
In Papua-Neuguinea gibt es rund 750 Stämme und genauso viele Sprachen, die sich von Ost nach West und vom Hochland zur Küste erheblich unterscheiden. Die Verständigung erfolgt über Pidgin-Englisch - ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit. Pidgin-Englisch ist heute eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik. Neben Englisch als Hauptbestandteil enthält es holländische, deutsche, malaiische und polynesische Elemente.
Zu jedem papua-neuguineischen Stamm gehören zahlreiche Klane. Jeder Stamm und jeder Klan hat seinen Big Man - einen Anführer, der aus dem Volk heraus bestimmt wird und jederzeit wieder ersetzt werden kann. Jeder männliche Klanangehörige kann Big Man werden, wenn er gut reden und Menschen für sich gewinnen kann. Er muss sich in der Genealogie auskennen, also wissen, wer wann wo was gemacht hat. Eine schriftliche Überlieferung gibt es in Papua-Neuguinea nicht. Alles wird mündlich in Form von Geschichten an die nächsten Generationen weitergegeben. Die Menschen haben ein hervorragendes Gedächtnis. Nichts wird vergessen.
Der Big Man muss verhandeln können, wenn es um wichtige Fragen wie Krieg oder Frieden geht oder um Landrechte und Ausgleichszahlungen. Er muss ein guter Kriegsführer sein. Vor allem aber muss er großzügig sein, denn die Überschüsse, die durch sein Geschick zustande kommen, werden an alle umverteilt.

Überschüsse werden durch die Bildung von Allianzen produziert - vorzugsweise durch Eheschließungen. Ein Big Man hat meistens mehrere Frauen. Sie sind für die Feld- und Gartenarbeit zuständig und sorgen dafür, dass stets reichlich Essen vorhanden ist. Sie ziehen auch die Schweine groß, traditionell das wertvollste Gut der Papua-Neuguineer. Schweine gehören nicht zur täglichen Nahrung. Sie werden nur aus besonderem Anlass geschlachtet und gegessen.
Je mehr Frauen, desto mehr angeheiratete Verwandte. Sie bilden neben Freundschaften die Allianzen des Big Man. Er kann seine Freunde und Verwandten bitten, ihm Schweine zu überlassen, um damit riesige Feste auszurichten. Alle werden eingeladen, die Schweine geschlachtet und verteilt - und es wird getanzt. Diese großen rituellen Feste sind im sozialen Gefüge ungeheuer wichtig. Sie kommen allen zugute und tragen dazu bei, die Position des Big Man zu festigen und seine Allianzen zu stabilisieren.
Was die Big Men durch ihre Allianzen erhalten, sind Leihgaben, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Das muss nicht sofort sein, auch nicht innerhalb einer Generation. Es kann lange dauern, aber vergessen wird es nie. Die Menschen in diesem traditionellen System häufen keine Reichtümer an. Alles wird immer wieder umverteilt und kommt allen zugute.
Papua-Neuguinea ist eine parlamentarische Demokratie. Das Volk wählt seine Abgeordneten in freien Wahlen. Eine fortschrittliche Verfassung garantiert Menschen- und Minderheitenrechte, Religionsfreiheit, Bildung für alle und Landrechte. Doch das Aufeinandertreffen von Tradition und Moderne bringt gerade hier riesige Probleme mit sich.
Wie der Big Man bleibt auch jeder gewählte Politiker seinem eigenen Klan verpflichtet. Er soll Allianzen bilden, Überschüsse organisieren und verteilen - ob es um Geld, Investitionen zugunsten des Dorfes oder um Posten im Staatsapparat und andere Vorteile geht. Anderenfalls wird er nicht wiedergewählt. Konkurrenzen zwischen gewählten Politikern und den Big Men vor Ort erschweren die Sache zusätzlich.
Damit ist der Korruption Tür und Tor geöffnet. Politiker, die in diesem System nicht mitspielen wollen, sind zum Scheitern verurteilt. Manch ein integrer Politiker hat schon das Handtuch geworfen, weil er merkte, dass er nicht gleichzeitig traditionelle Erwartungen bedienen und ehrliche Politik machen konnte.
In Papua-Neuguinea hält sich nicht einmal die Regierung an die Gesetze, wenn mächtige Konzerne ihr Interesse an den Waldgebieten anmelden. Die Regierung wird hauptsächlich von der Familie Somare dominiert. Einige Familienmitglieder wie auch einige Minister sind finanziell an den Einschlagsfirmen beteiligt. Sie setzen sich für die Ausweitung der Einschläge ein. Auch Militär und Polizei, eigentlich zum Schutz der Bevölkerung bestellt, sind oft korrupt und arbeiten mit den Holzunternehmen zusammen.
In Papua-Neuguinea existieren zwei unterschiedliche Rechtssysteme nebeneinander. Es gibt die moderne Gerichtsbarkeit mit einem obersten nationalen Gerichtshof sowie Provinz- und lokalen Gerichten. Daneben gibt es nach wie vor das traditionelle Recht. Das Nebeneinander zieht allerdings Rechtsunsicherheit und weitere Konflikte nach sich.

