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Ein Artikel von greenpeace.de

Öldesaster in den Anden

Deutsche Steuergelder tragen mit dazu bei, dass in Ecuador unwiederbringliche Natur zerstört wird. Mit einem Kredit von mehr als einer Milliarde Euro hält die Westdeutsche Landesbank (WestLB), deren größter Anteilseigner die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen ist, diese Zerstörung am Laufen.

Der Kredit finanziert den Bau einer zweiten Ölpipeline (OCP) quer durch das südamerikanische Andenland. Anfang des Monats ereignete sich dabei nun eine - bislang hierzulande eher übersehene - Umweltkatastrophe. Millionen Liter Rohöl liefen in einem Naturschutzgebiet aus. Grund genug für die Greenpeace-Waldexpertin Sandra Pfotenhauer sich den Schaden vor Ort anzuschauen. Wir führten nach ihrer Rückkehr aus Südamerika am letzten Wochenende ein Interview mit ihr.

Greenpeace Online: Wo hat sich der Unfall ereignet?

Sandra: Rund 50 Kilometer östlich der Hauptstadt Quito in den Anden. Die Unglücksstelle liegt nahe der Stadt Papallacta in weit über 3.000 Meter Höhe. Sie befindet sich mitten in einem Naturschutzgebiet.

Greenpeace Online: Was ist dort geschehen?

Sandra: Die derzeit noch einzige Rohölpipeline Ecuadors, die so genannte SOTE-Pipeline, ist gebrochen und hat 10.000 Barrel Öl freigesetzt. Das sind über 1,5 Millionen Liter Rohöl, die in einen Fluss gelaufen sind. Der Fluss führt in ein Trinkwasserreservoir der Millionenstadt Quito, die Lagune von Papallacta. Die Wasseroberfläche war über die Hälfte vom Öl bedeckt. Die Behörden mussten die Trinkwassergewinnung sofort abstellen.

Greenpeace Online: Weiß man, wie es zu dem Pipelinebruch kam?

Sandra: Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Die SOTE-Pipeline verläuft an der Stelle dicht unter der Oberfläche im Boden. Direkt darunter befindet sich ein Tunnel für den Fluss. Während der Bauarbeiten an der OCP-Pipeline in dieser Gegend, war in der Nähe ein Rohrlager. Zwischen Baustelle und Lager mussten die tonnenschweren Baumaschinen dann immer die alte Pipeline überqueren. Doch das OCP-Konsortium streitet jede Verantwortung für den Unfall ab.

Greenpeace Online: Gibt es direkt von der Katastrophe betroffene Menschen und wie wird ihnen geholfen?

Sandra: Bevor der Fluss in das Wasserreservoir fließt, speist er mehrere Forellenbecken, die rund 300 Bauern dort angelegt haben. Sie bilden deren Lebensgrundlage. Die ist nun weggebrochen. Und auf eine Entschädigung müssen die Bauern warten, bis der gerichtliche Streit um die Schuldfrage zwischen Petroecuador, dem Betreiber der SOTE-Pipeline, und dem OCP-Konsortium entschieden ist. Das kann noch bis zu einem Jahr dauern.

Greenpeace Online: Beschreib doch bitte die Folgen des Pipelinebruchs, die du unmittelbar vor Ort beobachten konntest.

Sandra: Das Öl hat einen dicken schwarzen Film auf dem Wasser gebildet, der träge ans Ufer schwappt. Die Uferregionen des Flusses und der Lagune sind ebenfalls rabenschwarz. Das giftige Rohöl hat die Fische getötet, was auch für die Vögel eine Katastrophe bedeutet. In der Luft ist ein beißender Gestank. Meine Augen fingen an zu tränen und mir wurde manchmal richtig übel. Stunden später stanken meine Sachen immer noch bestialisch.

Greenpeace Online: Wie reagiert man in Ecuador auf das Unglück?

Sandra: Die OCP rührt keinen Finger, um zu helfen, sondern baut fleißig weiter an ihrer neuen Pipeline. Die Aufräumungsarbeiten werden allein von Petroecuador betrieben. Bevor ich in Ecuador eintraf, kam es zu einem weiteren Pipeline-Unfall. Während meines zehntägigen Aufenthaltes in Ecuador ereigneten sich noch ein zweiter: Eine Diesel-Leitung war wohl von jemanden angezapft worden. Ich hatte den Eindruck, dass solche Ereignisse in Ecuador alltäglich sind. Dieser Eindruck wurde mir dann auch von Ecuadorianern bestätigt. Die betroffenen Bauern sind natürlich wütend und protestieren.

Nachdem du die Unglücksstelle besucht hattest, bist du noch ins Amazonasgebiet gefahren, wo das Rohöl herkommt. Wie wurdest du dort von den Menschen willkommen geheißen?

Wenn du von den Ölgesellschaften kommst, dann hau besser wieder ab! Wenn du unseren Wald schützen willst, dann sei uns willkommen. So begrüßte uns Rebecca, die Schwester des Schamanen der Kechua in Sarayaku, einer 1.500-Seelen-Siedlung mitten im noch völlig intakten Amazonas-Regenwald. Große Teile des Stammesgebiets dieser Kechua wurden dem so genannten Block 23 zugeschlagen, der als nächstes für die Erdölsuche und -förderung freigegeben wird. Die Indianer leben dort schon seit hunderten von Jahren in völligem Einklang mit dem Wald. Das alles ist nun wegen des Erdöls in Gefahr.

 

Was Sandra Pfotenhauer bei dem indigenen Volk über die Bedrohung für den Urwald und ihrer eigenen Kultur durch die Erdölförderung erfuhr und wie sie sich dagegen wehren, aber auch was andere Umweltschutzorganisationen und der ecuadorianische Umweltminister ihr zum OCP-Projekt mitzuteilen hatten, können Sie in den nächsten Tagen hier lesen. Die Greenpeace-Waldexpertin hat ihre Eindrücke und Erfahrungen für uns in einem Tagebuch festgehalten.

Tagebuch, erster Teil

Tagebuch, zweiter Teil

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