
Neuguinea, direkt vor dem nördlichsten Zipfel Australiens gelegen, ist die zweitgrößte Insel der Welt. Dort gibt es die größten noch zusammenhängenden Urwaldflächen Südostasiens und Ozeaniens. Mitten durch die Insel verläuft eine schnurgerade Grenze. Der westliche Teil, Papua, gehört zu Indonesien, der östliche zu Papua-Neuguinea. Indonesien besteht insgesamt aus mehr als 17.000 Inseln, von denen Neuguinea die östlichste und Sumatra die westlichste ist.

Die Urwälder Südostasiens gehören zu den ältesten der Welt und beherbergen eine schier unglaubliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Hunderte indigene Völker mit ihren uralten traditionellen Kulturen sind hier zu Hause.
Allein auf der Insel Neuguinea gibt es 233 Arten von Säugetieren, 275 verschiedene Reptilien- und mehr als 600 Vogelarten sowie 17.000 Pflanzenarten. Rund die Hälfte der hier lebenden Tiere gibt es nirgends sonst auf der Welt. Immer noch werden neue Arten entdeckt: Im Dezember 2005 wurden bei einer einzigen Expedition in Papuas Foja-Bergen 20 neue Frosch- und mehrere Schmetterlingsarten entdeckt. Außerdem fanden die Forscher auch einen alten Bekannten: ein Baumkänguruh, das man bisher nur aus Australien kannte. Dort ist es vom Aussterben bedroht.

Kaum entdeckt, wird die Region bereits Verlorene Welt genannt. Die Vielfalt des wohl paradiesischsten Tropenwaldes der Erde ist durch den zerstörerischen, überwiegend illegalen Holzeinschlag bedroht.
Alle zwei Sekunden wird auf der Erde Urwald in der Größe eines Fußballfeldes zerstört. Heute sind nicht einmal mehr 20 Prozent der einstigen Urwälder in großen, zusammenhängenden Flächen erhalten. Keine Region der Welt verliert ihre Urwälder schneller als Südostasien. 72 Prozent in Indonesien und 60 Prozent in Papua-Neuguinea sind bereits kahlgeschlagen. Das meiste davon illegal. Wenn die Sägen und Bulldozer wieder fort sind, bleibt ein erschütterndes Bild zurück. Studien in Neuguinea zeigen, dass für das Fällen eines einzigen Baumes 17 weitere zerstört werden, zum Teil sogar wesentlich mehr.
Gut ein Fünftel der Säugetiere in Papua-Neuguinea ist bedroht. Vom Java-Nashorn, das einst durch ganz Südostasien streifte, gibt es heute schätzungsweise gerade noch 100 Tiere, vom Sumatra-Tiger nur noch etwa 500.

Auch einer unserer nächsten Verwandten, der Orang-Utan, ist akut bedroht. Die Geschichte der Waldmenschen (Orang heißt auf Malaiisch Mensch, Utan heißt Wald) reicht 15 Millionen Jahre zurück. Orang-Utans sind an ein Leben auf den Bäumen angepasst. Nur selten verlassen sie ihre Welt der Äste und Blätter. Allein in den letzten zehn Jahren ist ihre Anzahl um zwei Drittel auf ca. 60.000 geschrumpft.
Millionen Menschen leben unter dem Kronendach der Paradieswälder. Wie sehr sie im Einklang mit dem Wald leben, können wir uns nur schwer vorstellen. Die Wälder sind für diese Menschen so wichtig wie für uns das Wasser aus der Leitung, der Supermarkt, der uns ernährt, und die Apotheke, aus der wir unsere Medikamente holen. Die kulturelle Vielfalt der Völker ist umwerfend. Mehr als 1000 verschiedene Sprachen werden allein auf der Insel Neuguinea gesprochen. Das ist ein Sechstel aller Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden.

Der zerstörerische und illegale Holzeinschlag hat Konsequenzen für diese Gemeinschaften. Menschen, deren Lebensstil sich über Jahrhunderte erhalten hat und die auf die intakten Urwälder angewiesen sind, sind nach der Zerstörung meist von Armut betroffen.
Wenn die Holzfäller in ihr Land kommen, bedeutet das für die Gemeinden oft Gewalt. Menschen werden mit vorgehaltenem Gewehr zur Unterschrift unter Verträge über Holzkonzessionen gezwungen. Das Militär und die Polizei, eigentlich zu ihrem Schutz bestellt, sind oft korrupt und arbeiten mit den Holzunternehmen zusammen. Viele Ordnungshüter stehen auf den Gehaltslisten der Firmen und missbrauchen ihre Macht für ein paar zusätzliche Dollar. Gewalt, Erpressung, ja sogar Vergewaltigung sind an der Tagesordnung.
Indonesien verliert jährlich mindestens 19.000 Quadratkilometer Wald. Illegaler Einschlag und Korruption sind alltäglich. In Papua-Neuguinea hält sich nicht einmal die Regierung an die Gesetze, wenn mächtige Konzerne ihr Interesse an unberührten Waldgebieten anmelden. Indonesische Sägemühlen verarbeiten zu etwa 80 Prozent Holz aus illegaler Abholzung. Für das Jahr 2003 hatte die indonesische Regierung 6,9 Millionen Kubikmeter Holz zum Einschlag freigegeben. Tatsächlich wurden schätzungsweise 90 Millionen Kubikmeter Holz eingeschlagen. Die indonesische Regierung kennt das Problem, verliert sie doch nach eigenen Angaben rund 9500 US-Dollar pro Minute durch den illegalen Einschlag.