Im traditionellen Recht regelt die Dorfversammlung alle Streitigkeiten. Das geschieht im Allgemeinen durch Versöhnungsrituale. Die Gerechtigkeit wird durch Schadenersatz, also Ausgleichszahlungen wiederhergestellt. Das können Schweine, Land oder Wertgegenstände wie kostbare Federn, Muscheln oder Schmuckstücke sein - und heutzutage eben auch Geld.
Im Gegensatz zur modernen, strafenden Justiz handelt es sich hierbei um eine konfliktlösende Gerichtsbarkeit. Gefängnisse gibt es nicht, niemand wird weggeschlossen. Ein Gefängnisaufenthalt wird in der Regel nicht ernsthaft als Sühne betrachtet. Mit dem Ergebnis, dass ein nach modernem Recht Verurteilter unter Umständen zusätzlich zur Haftstrafe noch Kompensationszahlungen nach traditionellem Recht leisten muss.

Das Landrecht fußt bis heute auf einem individuellen Nutzungsrecht. Es ist an die Zugehörigkeit zu einem Klan beziehungsweise Stamm gebunden. Der jeweilige Big Man weist dem Einzelnen ein Grundstück für den Hausbau sowie Gartenland für den landwirtschaftlichen Anbau zu. Den Wald und die Flüsse darf jeder großzügig nutzen, um zu sammeln, zu jagen und zu fischen. Diese Nutzungsrechte gelten lebenslang, wie bei den Vorfahren so auch bei den Kindern.
98 Prozent von Grund und Boden fallen unter das traditionelle Landrecht. Dieses Land ist nicht im Grundbuch eingetragen. Dafür gab es in früheren Zeiten keine Notwendigkeit und darum auch kein Grundbuch.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute wollen Unternehmen den Wald abholzen und interessante Gebiete wirtschaftlich erschließen. Dazu müssen Nutzungsrechte übertragen, Konditionen und Pacht ausgehandelt werden. Das schafft viel Aufregung, denn die Besitzverhältnisse sind komplex und die Vergabe von Nutzungsrechten an Außenstehende ist völlig neu.
Bis in die Siebzigerjahre kaufte die damalige Kolonialregierung den Klanen die Holzeinschlagsrechte ab und vergab sie auf Antrag an Firmen. Seit 1971 gibt es eine neue Regelung, die die direkte Abgabe von Holzeinschlagsrechten an private und ausländische Unternehmen regelt. Die Regierung behielt allerdings Kontrollmöglichkeiten, indem sie so genannte Local Forest Areas einrichtete.

Durch diese Neuerung sollte die Bevölkerung auf dem Land verstärkt in den Genuss von Straßen, Strom, Schulen, Krankenstationen und anderen modernen Errungenschaften kommen. Seitdem macht sie die böse Erfahrung, dass Zerstörungen an ihrem Lebensraum, an Wald und Land, immer mehr um sich greifen. Die Segnungen der Moderne dagegen bleiben aus.
In Papua-Neuguinea sind mittlerweile 60 Prozent der Urwälder zerstört. 46 Prozent der noch vorhandenen Waldgebiete sind bereits in Konzessionen vergeben. Der Wald als Heimat und Lebensgrundlage der Menschen ist ernsthaft in Gefahr. Die Landbesitzer fürchten, dass er auf Dauer zerstört wird.
Greenpeace arbeitet in Papua-Neuguinea mit Waldbewohnern zusammen, die für die Rechte an ihrem Land kämpfen und sich gegen industrielle Waldwirtschaft zur Wehr setzen. Die Landbesitzer der Region am Murraysee sind ein Beispiel dafür. Sie haben Greenpeace eingeladen, ihnen im Kampf gegen industrielle und zerstörerische Waldwirtschaft zu helfen. Mit ihnen gemeinsam hat Greenpeace dort an der Umsetzung eines alternativen Konzeptes zur Waldbewirtschaftung gearbeitet.
Ökologische Waldwirtschaft in kleinem Maßstab bietet den Gemeinschaften zum einen eine alternative und sozial gerechte Einkommensmöglichkeit, zum anderen aber auch eine sichere Zukunft für ihren Wald.
(Der Bericht beruht auf Erfahrungen der Greenpeacerin Marion Struck-Garbe, die fünf Jahre lang in Papua-Neuguinea gelebt hat.)
In Teil 1 lesen Sie: