Ein Artikel von Marissa Erbrich
Interview mit Forstdirektor i.R. Lutz Fähser, Teil 1

Nachhaltigkeit zahlt sich wirtschaftlich aus (Teil 1)

Als Dr. Lutz Fähser 1994 sein Konzept für den Lübecker Stadtwald vorstellte und Greenpeace das auch noch gut fand, ging ein Aufschrei durch die Institutionen. Nachhaltiges Wirtschaften im Wald? Undenkbar. Fähser hat den Lübecker Stadtwald 23 Jahre lang nachhaltig bewirtschaftet - aus ökonomischen Gründen. Die Erfahrung, dass Ökologie und Ökonomie für unvereinbar gehalten werden, macht er bei Vorträgen auch heute noch.

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Online-Redaktion: Herr Fähser, Sie haben selbst lange Zeit einen Wald nachhaltig bewirtschaftet. Wie sieht eine solche Bewirtschaftung konkret aus?

Lutz Fähser: Der Begriff Nachhaltigkeit bedeutet, dass man einen Wald oder ein Ökosystem für immer in einer bestimmten Weise erhalten kann. Das Vorbild dazu sind Urwälder. Sie haben sich seit Millionen von Jahren selbst entwickelt und sind noch immer da. Und wenn man das überträgt auf das Wirtschaften, muss man ein paar Prinzipien einhalten. Die haben wir in Lübeck so entwickelt.

Das bedeutet erstens: Naturnähe. Dass man die Wälder möglichst naturnah gestaltet - in ihren Strukturen, in ihrer Dynamik und in ihren Funktionen. Möglichst dicht an der natürlichen Ausprägung, das ist für nachhaltige Bewirtschaftung die höchste Priorität.

Das zweite ist: Suffizienz . Wenn man erntet, muss man sich darauf beschränken, möglichst nur so viel zu ernten wie das natürliche System von sich aus leisten könnte. Dass man sich begnügt und das System nicht überfordert.

Und das dritte für den Wirtschafter selber: das Minimumprinzip. Das heißt, dass man alle Maßnahmen mit einem Minimum an Störungen, einem Minimum an Eingriffen realisiert.

Das sind die Oberbegriffe für nachhaltige Bewirtschaftung.

Online-Redaktion: Ist es überhaupt möglich, nachhaltige Forstwirtschaft mit ökonomischen Zielen zu vereinbaren?

Lutz Fähser: Ich habe mich zwei Jahre lang ganz speziell mit Betriebswirtschaft beschäftigt und darüber nachgedacht, warum die deutschen Forstbetriebe in großen Teilen so wenig rentabel sind. Im Prinzip bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Die sind deswegen so wenig rentabel, weil sie so viel Kraft und Geld vergeuden, um gegen die natürlichen Systeme anzuarbeiten.

Im Wald wirtschaftet man in der sogenannten Urproduktion - dort, wo der Produktionsfaktor Natur die größte Rolle spielt. Waldwirtschaft ist nie rentabel, wenn man den Produktionsfaktor Natur nicht weitestgehend gewähren lässt. Denn der ist kostenlos, flexibel und passt sich an Schwierigkeiten an und bremst sie sozusagen aus.

Wenn man so viel reglementiert wie das die Forstleute immer noch tun, reduziert man die Kapazität dieses natürlichen Ökosystems. Der Wald ist eben ein unbekanntes System und man kann betriebswirtschaftlich eigentlich nur gewinnen, wenn man das System weitestgehend sich selbst überlässt.

Das bedeutet in betriebswirtschaftlichen Zahlen: Man reduziert die Kosten auf Anhieb um mindestens 50 Prozent gegenüber den üblichen Eingriffssystemen der deutschen Forstwirtschaft.

Sie haben auch ein viel geringeres Risiko, dass die Bäume kaputtgehen durch Borkenkäfer oder so. Wenn Sie den Wald so gestalten, wie ihn die Natur eigentlich an dieser Stelle gemacht hätte, haben Sie automatisch das geringste Risiko. Denn am Ende der natürlichen Entwicklung steht immer das System, das am wenigsten anfällig ist. Und wenn man sich dieses System als Vorbild nimmt, brennt es nicht in Ihren Wäldern und dann haben Sie auch keine Borkenkäfer. All das, was man immer so hört von der Forstwirtschaft, findet einfach nicht statt in einem naturnahen Laubmischwald, den wir hier in Deutschland von Natur aus hätten.

Das heißt, Sie haben geringe Kosten, geringes Risiko und eine hohe Produktivität, denn wenn Sie nicht stören, dann produziert der Apparat am besten. Das hat sich auch in etlichen Studien gezeigt, dass dieses Lübecker System den üblichen Waldwirtschaftssystemen in Deutschland deutlich ökonomisch überlegen ist. Etwa in dem Faktor 30 bis 40 Prozent.

Es kommen ja viele Leute hierher und sagen: Das ist toll, das ist faszinierend, was Sie hier machen, aber wissen Sie, wir müssen Geld verdienen mit unserem Wald. Und dann sage ich: Jetzt fange ich noch mal ganz von vorne an - das ist nämlich das Motiv von mir als Ökonom gewesen.

Online-Redaktion: Wie bewerten Sie den derzeitigen Umgang mit deutschen Wäldern?

Lutz Fähser: In, sagen wir mal, 80 Prozent der Wälder wird im Moment viel mehr Holz eingeschlagen als in den Jahren zuvor, weil es eine große Nachfrage gibt. Für Deutschland haben wir genug Holz, aber etwa der ganze asiatische Raum importiert sehr stark. Und die Nachfrage nach Energie über Holz ist drastisch gestiegen - direktes Kaminholz, aber auch für Pellets. Deswegen schlagen die Waldbesitzer jetzt zum Teil genauso viel wie nachwächst und zum Teil vorübergehend auch mehr.

Dazu kommt noch die Klimadebatte. Wald kann Klima beeinflussen, indem es zum Beispiel CO2 aus der Atmosphäre absorbiert und in die Stämme, in den Humus und in den Boden einbaut. Und CO2 ist ein wichtiges Klimagas, was man reduzieren muss.

Wir importieren jetzt auch ganz viele Bäume aus der ganzen Welt, die hitzeresistent sind und schneller wachsen. Damit entfernen sie sich immer mehr von dem Wald, der sich hier von Natur aus einfinden würde.

Sie merken an dieser Aufzählung - Energienachfrage, Export in boomende Wirtschaftsregionen, Klimawandel, andere Baumarten - wir sind in Deutschland in einem unglaublich gefährlichen Wandel. Weg von unseren eigenen natürlichen Systemen, die das alles ganz gut könnten - hin zu einem Kunstsystem, wieder in Richtung Plantagen und nicht-heimische Baumarten. Wir sind in einer schwierigen Situation im Moment.

Deswegen reagiert Greenpeace auch richtigerweise mit diesem Buchenwaldkonzept und sagt: Wir müssen das Auge wieder auf die heimischen angepassten Ökosysteme lenken, das ist unsere Verpflichtung.

Online-Redaktion: Es gibt ja tatsächlich noch alte Laubwälder in Deutschland, beispielsweise im Spessart. Welchen Stellenwert räumen Sie diesen Wäldern ein?

Lutz Fähser: Alte Laubwälder sind ja fast ein Synonym für naturnahe Wälder. Laubwälder und Laubmischwälder sind eigentlich das, was von Natur aus vorgeherrscht hätte. Und die letzten, die noch da sind, sind eine ganz wichtige Insel von genetischer Information und Rettungsinseln für diejenigen Tier- und Pflanzenarten, die von Natur aus hier waren. Die brauchen wir, wenn wir wieder naturnahe, stabile, risikoarme Wälder aufbauen. Sie sind eine Art Arche Noah. Sie geben uns Hinweise auf das Funktionieren von solchen Wäldern.

Wenn Bäume und Wälder sehr alt sind, steckt in diesem Alter ein großer Eigenwert. Vor allem Tiere, wie Käfer, sind darauf angewiesen, dass die Systeme sehr alt sind und dass sie sich lange in so einem System aufhalten können. Käfer beispielsweise, sind häufig nicht sehr mobil. Weil ursprünglich überall Wald war, hatten sie es gar nicht nötig, weit zu fliegen oder weit zu krabbeln.

Deswegen sind also erstens Laubwälder und zweitens alte Laubwälder, in denen solche Nischen sind - absterbende Bäume, Höhlen, ganz lange Akkumulationen von Natur - extrem wichtig, um wirklich die typische angepasste Waldnatur in all seinen Facetten weiter leben zu lassen.

Es ist ganz wichtig, dass man diese kleinen Inseln jetzt wirklich schützt. Erstmal ganz, so lange bis die Staatsforstverwaltung oder die sonstigen Forstverwaltungen ein verantwortbares Konzept vorlegen, wie man diese Wälder behutsam erhält oder auch weiter bewirtschaftet.

Im zweiten Teil des Interviews erzählt Lutz Fähser von den Widerständen, die ihm entgegenschlugen, als er sein neues Konzept für den Lübecker Stadtwald präsentierte.