
Zwei Drittel aller an Land lebenden Pflanzen- und Tierarten, sowie Millionen Ureinwohner haben ihre Heimat in den letzten großen Urwäldern der Erde. Diese Wälder sind auf dem gesamten Globus in Gefahr. Wenn die Waldvernichtungsrate der 90er-Jahre weiter anhält, werden wir Mitte des nächsten Jahrhunderts die Hälfte der dort lebenden Arten unwiederbringlich verloren haben.
Urwälder sind die noch verbliebenen, naturbelassenen Waldgebiete der Erde, die sich in Tausenden von Jahren entwickelt und bis heute erhalten haben. Es gibt dort weder Straßen, Siedlungen oder Pipelines noch kommerziellen Holzeinschlag oder Abbau von Bodenschätzen. In solchen Gebieten leben Waldvölker, die dort jagen und Nahrungsmittel anbauen.
Große Gebiete sind aufgrund geringerer Randeffekte weit besser in der Lage, die natürliche Entwicklung des Urwaldes zu ermöglichen und großen Tieren einen natürlichen und geeigneten Lebensraum zu bieten. Natürliche Prozesse wie etwa Feuer oder Windwurf können ohne großen Schaden für das Ökosystem Wald überstanden werden. Große, unberührte Gebiete sind auch als Referenz für die große Mehrheit bereits zerstörter Wälder notwendig, um die natürlichen Prozesse der Waldentwicklung zu vergleichen und zu verstehen. Durch Fragmentierung werden die Gebiete in kleinere Blocks zerschnitten, Populationen geteilt und Wanderrouten zerstört.
Ausnahmen bestätigen die Regel: In so genannten ökologischen Schlüsselgebieten sind auch kleinere Blockgrößen möglich. Zum Beispiel: Der Great Bear Rainforest in British Columbia. Diesen temperierten Regenwald findet man nur noch auf sehr vereinzelten Flächen. Um dieses wertvolle Artenspektrum zu erhalten und eventuelle Renaturierungen zu ermöglichen, müssen auch kleinere Waldeinheiten unter Schutz gestellt werden.
Um Urwälder effektiv schützen zu können, ist es notwendig zu wissen, wo sie sich befinden. Eine Einschätzung über die Bedrohung und die wirtschaftliche Bedeutung sind für Entscheidungsträger auf politischer und wirtschaftlicher Ebene hilfreich. Dazu ist es notwendig, alle Wälder nach vergleichbaren Kriterien und Methoden zu kartieren. Global Forest Watch (GFW) ist das erste weltweite Waldkartierungs- und Monitoringprojekt. GFW ist eine Initiative des World Resources Institute und hat die Daten für diese Karten zur Verfügung gestellt.
Europa: Fast ausschließlich im äußersten Norden des Kontinents liegen die letzten unberührten Wälder. Heute sind nur noch 14 Prozent der gesamten Waldfläche des europäischen Teils Russlands von großen intakten Urwäldern bedeckt. Nachdem in den skandinavischen Ländern die intensive Nutzung der Wälder durch den Menschen nur noch vereinzelte Inseln borealen Urwaldes übrig gelassen hat, droht den letzten großen unberührten Urwäldern Europas ein ähnliches Schicksal. In den letzten 20 Jahren wurden allein in der Region Archangelsk jedes Jahr durchschnittlich 250 000 Hektar intakter Urwald vernichtet. Die letzten Urwälder Europas werden zu Produkten wie etwa Papier und Zellstoff, Pappe und Faserplatten oder Profilholz auch für den deutschen Endverbraucher verarbeitet.
Sibirien: Die allgemeine Vorstellung von Russland als einem Land mit unendlich großen, unberührten Wäldern ist ein Mythos. Die größten Teile des russischen Waldes sind bereits grundlegend durch menschliche Einflüsse umgewandelt. Die Situation für intakte Urwaldlandschaften ist sehr kritisch. Unberührte Gebiete gibt es nur noch in den unzugänglichen Bergen, während in den gut erreichbaren Laub- und Mischwäldern während der letzten zehn Jahre die industrielle Abholzung fast überall Einzug gehalten hat.
Afrika: Die Karten für Afrika sind noch in einem sehr frühen Stadium. Bisher wurde vor allem großflächig kartiert. Es sind noch keine hochauflösenden Satellitenbilder verwendet worden. Oftmals sind die Daten für Afrika mehr als 20 Jahre alt. Afrika besitzt heute noch große Urwaldgebiete, deren Zukunft aber, auf Grund des schnellen Fortschreitens industriellen Holzeinschlags, sehr ungewiss ist. Erschreckendes Indiz hierfür ist, dass bereits heute 40 Prozent der verbliebenen Urwälder als kommerzielle Einschlagsgebiete (Konzessionen) vergeben sind. Man kann davon ausgehen, dass weite Teile dieser Konzessionsgebiete bereits durch Kahlschläge und Straßen zu den Einschlagsgebieten maßgeblich beeinträchtigt sind.
