedem Haushalt, die FCKW- und FKW-freien Kühlschränke. Und das wegen Greenpeace Deutschland. In wenigen Jahren war es uns gelungen, nicht nur eine neue Kühltechnik zur Produktionsreife voranzutreiben, sondern - und das war gleich wichtig - einen Markt für das neue Produkt zu schaffen. Innerhalb weniger Monate hatten 10.000 Greenpeace-Förderer den neuen Kühlschrank bestellt, den es bis dahin noch gar nicht gab, und so seine Produktion in Gang gesetzt. Gleichzeitig war Greenpeace ein ständiger Gast bei Hoechst und anderen Produzenten von FCKW. Stieg buchstäblich denen aufs Dach, die mit ihren Produkten das Ozonloch vergrößerten.

Damals lernten wir, dass Einfluss auf Märkte zu nehmen und Verbraucher zu aktivieren oft zu schnelleren Ergebnissen führt, als den langen Marsch durch die Gesetzgebungswüsten zu nehmen. Hunderttausende schlossen sich dem EinkaufsNetz von Greenpeace an, weigerten sich Gentechnik-Lebensmittel zu kaufen, informierten andere und ärgerten Supermarktbesitzer. Dass Deutschland weitgehend gentechnikfrei ist, ist in großem Maße den Greenpeace-Unterstützern geschuldet. Und diese Erfolge erklären auch, warum Greenpeace bei aller Popularität in Deutschland eine Reihe von erbitterten Gegnern hat.

Als wir anfingen, war die Nordsee ein billiger Müllplatz. Mit der Dünnsäure-Kampagne und spätestens seit Brent Spar ist sie kein Platz für Müllbeseitigung mehr. Und auch die Verschmutzung der Flüsse und der Dreck, den sie ins Meer tragen, ist viel geringer geworden. Ganz maßgeblich daran beteiligt war ein kleines Flussschiff, die Beluga. Seit 1985 tourte sie über die europäischen Flüsse, ging direkt und ohne Vorankündigung an die Abflussrohre der großen Verschmutzer, nahm Proben, analysierte und machte sie öffentlich.

Auch das war oft mehr symbolisch, denn nur selten wurde ein Umwelt-Krimineller in flagranti erwischt. Aber die Präsenz der Beluga machte klar, dass hinter jeder Verschmutzung ein Verschmutzer stand und dass die Anwohner eines Flusses gleiche Rechte wie die Industriebetriebe hatten. Mit der Beluga bewirkte Greenpeace, dass sich die Chemieindustrie nicht mehr der Verschwiegenheit der eigenen Mitarbeiter sicher sein konnte, und deshalb Selbstverantwortung und Selbstkontrolle endlich erst nahm.

Nicht zuletzt tauchte die Beluga auch bei den Papierproduzenten auf, deren heiße und gefärbte Abwässer einen übelriechenden Schweif in unseren Flüssen hinterließen. Wir verplombten Ausflüsse und bekamen auch schon mal Schläge von empörten Arbeitern angedroht. Doch wir argumentierten ja nicht gegen die Papierproduktion, sondern für geschlossene Kreisläufe und für eine chlorfreie Bleichung. Damals hieß es geht nicht, ist zu teuer oder die Qualität ist nicht ausreichend. Heute ist es ein akzeptierter Standard.

Sehr zum Ärger des großen Hamburger Nachrichtenmagazins produzierten wir eine verblüffend echte Kopie des Spiegels auf chlorfreiem Papier - passenderweise Das Plagiat genannt. Auch da war unsere Stärke, es nicht bei theoretischen Argumenten bewenden zu lassen, sondern die Alternative Realität werden zu lassen - und damit wirklich spektakulär zu sein.

Das Verständnis der Papierindustrie wurde später wichtig, als es darum ging, sie von der Verwendung von Urwaldholz abzubringen. Auch da ging Greenpeace Deutschland klug vor: Wir wandten uns an die Großkunden der Industrie wie etwa Verlage und machten sie zu Mitstreitern. Marktkampagne heißt das in unserem Slang.

Und über all diese und viele andere mutigen, oft gefährlichen und immer pfiffigen Aktivitäten wuchs die öffentliche Unterstützung, ohne die Greenpeace nur wenig erreichen könnte. Heute ist Greenpeace Deutschland die größte von allen Greenpeace-Sektionen. Dank der mehr als einer halben Million Mitglieder trägt es rund ein Drittel des internationalen Greenpeace-Haushalts.

Das Klima für Umweltpolitik ist rauer geworden, national wie international. Und das zu einer Zeit, wo die größten Anstrengungen nötig sind, um die Folgen des Klimawandels einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. Blindes Wachstum und staatlich geförderter und geforderter Konsum sind Tagesbefehl.

Wir sind uns dieser Herausforderung bewusst. Und deshalb machen wir uns zunehmend Gedanken darüber, wie wir den (Massen-)Konsum problematisieren können. Deshalb expandieren wir mit großer Geschwindigkeit in die asiatischen Länder - besonders nach China und Indien - mit großer finanzieller und Erfahrungsunterstützung aus Deutschland.

Unsere Hoffnung beruht darauf, dass weltweit immer mehr Menschen über die globalen Umweltprobleme wissen und sich Gedanken darum machen. Greenpeace hat sicher maßgeblich zu diesem Umweltwissen und -gewissen beigetragen. Und das wollen wir auch weiterhin tun.

Bei allen düsteren Aussichten sind 25 Jahre Greenpeace Deutschland ein Grund sich zu freuen. Die Aktivisten, die Freiwilligen, die hauptamtlichen Mitarbeiter, die Förderer, die Gruppen, die Jugend- und Kindergruppen und die Seniorengruppen - ja auch die überwiegend freundliche und sympathisierende Öffentlichkeit - sie alle, wir alle, haben Grund, stolz zu sein. Auf das, was wir getan haben und das, was wir allen Widrigkeiten und Pessimismus zum Trotz versucht haben.

Gerd Leipold, 27. Juli 2005

Gerd Leipold war von 1980 bis 82 freiwilliger und zwischen 1983 und 1989 hauptamtlicher Mitarbeiter von Greenpeace Deutschland. Von 1990 bis 1998 gehörte er dem Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland an. Heute ist er der Geschäftsführer von Greenpeace International.


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