
Port Moresby, die Hauptstadt von Papua-Neuguinea, hat 300.000 Einwohner. Sie hat Hochhäuser und eine Universität, Reklamewände und Straßenverkehr wie jede Großstadt auf der Welt. Doch inmitten des modernen Treibens sind die alten Rituale lebendig. Zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten, Beerdigungen oder Initiationen (der Einführung ins Erwachsenenleben) gehören sie dazu.
Auf den traditionellen Tanzfestivals in den größeren Städten fällt das Nebeneinander besonders ins Auge. Die auffälligste Demonstration hat Struck-Garbe auf einem Tanzfest in Port Moresby beobachtet: einen Mann in Smokingjacke und Lendenschurz.

Drei Viertel der fünfeinhalb Millionen Papua-Neuguineer leben auf dem Land. Land bedeutet: Urwald und Berge. Papua-Neuguinea ist vor allem ein Gebirgsland, unwegsam, durchzogen von wilden, unendlich zerklüfteten Tälern. Hier gibt es noch unberührten Urwald. Zur Küste hin ist das Land flacher und teils sumpfig.
Straßen gibt es kaum. Die meisten der abgeschiedenen Ortschaften sind nur per Flugzeug oder Boot beziehungsweise Einbaum zu erreichen. Es gibt viele kleine regionale Flughäfen und viele noch kleinere Flugpisten. Auf einen Quadratkilometer kommen durchschnittlich zwölf Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 231.
Die Landbevölkerung lebt von der Subsistenzwirtschaft. Das heißt, die Menschen entnehmen dem Land, was sie zum Leben brauchen. Sie roden so viel Wald, dass sie ihre Hütten bauen und Felder - in Papua-Neuguinea heißen sie Gärten - anlegen können. Sie bauen Süßkartoffeln an, jagen, fischen und züchten Schweine.

Großgrundbesitzer gibt es in Papua-Neuguinea nicht und damit auch keine Armutsspirale wie in vielen anderen Entwicklungsländern. Niemand häuft Reichtümer an, niemand muss hungern. Das Land und der Wald gehören der Gemeinschaft - ein Recht, das bis heute nie angetastet wurde.
Die Menschen sind eng mit Land und Wald verbunden. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial, kulturell und spirituell. Zwar sind die meisten Papua-Neuguineer seit der Kolonialzeit Christen, doch ihr alter Ahnenglaube ist nach wie vor lebendig und das gesamte soziale Gefüge basiert auf ihren angestammten Rechten an Wald und Land.
Der Zuzug in die Städte ist bislang entsprechend gering. Die meisten Papua-Neuguineer ziehen nur vorübergehend dorthin, zum Beispiel um zu studieren oder um ihre Kinder auf eine höhere Schule schicken zu können. Viele kehren danach aufs Land zurück. Stirbt ein Mensch in der Stadt, so sorgen seine Verwandten in der Regel dafür, dass er zu Hause im Dorf beerdigt wird: Der Kreislauf muss gewahrt bleiben.

Jedes größere Dorf hat eine Grundschule. Um dorthin zu gelangen, müssen Kinder aus den kleineren Ortschaften oft lange Wege zu Fuß zurücklegen. In den Bezirks- und Provinzhauptstädten gibt es weiterführende Schulen, die wegen der großen Entfernungen oft mit Internaten verbunden sind.
Lokale Nachrichten werden wie beim Stafettenlauf zu Fuß von Ort zu Ort weitergegeben. Oder per Radio, wenn ein Sendemast und eine Station in der Nähe sind. So werden beispielsweise Beerdigungstermine bekannt gegeben. Telefon, Internet und Fernsehen gibt es auf dem Land nicht.
Wie das Schulsystem sollte ursprünglich auch das Gesundheitssystem funktionieren: Kleine Erste-Hilfe-Stationen in allen größeren Dörfern mit Krankenhäusern in den Provinzhauptstädten sollten die medizinische Grundversorgung sichern. Dieses System ist an Korruption und Vernachlässigung gescheitert. Gelder kamen nicht an, Ärzte fehlten, die ausgebildeten Krankenschwestern erhielten kein Gehalt und gaben schließlich auf.
Heute werden kleine Verletzungen und leichtere Krankheiten wieder mit traditioneller Medizin behandelt. Schwerkranke, die noch transportfähig sind, müssen von den Angehörigen über weite Strecken durch den Busch getragen werden bis zur nächsten Straße. Die Krankensterblichkeit ist in Papua-Neuguinea extrem hoch. Die Säuglings- und Müttersterblichkeit gehört zu den höchsten der Welt.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die großen Holzunternehmen mancherorts offene Türen vorfinden. Sie versprechen Straßen zu bauen, Wasserleitungen, Krankenstationen. Doch sie halten ihre Versprechen nicht. Sie schlagen Schneisen in den Wald, um mit ihren schweren Maschinen an die wertvollen Tropenbäume heranzukommen. Wenn sie den Wald zerstört haben, verschwinden sie wieder.
Geld hat bis in die jüngste Zeit hinein keine Rolle gespielt. Die Menschen hatten alles, was sie brauchten. Heutzutage geht es auch in der Subsistenzwirtschaft nicht mehr ohne Bares. Ob für die neue Jeans oder eine Busfahrt, für Kerzen oder Batterien, das Schulgeld für das Internat, Medikamente oder auch ein Bier - Geld wird immer gebraucht.