Berater der Weltbank bescheinigen anarchistische Zustände in der Holzwirtschaft. Urwaldgebiete von höchstem Wert werden dadurch bis zum Jahre 2010 vollends verloren gehen.
In Papua-Neuguinea gehört praktisch das gesamte Land (97 Prozent) laut Verfassung den indigenen Völkern. Diese Landrechte wurden nie in Frage gestellt, bis die Einschlagsfirmen vor wenigen Jahrzehnten den Wert des Waldes entdeckten. Die Firmen haben bereits 70 Prozent der verfügbaren Waldflächen unter sich aufgeteilt. Die Regierung hat nun vor, auch für die restlichen Flächen Einschlagkonzessionen zu vergeben, obwohl die Firmen immer wieder gegen das Gesetz verstoßen und den Urwald in Rekordzeit zerstören.
Eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre besteht darin, Recht und Gesetz Geltung zu verschaffen. Die Verflechtungen zwischen den großen Holzfirmen und Regierungsbeamten, Korruption und Erpressung müssen bekämpft werden.

Zu den Abnehmern des tropischen Urwaldholzes gehören auch europäische Länder. Unsere Bücher, unser Parkett und Kopierpapier, ja sogar das Billigsperrholz auf der Baustelle nebenan kann aus dieser Urwaldzerstörung stammen. Ein großer Teil des oft illegal geschlagenen Holzes von der Insel Neuguinea geht nach China und Japan, wo es weiterverarbeitet wird und letztlich als Sperrholz, Möbel oder Parkett auch auf dem europäischen Markt landet. Deutschland importierte 2005 aus China Holz, Papier und Zellstoff im Wert von 321 Millionen Euro.
Aus Indonesien importierte Deutschland 2004 Holz- und Papierwaren im Wert von 228 Millionen Euro. Der größte Teil der importierten Waren sind Möbel, die oft in unseren Gärten landen. In Kaufhäusern und Baumärkten werden Gartenmöbel aus indonesischem Holz (wie zum Beispiel Teak) als besonders dauerhaft und mit Zeichen wie aus Plantagenwirtschaft oder garantiert aus nachhaltiger Waldnutzung angepriesen.
Doch Holz aus Plantagenwirtschaft ist keine Garantie für Nachhaltigkeit. Oftmals werden Urwälder abgeholzt und dann schnell wachsende Plantagen angelegt. Starker Düngemittel- und Pestizideinsatz verseucht das Trinkwasser, die Böden werden ausgelaugt. Erosion ist die Folge.

Vorsicht sollten auch die Häuslebauer walten lassen - oftmals werden Fenster aus indonesischem Merantiholz billiger angeboten als beispielsweise Eichenfenster. Der Grund dafür: Geklautes Holz ist billiger als gekauftes aus nachhaltiger und legaler Waldwirtschaft.
Auch bei der öffentlichen Beschaffung wird leider nur selten nach der Herkunft des Holzes gefragt, wie der im Herbst 2005 von Greenpeace aufgedeckte Fall der Berliner Bundestagsverwaltung zeigt. Dort wurden Fenster eingebaut, deren Merantiholz aus illegalen indonesischen Quellen stammt.
Statt mit einheimischen Hölzern aus ökologischem Waldbau die eigene Wirtschaft zu stärken, wurde auf billigstes Holz zurückgegriffen. Billig ist meistens gleichzusetzen mit illegal. Die Politik muss endlich für klare gesetzliche Regelungen sorgen, die einen solchen Import von Holz aus zerstörerischem und illegalem Einschlag verhindern.
Trotz der fortschreitenden Zerstörung keimt in den Paradieswäldern neue Hoffnung. Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet Greenpeace mit Gemeinden und lokalen Umweltorganisationen zusammen, um die Wälder zu schützen. Ziel ist, den einheimischen Gemeinden ihr Land zurückzugeben und sie wirtschaftlich abzusichern. In einigen Gebieten wurde Greenpeace bereits gezielt um Hilfe gebeten.

Projekte in Papua-Neuguinea und auf den Salomonen haben bewirkt, dass die Korruption zurückgedrängt wurde und dass von den Gemeinschaften selbst geleitete Alternativen wie zum Beispiel Öko-Waldbau geschaffen wurden. Zum Konzept gehören gemeinschaftsbezogene Landnutzung, Landmarkierungen (Demarkation) und das Erstellen von Karten als Fundament für ökologisch sinnvolle Unternehmen.
Ökologische kleinskalige Waldnutzung ist eine Alternative zum industriellen Holzeinschlag: kleinstmögliche Eingriffe in das Ökosystem, nur wenige geschlagene Bäume, Transport aus dem Wald ohne große Maschinen und somit ohne große Zerstörung. Der Verkauf des Öko-Holzes kann die Menschen im Wald mit einem guten Einkommen versorgen und damit ihre Zukunft sichern, ohne dabei den Wald zu zerstören. Greenpeace-Experten schätzen, dass der Öko-Waldbau den lokalen Gemeinschaften zehnmal mehr Profit einbringt als die groß angelegten industriellen Holzeinschläge.

Auch nachhaltige Alternativen wie Ökotourismus oder der Verkauf von landestypischen Produkten sind denkbar: Textilien aus dem Rindenbast des Maulbeerbaumes, Bilums (die traditionellen Tragnetze der Menschen in Papua-Neuguinea) oder Nüsse.