Faszination Wald

Wildnis, Geheimnis, Abenteuer: Wälder ziehen uns magisch an, beflügeln unsere Fantasie und lehren uns Ehrfurcht. Doch echten Urwald, in dem sich die Natur bis heute ungestört entwickeln konnte, gibt es in Deutschland nicht mehr. Greenpeace fordert ein Umdenken - zum Wohle von Artenvielfalt, Klima und uns Menschen.
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Viele Menschen fühlen sich mit dem Wald tief verbunden. Hier finden sie innere Ruhe und grünen Frieden. Doch unser Verhältnis zu den Wäldern ist widersprüchlich und seit Jahrhunderten immer wieder im Wandel begriffen. Im Mittelalter wurden große Teile Mitteleuropas gerodet, die Waldfläche schrumpfte dramatisch. Dann, vor 200 Jahren, verklärten Dichter den Deutschen Wald zum romantischen Sehnsuchtsort und es setzte sich die Erkenntnis durch, dass man ihm nicht mehr Holz entnehmen darf als nachwachsen kann.

Im 20. Jahrhundert schließlich wurden auf riesigen Flächen schnellwachsende Fichten und Kiefern gepflanzt, weil das besonders hohe Profite versprach. Die öden Einheitsforste haben sich aber als anfällig für Krankheiten und Klimaveränderungen erwiesen, und so pflanzt man inzwischen wieder vermehrt Buchen und andere Laubbäume.

Kreatives Chaos

Doch bis heute werden die meisten Wälder regelmäßig durchforstet und wirken wie aufgeräumt: Es gibt kaum Baumriesen, kaum umgestürzte Stämme, kaum echte Wildnis. Nun wandelt sich die Einstellung zum Wald erneut. Viele Menschen finden gerade das chaotische Durcheinander sich selbst überlassener Wälder faszinierend und schön, das kreative Chaos der Natur. Und sie empfinden es als Widerspruch, dass wir den Schutz der tropischen Urwälder einklagen - während wir unseren Wäldern nicht einmal die Chance lassen, alt zu werden.

Lebensgeschichten

Nirgends sonst lässt sich der ewige Kreislauf der Natur so gut beobachten wie in einem unbewirtschafteten, wilden Wald. Erst wachsen Buchen, Eichen und andere Bäume zu wahren Riesen heran und bilden in ihren Kronen, unter aufplatzender Rinde, in Astgabeln und an den Wurzeln zahlreiche Kleinstlebensräume. Dann altern sie, stürzen schließlich während eines Sturms zu Boden, reißen womöglich weitere Bäume mit sich - und schlagen so das nächste Kapitel des Lebens auf. Denn nun machen sich unzählige Mikroorganismen, Pilze und Insekten über das Totholz her und zerlegen es in seine molekularen Bestandteile. Es herrscht ein endloses Fressen und Gefressenwerden, und in der entstandenen Waldlichtung wachsen auf frischem Boden neue Bäume empor.

Vor allem in alten Buchenwäldern stoßen Wissenschaftler auf eine ungeheure Vielfalt: Mehrere tausend Arten kommen dort vor, darunter allein mehr als tausend verschiedene Käfer. Spektakuläre Tiere wie der Feuersalamander sind auf alte Laubwälder angewiesen, und auch Waldmaus und Ringelnatter fühlen sich dort wohl.

(Aus den Greenpeace Nachrichten 1/2012, Autor: Wolfgang Hassenstein)

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