So kommen die Leute in Versuchung, die Nutzungsrechte für ein Stück Wald zu verkaufen, besonders wenn sie gerade einen größeren Geldbetrag brauchen. Zum Beispiel für den Brautpreis, der in den letzten Jahrzehnten inflationär angestiegen ist. Früher wurde er in Schweinen oder Muscheln gezahlt, heute wird Geld verlangt.
Zwar fördert die Regierung seit 2002 das traditionelle Muschelgeld des Volksstammes der Tolai als Zweitwährung. In Papua-Neuguinea gibt es die einzige Muschel-Bank der Welt, die Tolai Exchange Bank. Sie wechselt das Muschelgeld in harte Währung, den Kina. Doch das mindert den Druck, zu Geld zu kommen, nur geringfügig.
Mit dem Verkauf von Landnutzungsrechten an Minengesellschaften oder Holzfirmen entziehen sich die Menschen ihre eigene Existenzgrundlage, ohne sich dessen bewusst zu sein. Fast immer verkaufen sie weit unter Wert und zu schlechten Konditionen. Im Nachhinein stellen sie fest, dass sie bei dem Handel zu kurz gekommen sind und ihren Wald für immer verloren haben. So ziehen sie zu den Unternehmen und stellen Nachforderungen.

Bei den Gold- oder Kupferminen wird schon mal - in voller Kriegsbemalung - eine Zufahrt blockiert. Streit, Unruhen, Kämpfe sind die Folge. Die großen Holzunternehmen aber sind kaum greifbar. Sie haben keinen festen Standort, sie beuten eine Gegend aus und ziehen zur nächsten. In fast allen Fällen schlagen die Firmen illegal ein. Landrechte sind in Papua-Neuguinea so selbstverständlich, dass die Grenzen zwischen den Stammesgebieten nirgendwo festgehalten sind. Wer aber sein Eigentum nicht nachweisen kann, hat es schwer gegen die Holzfirmen.
Unter anderem aus diesem Grund übt die Weltbank Druck auf Papua-Neuguinea aus: Die Grenzen müssen demarkiert und kartiert werden, damit klar wird, wem welches Land gehört. Das ist vernünftig und wird von Greenpeace unterstützt, birgt aber auch eine Gefahr: Wenn ein Stück Wald erst einmal kartiert ist, kann es endgültig verkauft werden. Oder beliehen, was zur Verschuldung führen kann. Dieser Gefahr gilt es zu begegnen.

Greenpeace und lokale Gemeinden arbeiten gemeinsam an Konzepten für eine ökologische Waldnutzung. Sie soll den Volksstämmen ein gutes Einkommen und eine sichere Zukunft bieten. Die Landbesitzer haben großes Interesse daran, alternative Verdienstmöglichkeiten für ihre Gemeinschaften zu finden. Sie wollen nicht dem schlechten Beispiel der großen Einschlagfirmen folgen, die das Land zerstören.
Im Frühjahr 2006 hat Greenpeace auf Einladung der lokalen Stämme am Murray-See im Westen des Landes eine Urwaldschutzstation errichtet. Dort wurden Stammesgrenzen markiert, erste Landnutzungspläne aufgestellt und ein Trainingsprogramm gestartet, bestehend aus Waldmanagement, Training an einer tragbaren Sägemühle und Business Management.
Fortsetzung in Teil 2: