Ein Artikel von Marissa Erbrich
Interview mit Forstdirektor i.R. Lutz Fähser, Teil 2

Nachhaltigkeit zahlt sich wirtschaftlich aus (Teil 2)

Als Lutz Fähser 1994 sein Konzept für den Lübecker Stadtwald vorstellte und Greenpeace das auch noch gut fand, ging ein Aufschrei durch die Institutionen. Nachhaltiges Wirtschaften im Wald? Undenkbar.

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Online-Redaktion: Mussten Sie Hürden überwinden, als Sie den Ihnen unterstellten Wald nachhaltig bewirtschaften wollten? Gab es Widerstand?

Lutz Fähser: Das kann man wohl sagen. Das ist ja in allen unseren menschlichen Systemen so: Wenn einer etwas anders macht als vorher, dann ist er Pionier und dann gibt es Widerstand.

In den staatlichen Forstverwaltungen, also Landesforsten, Bundesforsten: Die haben das natürlich als Provokation empfunden, vor allem wenn das dann so eine kleine Stadt macht. Dazu kommt: Als wir dieses Konzept 1994 in einer Pressekonferenz in Lübeck öffentlich vorstellten, hat Greenpeace mit uns zusammen diese Pressekonferenz gemacht. Weil Greenpeace sagte, dieses Konzept, was ihr da vorstellt, das können wir eins zu eins für Greenpeace übernehmen.

Die Pressekonferenz hat in den Institutionen wie eine Bombe eingeschlagen. Und das war der Widerstand, der dann auch anhielt, denn ein Förster verbündet sich nicht mit den Umweltschützern. Ein Förster ist im Wald und Umweltschützer haben da nichts zu suchen.

Bei den forstlichen Fakultäten: Die haben aufgeschrien und gesagt, das könne überhaupt nicht funktionieren. Nach dem Motto: Wenn man möglichst wenig eingreift und die Natur lässt, ist ja unsere ganze Lehre umsonst und wir Menschen sind doch besser als Natur. Das hält fast bis heute an.

Bei den Großgrundbesitzern: Das sind in der Regel Adlige mit großen Wäldern. Die hatten Angst, dass man ihnen mit so einer ökologischen Bewirtschaftung und auch so einer Öffnung zu den Umweltverbänden auf die Finger guckt. Man muss ja schließlich als Besitzer so viel rausholen können, wie man will.

Bei den Naturschutzbehörden in Lübeck: Weil unser Konzept kein Artenschutzkonzept ist, sondern auf die natürliche Dynamik setzt - da kann es auch passieren, dass eine Orchidee vorübergehend verschwindet und an anderer Stelle wiederkommt. Das dauerte lange, weil in den Naturschutzbehörden bis heute viele Artenschützer sitzen.

In der Politik: Da gab es Widerstand von den Grünen, und zwar wegen der Jagd. Das System beinhaltet, dass wir intensiv jagen, weil wir in deutschen Wäldern, auch in Lübeck, ungefähr eine zehnmal höhere Wilddichte von Rehen und Hirschen haben als es in einem Naturwald der Fall wäre. Diese Tiere fressen die Samen, wenn sich neue Pflanzen ansiedeln wollen, radikal auf. Wenn die Jugend immer wieder weggefressen wird, klappt dieses System nicht. Wir konnten den Grünen durch Exkursionen zeigen, dass die Jagd das ganze System verbessert und dass die Tiere, die dann in dem System leben, es viel besser haben als vorher.

Bei den Waldbesuchern: Die waren am Anfang entsetzt. Wir haben totes Holz liegenlassen, haben Bäume stehen lassen, die besonders alt waren, besonders skurril und halb abgestorben. Die Waldbesucher fanden das schrecklich. Es dauerte ein paar Jahre - mit Exkursionen und durch Zeigen, welche Funktion totes Holz hat. Heute ist es umgekehrt. Heute sind die Lübecker stolz auf diese Wildnis, auf dieses Besondere.

Online-Redaktion: Was hat Ihnen bei der Entwicklung Ihres Waldes persönlich am besten gefallen und was hat Sie überrascht?

Lutz Fähser: Eins der Motive, warum ich mich so einem Konzept gewidmet habe, ist das Bewusstsein, dass Wald ein so unübersichtliches superkomplexes Ökosystem ist, dass wir als Menschen es nie verstehen werden. Gerade wenn man Wälder nicht mehr so reglementiert, dann stellt man plötzlich fest, dass es ein anderer Wald wird. Das ist toll, ein Wald, der ganz differenziert ist und viel schlauer als das, was wir als Förster gemacht haben. Es ist ein sehr lebendiger Wald, der dauernd reagiert.

Auf Forstamtseite hat mir gefallen, dass das Konzept, wie wir uns das gedacht haben, auch wirklich sehr gut funktioniert. Es gab wahnsinnige Kritiken, die sagten, das kann nicht klappen, das ist keine Qualität in solchen Wäldern. Jetzt, nach ungefähr 20 Jahren mit vielen Inventuren und wissenschaftlicher Begleitung, stellen wir fest, es funktioniert fantastisch. Eigentlich besser als wir dachten.

Unsere Tier- und Pflanzenarten haben sich explosionsartig vermehrt. Zum Beispiel der Schwarzspecht hat sich verdoppelt bis verdreifacht in diesen 20 Jahren. Typische Waldarten, die sich in einem ungestörten Wald ansiedeln, haben sich hier zuhauf eingefunden, aber auch scheue Vögel, wie Schwarzstorch oder Seeadler sind gekommen.

Außerdem gefällt mir, dass die Menschen jetzt die Wildnis im Wald suchen und nicht die Ordnung. Dass sie kapiert haben, Wald ist etwas ganz Eigenständiges und es ist viel spannender, einen wilden Wald zu erleben und überrascht zu werden. Die Erholungswirkung hat sich verstärkt.

Hier kann man einfach besichtigen, wie es sich entwickelt, wenn man den Rio-Gedanken betreibt, mit Agenda 21 und Biodiversitätskonvention. Das Schöne daran ist, dass wir als Förster von Umweltverbänden jetzt als Kooperateure angesehen werden - das ist genau das, was der deutsche Wald braucht. Die Förster sind eigentlich für das Ökosystem da und erst wenn der Baum ab ist, dann kommen die Holzwirte und die Kaufleute. Wir sind für den lebenden Teil zuständig. Die Kooperation mit den Umweltverbänden bringt auch sehr viel Wissen aus der Umweltszene in den Wald.

Mir gefällt auch, dass wir international fast bekannter sind als national. Ich bin in viele Länder eingeladen worden, um den Menschen diese Ideen zu erläutern. Es freut mich, dass man international, von außen sozusagen, die Qualität so eines Konzeptes etwas weniger voreingenommen erkennt.

Online-Redaktion: Herr Fähser, vielen Dank für das Gespräch!

Warum eine nachhaltige Forstwirtschaft ökonomisch rentabel ist, die deutschen Forstbetriebe dagegen in großen Teilen nicht, erklärt Dr. Lutz Fähser im ersten Teil des Interviews.

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