
Der Regenwald des Großen Bären im kanadischen Bundesstaat British Columbia zieht sich an der Westküste Kanadas hoch bis Alaska und ist mit 6,4 Millionen Hektar der größte gemäßigte Küstenregenwald der Erde. Er bietet eine ursprüngliche Wildnis wie aus dem Märchenbuch, mit Fjorden, die weit ins Land hineinreichen, mit über 1000 Jahre alten Bäumen und faszinierenden Tierarten, darunter Seeadler, Wölfe und – wie der Name sagt – auch Bären. Eine Rarität ist der weiße Kermode- oder Spirit-Bär, ein heiliges Symboltier einiger Indianervölker.
1997 startete Greenpeace eine internationale Kampagne zum Schutz des Regenwaldes, denn Holz- und Papierfirmen wie International Forest Products (Interfor), West Fraser Timber und Western Forest Products bedrohten das Naturparadies durch massive Holzeinschläge.
Die Kampagne dauerte neun Jahre – eine der längsten in der Geschichte der Organisation. Und sie zahlte sich aus: British Columbia stellte rund ein Drittel des Waldes, 2,1 Millionen Hektar, dauerhaft unter Schutz und sperrte weitere 700.000 Hektar für Bergbau und Forstwirtschaft.
Greenpeace protestierte Ende der 1990er Jahre im Great Bear Rainforest selbst und in Deutschland bei kanadischen Botschaften und Abnehmern von Holz und Zellstoff. Häuptlinge der Nuxalk-Indianer schnitzten während einer Deutschlandreise 1999 einen Totempfahl, um auf die Kahlschläge in ihren Wäldern aufmerksam zu machen. Und drei als "Wütende Großmütter" bekannt gewordene kanadische Frauen protestierten im Jahr 2000 persönlich bei den großen deutschen Papierherstellern und Holzhändlern gegen die Zerstörung der Wälder.
1999 organisierte Greenpeace eine Reise für deutsche Papierfabrikanten und Zeitschriftenverleger in die Urwälder British Columbias, damit diese sich selbst ein Bild vom Raubbau machen konnten. Die deutschen Handelspartner waren wenig begeistert von den Kahlschlägen und drohten daraufhin der kanadischen Papierindustrie, ihre Verträge zu stornieren, wenn kein Einschlagstopp erlassen würde. Als 2001 in Folge der Greenpeace-Kampagne weltweit über 100 Kunden der kanadischen Holz- und Papierindustrie ihre Verträge kündigten, stimmten die Unternehmen endlich einem Moratorium zu.

Greenpeace und andere Umweltgruppen einigten sich daraufhin mit den führenden kanadischen Holzkonzernen, den Holzeinschlag auf einer Fläche von 1,2 Millionen Hektar vorerst zu stoppen. Während die Motorsägen schwiegen, begannen mehrjährige wissenschaftlich begleitete Verhandlungen zwischen Greenpeace und der Holz- und Papierindustrie, die in einem Schutzvorschlag für den Regenwald mündeten. Der Vorschlag war die Basis für die Entscheidung der Provinzregierung British Columbias sowie der Regierungen der First Nations (Indianer), einen großen Teil des Waldes zu schützen.
Eine dreijährige Realisierungsphase des im Februar 2006 verkündeten Schutzabkommens lief Ende März 2009 aus. Bis zuletzt hatten die einzelnen Interessensparteien um inhaltliche Details bei der Umsetzung gerungen. Das Ergebnis stellte Greenpeace auf einer Pressekonferenz in der Provinzhauptstadt Victoria vor, zusammen mit Vertretern der indigenen Völker und der Holzindustrie sowie der Partnerinitiative "Rainforest Solutions Project" zwischen Greenpeace, ForestEthics und Sierra Club BC.
"Nach einem Jahrzehnt Arbeit erleben wir heute den Ziellauf, ein leuchtendes Beispiel für die Welt, was getan werden muss, um einen Wald dieser Größenordnung und Bedeutung zum Wohle Aller auf die richtige Art und Weise zu managen", freute sich Oliver Salge, Leiter der Waldkampagne bei Greenpeace Deutschland. "Ich hoffe, Vertreter der Politik und der Papier- und Holzwirtschaft weltweit nehmen den Prozess zum Schutz dieses Waldes in Kanada als Beispiel. Für den Klima- und Artenschutz sind viele solcher Schutzabkommen nötig."
Das Schutzabkommen beinhaltet nicht nur Einschlagbestimmungen, sondern unterstützt auch Nachhaltigkeit und Entwicklung in den lokalen Kommunen:
Nach den wissenschaftlichen Empfehlungen zum Schutz aller Tier- und Pflanzenarten in der Region ist das zentrale Ziel aller Beteiligten, 70 Prozent des Urwalds in einem natürlichen Zustand zu erhalten. Als Zielmarke zur Umsetzung wurde das Jahr 2014 festgelegt. Doch die Zeit drängt, speziell an der Südküste wird die anhaltende Bedrohung deutlich, hier sind aktuell nur zwölf Prozent des Regenwalds vor Holzeinschlag geschützt. Mit einer Kampagne "Take it taller" ruft das Rainforest Solutions Projekt die Regierung von British Columbia auf, den Schutz zu erhöhen: www.savethegreatbear.org/takeittaller
Bald könnte dem Regenwald des Großen Bären auch noch eine Ölpest drohen: In Alberta, der Nachbarprovinz British Columbias werden riesige Ölsandvorkommen (Tar Sands) ausgebeutet: die wohl die dreckigste und klimaschädlichste Art, Energie zu gewinnen. Pro Barrel (engl. = Fass, entspricht 159 Litern) gewonnenen Öls werden 62 bis 176 Kilogramm CO2 freigesetzt – drei- bis fünfmal so viel schädliche Klimagase wie bei der konventionellen Ölförderung. Beim Abpumpen eines Fasses Öls entstehen außerdem rund 650 Liter Giftbrühe. Stoffe wie Cadmium, Arsen, krebserregende Kohlenwasserstoffe oder das Nervengift Quecksilber fließen in riesige künstlich angelegte Seen und vergiften die Pflanzen- und Tierwelt.
Das kanadische Unternehmen Enbridge will fast vier Milliarden Euro für ein Projekt "Northern Gateway Pipelines" investieren. Über ein Doppelröhrensystem soll Öl aus Alberta über fast 1200 Kilometer bis zum Pazifik transportiert werden, um von dort aus mit Supertankern nach Asien zu gelangen. In die andere Richtung soll das giftige Chemikaliengemisch fließen, das zur Verflüssigung des Rohöls benötigt wird. Geplant ist, dass die Doppelröhre zu einem tief ins Land reichenden Fjord in British Columbia führt, das heißt, die Tanker würden mitten durch den Great Bear Regenwald fahren: rund 200 Schiffe pro Jahr. Nicht auszudenken, was ein Pipelinebruch oder eine Schiffshavarie im empfindlichen Ökosystem anrichten würde.
(Autorin: Nicoline Haas)