Nordamerika: Auch hier wurde bisher nur eine grobe Analyse der Situation vorgenommen und potentielle Urwälder für weitere Betrachtungen ausgefiltert. Die Ergebnisse zeigen, dass zwei Drittel aller Wälder Nordamerikas potentiell die Kriterien für Urwälder erreichen könnten. Aber auch hier ist der kommerzielle Einschlag weit fortgeschritten und man muss erwarten, dass sich bei genauerer Betrachtung ein Großteil dieser Gebiete als fragmentiert herausstellen werden. Diese Gebiete liegen fast ausschließlich in den nördlichsten Regionen des Kontinents in Kanada und Alaska. In den USA sind nur noch 20 Prozent der existierenden Wälder als potentielle Urwälder zu klassifizieren.
Die temperierten Regenwälder in British Columbia sind als besonders wertvolle ökologische Schlüsselgebiete einzustufen und sollten deshalb auch in kleinen Abschnitten unter Schutz gestellt werden. Temperierte Regenwälder gibt es nur noch hier und in Chile.
Chile: Nur ein Viertel der Waldgebiete in Chile sind noch als große Urwälder (größer als 10.000 Hektar) zu bezeichnen. Die chilenischen temperierten Regenwälder beherbergen eine Vielzahl von endemischen - also nur dort vorkommenden - Pflanzen- und Tierarten. Zwischen 1996 und 1998 hat sich allein die Produktion von industriellem Rundholz (Stämme) um 83 Prozent gesteigert. Über 10 Prozent des Waldes wurde in Plantagen umgewandelt, die von nicht heimischen exotischen Arten bestimmt werden. Die meisten der verbliebenen Urwälder befinden sich in extremen Hanglagen oder in sehr hohen Höhen.
Indonesien: Indonesien hat seit 1985 mehr als 20 Millionen Hektar Wald verloren. Das wenigste davon wurde in andere Nutzungen umgewandelt, fast alles liegt brach. Vor Hundert Jahren gab es in Indonesien noch crund 170 Millionen Hektar Wald. Davon sind heute als potentiell intakte großflächige Urwälder nur noch 52 Millionen Hektar übrig. Weitere 33 Millionen Hektar sind zwar potentiell intakt, befinden sich aber in kommerziellen Konzessionsgebieten und man kann davon ausgehen, dass diese weit entfernt von Unberührtheit sind. In den letzten Jahren ist vor allem die Papierindustrie stark gewachsen und benötigt nun riesige Mengen an Rohstoff, die nicht durch normale umweltverträgliche Holzproduktion gedeckt werden können. Im Jahr 2000 stammte etwa 65 Prozent dieses Holzes aus illegalen Quellen.
Vierzig Prozent der noch auffindbaren Urwälder Afrikas sind zum Einschlag freigegeben. In Nordamerika wurden mindestens 12,3 Millionen Hektar Urwald allein zwischen 1990 und 2000 abgeholzt. Fast alle Länder Europas haben ihre sämtlichen Urwälder verloren. In Sibirien könnten in den nächsten Jahren Waldlandschaften in kompletten Vegetationszonen verschwinden. In Chile sind die wenigen verbliebenen, temperierten Regenwälder in großer Gefahr. Vierzig Prozent der 1950 in Indonesien existierenden Wälder wurden bis 2000 abgeholzt. Fünfzehn Prozent des Amazonas sind bereits zerstört. Ungefähr 80 Prozent der einstmals existierenden Urwälder sind verschwunden.
Das alles wissen wir. Und wir können es nicht ändern. Aber wir können die restlichen Urwälder für zukünftige Generationen schützen!
Die Regierungen müssen die Fantastischen Sieben, die letzten großen Urwälder dieser Erde, vor der Zerstörung retten.
Wir brauchen dafür die drei M's:
Die Forst-, Papier- und Holzindustrie darf kein Holz mehr aus Urwaldzerstörung kaufen. Sie sollte auf Produkte umsteigen, die nach ökologischen und sozialen Kriterien zertifiziert sind (z.B. nach Naturland oder FSC).
V.i.S.d.P.: Sandra Pfotenhauer
4/2002