Abenteuer mit Sinn

Mitglieder der Jugend-AGs (JAG) diskutieren mit erfahrenen Greenpeacern über Umwelt, Konsum und künftige Pläne.

Teilnehmer:

Selma Tien, 17, Schülerin, JAG Oldenburg; Niko Lauchart, 19, Gründer des JAG Tübingen, Praktikant bei Greenpeace; Lotta Bartoschewski, 17, Schülerin, JAG Kiel; Holger Wilcke, 20, bis April JAG Neu-Brandenburg, leistet ein Freiwilliges Ökologisches Jahr bei Greenpeace; Peter Küster, 58, Leiter der Greenpeace Werkstätten, seit 1985 bei Greenpeace Deutschland; Gerhard Wallmeyer, 54, Leiter der Fundraising-Abteilung, Mitgründer von Greenpeace Deutschland.

 

Frage: Hat Greenpeace Grund zum Feiern?

Peter: Aber sicher. Viele unserer Forderungen wurden erfüllt. Wir haben uns nicht umsonst abgestrampelt. Wir sind stabiler und besser aufgestellt denn je. Und das kann man feiern.

Gerhard: Wichtiger noch als einzelne Erfolge ist, was Greenpeace in den Köpfen der Menschen bewirkt hat. Das Umweltbewusstsein ist viel größer als früher. Heute machen die Leute viele Dinge ganz selbstverständlich richtig. Zum Beispiel ein Kleingärtner, der setzte früher ein ganzes Arsenal von Spritzmitteln ein. Das war normal und ist heute eher die Ausnahme.

Niko: Ja, Umwelt ist ein Thema geworden, zum Beispiel in der Schule.

Frage:Was wollt ihr mit Greenpeace erreichen?

Selma: Die Welt retten, was sonst! Und dafür müssen wir den Leuten klar machen, dass das Klima in Gefahr ist ...

Niko: ... und dass sie was dagegen tun können. Bei Greenpeace können Leute mitmachen, die was verändern wollen. Und sie können sehen, wie es besser geht. Das ist für mich der Hauptgrund, warum ich von Greenpeace total überzeugt bin.

Frage:Greenpeace nimmt dem einzelnen also nicht die Verantwortung ab, selbst etwas zu tun?

Selma: Viele denken schon, bei Greenpeace kann man nur spenden.

Lotta: Oder Schlauchboot fahren. Aber Greenpeace bedeutet mehr, zum Beispiel keine umweltfeindlichen Produkte zu kaufen.

Peter: Wenn jemand eine Organisation unterstützt, die gegen Umweltverschmutzung kämpft, nenne ich das nicht Geld geben als Alibi, sondern Engagement. Wer spendet, drückt aus, dass er unsere Arbeit gut und wichtig findet, und gibt uns ein Mandat zum Handeln. Nur so können wir aktiv werden. Dafür bin ich dankbar.

Selma: Spenden dürfen aber nicht als Ausrede missbraucht werden. Die Gefahr besteht, zum Beispiel beim gedankenlosen Einkaufen. Das finde ich nicht okay.

Niko: Wir haben andererseits schon viel erreicht, wenn die Leute wissen, dass Fliegen oder Autofahren die Umwelt schädigt.

Lotta: Dann sollte der zweite Schritt folgen, indem die Leute entsprechend handeln. Dafür sind zum Beispiel die Einkaufsratgeber sehr nützlich, die Greenpeace veröffentlicht.

Holger: Entscheidend ist dabei die Überzeugungsarbeit von Mensch zu Mensch. Und die leisten vor allem die Ehrenamtlichen in den Gruppen.

Gerhard: Leider gibt es auch starke Gegentrends, gerade in der Jugendkultur. Viele Musiker wie etwa 50 Cent predigen Konsum pur: Luxus, Verschwendung und Egoismus. Da spielt der Umweltgedanke überhaupt keine Rolle. Da muss Greenpeace gegenhalten. Zumal diejenigen Firmen, die davon profitieren, keine Mittel scheuen, die Verbrauchermeinung zu manipulieren. Beispielsweise schalten sie sich inkognito in Chat-Rooms ein oder bezahlen Journalisten für wohlmeinende Artikel.

Peter: Blinder Konsum ist sicher ein Riesenproblem. Aber erstens möchte ich die Bürger nicht entmündigen. Ich glaube, dass sie selber wissen, was sie machen. Und zweitens können wir uns nicht um alles kümmern. Unser vorrangiges Ziel muss es bleiben, die Vernichtung der Natur zu stoppen. Damit sind wir gut ausgelastet.

Holger: Es ist beides wichtig: Die Arbeit am Ort des Geschehens, also zum Beispiel dafür zu sorgen, dass Urwaldgebiete unter Schutz gestellt werden. Und die Sensibilisierung der Menschen. Wer auf das FSC-Siegel achtet, hilft dem Wald auch, indirekt. Aber Greenpeace sollte keine reine Verbraucherorganisation werden.

Lotta: Konsum berührt alle Themen, zu denen wir arbeiten. Mit jedem Produkt, das wir kaufen, beeinflussen wir die Umwelt. Das müssen wir den Leuten klar machen.

Selma: Vielen ist das egal. Wenn ich Leuten aus meiner Klasse beispielsweise erzähle, dass in der Müller-Milch, die bei uns in der Cafeteria verkauft wird, Gen-Futter steckt, winken die ab und sagen: Ist doch sowieso überall was drin.

Frage:Greenpeace ist in den Medien nicht mehr so präsent wie früher. Ist Umweltschutz noch zeitgemäß, besonders für junge Leute?

Gerhard: Als wir 1981 auf den Boehringer-Schornstein geklettert sind, waren wir von dem riesigen Medieninteresse völlig überrascht. Bis dahin galt: Je mehr Demonstranten, desto größer die Berichte. Unsere zwei Kletterer stellten das auf den Kopf und landeten prompt in der Tagesschau.

Holger: Heute ist es schwieriger, Umweltskandale zu zeigen. Keiner schüttet mehr Dünnsäure in die Nordsee, die Probleme sind nicht mehr so offensichtlich wie früher. Außerdem haben sich die Gegner verändert, Firmen sind vorsichtiger geworden. Aber natürlich sind Aktionen nach wie vor ungeheuer wichtig, am besten direkt dort, wo die Scheiße passiert.

Niko: Genau: Nicht vor Ministerien, sondern zum Beispiel auf dem Gelände, wo Atomwaffen gelagert werden.

Gerhard: Das wäre völlig illegal.

Niko: Dann eben davor. Ich habe die JAG Tübingen gegründet, weil mir die Greenpeace-Gruppe zu langweilig war. Wir Jungen machen witzige und gute Aktionen. Wir stehen für Abenteuer mit Sinn, und das kommt an, auch und vor allem bei Jugendlichen.

Frage:Wie blickt ihr in die Zukunft?

Gerhard: Wir plündern noch immer die Welt, und die nachfolgenden Generationen müssen das ausbaden. Das wird nicht ewig so weitergehen können. Für Greenpeace als internationale Organisation heißt das: Die Erfolge hierzulande müssen wir auch in andere Länder exportieren, zum Beispiel nach China oder Russland. Denn die internationalen Konzerne haben kein Öko-Gewissen. Die gehen immer so weit, wie wir sie lassen. McDonald’s, um nur ein Beispiel zu nennen, serviert die Burger hierzulande in Pappschachteln, in anderen Ländern in Plastikverpackungen.

Holger: Greenpeace wird es weiter geben, weil die Umwelt weiter zerstört wird. Wir Menschen verbrauchen zu viel Ressourcen, und das ist ein Riesenproblem, dem wir nicht ausweichen können ...

Selma: Genau, ich finde es ganz wichtig, dass wir die Leute dazu bringen, im Alltag umweltbewusst zu handeln. Und: Es sollte mehr Greenpeace-Aktionen wie das Urwaldschutz-Camp in Finnland geben!

Lotta: Wir müssen in den Köpfen der Leute das Bewusstsein dafür schaffen, dass wir JETZT unser Verhalten ändern müssen und nicht erst in zehn Jahren, wenn es vielleicht schon zu spät ist.

Peter: Beim Stichwort Zukunft geht es mir in erster Linie um den Wahnsinn Atommüll: Wir wissen noch nicht einmal, wie wir ihn 1000 Jahre kontrollieren können, wenn er unterirdisch gelagert ist, und das Zeug strahlt 100.000 Jahre Trotzdem wollen CDU und FDP die AKWs länger laufen lassen.

Niko: Das werden wir verhindern!


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