
Online-Redaktion: Du warst vier Wochen im Greenpeace-Urwaldcamp am Murraysee in Papua-Neuguinea, um bei Demarkierungsarbeiten mitzuhelfen. Was genau habt ihr dort gemacht?
Florian Schulz: Es gibt verschiedene Varianten von Demarkierungen. Die Demarkierung für das gesamte Land eines Klans, also eines Familienverbands, ist die richtige Grenzmarkierung. Dabei werden die Außengrenzen markiert. Wir haben während meiner Zeit innerhalb von Klangebieten die Grenzen des Gebietes markiert, das in Zukunft ökologisch-forstwirtschaftlich genutzt werden soll. Am weitesten fortgeschritten war die Zusammenarbeit mit dem Kuskus-Klan.

Camp Kewe, wie wir das Urwaldcamp nach der Gegend genannt haben, war unsere Basisstation und unser Büro. Zum Arbeiten sind wir in andere Camps gezogen, weil die Wege sonst zu weit gewesen wären. Der Murraysee ist ja riesiggroß und sehr weit aufgefächert. Man denkt immer, man sei auf einem Fluss, dabei ist das der See. Das nächste Dorf liegt eine halbe Bootsstunde von Camp Kewe entfernt. Für diese langen Wege hatten wir ein Motorboot dabei. Zuletzt war ich fünf Tage lang im Mumus-Camp. Das ist ein Wald- und Jagdcamp des Kuskus-Klans.
Online-Redaktion: Die örtliche Bevölkerung unterhält auch Camps im Wald?

Florian Schulz: Ja. Die Menschen am See leben halb nomadisch. Sie haben ein Dorf und zusätzlich feste Camps im Wald. Wenn sie Sago oder Fleisch brauchen oder ein Kanu bauen wollen, dann gehen sie in den Wald. Dort bleiben sie schon mal zwei oder drei Wochen, in Gruppen oder auch allein. So müssen sie nicht jeden Tag diese langen Wege zurücklegen.
Wir sind also mit den Leuten des Kuskus-Klans durch ihren Wald gezogen. Der gehört ihnen durch die so genannten customary land rights, also durch Gewohnheitsrecht. Die Kuskus können belegen, dass sie seit mindestens sieben Generationen in diesem Gebiet leben. Das ist ausreichend, um ihre Rechte am Land zu gewährleisten.
Das Alter eines Dorfes am See kann man übrigens auch an den Kokospalmen im Dorf erkennen. Sobald jemand irgendwo ein Dorf aufbaut, werden Kokospalmen gepflanzt. Je älter die sind, desto älter ist also wahrscheinlich auch das Dorf. Ökonomisch ist das sinnvoll, denn Kokosnüsse sind ungeheuer nahrhaft. Viele Kokospalmen zu haben, bedeutet also eine sichere Nahrungsquelle. Frisch schmecken die Nüsse übrigens ganz anders und viel besser. Das Fleisch ist dann noch nicht dick und hart, sondern ganz weich. Man löffelt es aus.
Die Kuskus hatten vorher zusammen mit einer anderen Nichtregierungsorganisation (NGO) überlegt, was sie brauchen und wofür. Wie viel Wald wollen wir konservieren, wie viel Jagdland brauchen wir, wie viel Land beziehungsweise Ertrag benötigen wir für den Betrag, den wir erwirtschaften wollen? Wie viel Hektar müssen das sein? Wie ist es mit der landwirtschaftlichen Nutzung des Landes, also den kleinen Gärten. Die liegen zum Teil unter den Bäumen, dafür wird das Unterholz gerodet.
Dann wird geguckt, welcher Teil ihres Landes für die Ökoforstwirtschaft geeignet ist. Das machen sie mit einer NGO, die auf Forstwirtschaft spezialisiert ist. Das sind alles ausgebildete Förster. Die gucken darauf, wie es mit Transportwegen für das Holz aussieht, wie die Tier- und Pflanzenarten verteilt sind usw.

In ihrem Öko-Wald haben sie so genannte harvest areas, Waldstücke für das Ernten von Bäumen. In diesen entsprechend gekennzeichneten Gebieten dürfen sie Bäume fällen. Aber nur ganz bestimmte Bäume, die ebenfalls vorher markiert werden. Diese Bäume müssen sie so fällen, dass keine anderen mitgerissen werden. Die Stämme werden von Hand an den nächsten Fluss geschleppt, in Kanus verfrachtet und zur nächsten Station gebracht. Südlich vom See gibt es einen größeren Hafen, von wo aus es dann weitergehen kann.
Online-Redaktion: Wie kommt ein Klan dazu, einen Teil seines Landes ökologisch forstwirtschaftlich zu nutzen?
Florian Schulz: Sam Moko [der Greenpeace-Experte für lösungsorientierte Arbeit] sagt immer, die Leute würden es nicht machen, wenn sie es nicht sehen könnten. Zum Glück haben wir Dörfer gefunden, die daran interessiert waren. Und kaum waren wir dort, bekamen wir Anfragen von anderen Communities. Die hatten auch Interesse.
Diese Öko-Projekte sind der Aufhänger für unsere Arbeit, weil sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir wollen den Wald schützen. Und wir wollen den Menschen ermöglichen, ihren Wald nach eigenen Maßstäben zu pflegen und nach eigenen Bedürfnissen zu nutzen. Dadurch wird er gleichzeitig vor den Holzkonzernen geschützt. Die haben dann keinen Zugang mehr. Sobald die Stämme und Klane ihr Land markiert und ihren Anspruch auf das Land geltend gemacht haben, kann das nicht mehr als Konzession verkauft werden.
Online-Redaktion: Wer verkauft die Konzessionen? Das Land gehört doch den Menschen, die darauf leben?

Florian Schulz: Das Land gehört laut Verfassung zu 97 Prozent den Leuten. Aber der Staat vergibt die Grenzen für Konzessionen, und dann müsste sich der Konzern die Zustimmung der einzelnen Klane holen, damit die Konzession dem Unternehmen wirklich überschrieben werden kann.
In diesem Zusammenhang kommt es dann ganz häufig zu Streitigkeiten: Da kommt ein Unternehmen mit einem Köfferchen Geld und holt sich die Unterschrift von nahezu irgendjemandem, der zum Unterschreiben bereit ist. Also sein Kreuzchen macht, denn viele der Menschen sind ja Analphabeten. Dann haben sie die Zustimmung und diese Person bekommt das Geld. Das war aber keiner, der traditionell zur Zustimmung berechtigt gewesen wäre. Was dann? An den Kreuzchen ist nicht zu erkennen, wer sie gemacht hat. Vor solchen Abläufen schützt die Demarkierung.
Online-Redaktion: Gibt es bestimmte Abnehmer für die Projekte und das gewonnene Öko-Holz?
Florian Schulz: Ja, sie haben jetzt Saiko-Timber. Das kann schon als Öko-Holz gelabelt werden. Dafür bekommen sie von neuseeländischen und australischen Abnehmern einen Prämienpreis bezahlt. Das ist eine gute Entwicklung. Und sie arbeiten mit der FPCD zusammen, der Foundation for People and Communities Development. Die FPCD strebt in den nächsten zwei Jahren eine FSC-Zertifizierung an.
Online-Redaktion: Wie verändert sich das Leben der Menschen durch die neuen Einflüsse und Entwicklungen?
Florian Schulz: Das hat sich schon verändert. Die Bevölkerung am Murraysee wächst. Sie brauchen mehr Fleisch, also jagen und fischen sie mehr. Sie schießen mehr Kasuare. Dadurch werden diese mannsgroßen Laufvögel schon deutlich seltener. Die Gemeinden benötigen auch mehr Holzprodukte. Und mehr Geld: für die weiterführende Schule zum Beispiel oder für die medizinische Grundversorgung.
Man sieht inzwischen auch Plastikmüll im Wald. Wir haben Batterien im See gefunden. Sie können Made in China-Produkte kaufen, wirklich die billigsten, schlechtesten Batterien. Wohin damit, wenn die verbraucht sind? Ursprünglich haben sie alles, was sie hatten, aus dem Wald gewonnen. Wenn es nicht mehr gebraucht wurde, haben sie es einfach ins Feuer oder in den Wald geworfen. Jetzt schmeißen sie ihren Plastikmüll genauso weg. Es gibt auch keine wirkliche Alternative. Sollen sie den Müll sammeln und in die nächstgrößere Stadt fliegen lassen? Das wäre ungeheuer kostspielig.

Die Leute haben natürlich auch ein ganz anderes Verständnis von ihrem Wald als wir. Für uns ist das ein Ort von einzigartiger Schönheit und Artenvielfalt, außerdem gut für den Klimaschutz. Für sie ist es etwas so Profanes wie für uns der Supermarkt.
Wir haben einmal den Todeskampf eines Kasuars mit angesehen. Sie hatten mit dem Gewehr auf ihn geschossen, aber das Tier war nicht tot, es wurde zornig und rannte weg. Da haben sie noch mit Pfeil und Bogen hinterhergeschossen. Der Vogelbeobachter aus Australien, der dabei war, fand es natürlich herzzerreißend, wie der Vogel um sein Leben kämpfte. Für sie ist es ihr Essen.
Online-Redaktion: Wie lange bleibt Greenpeace im Urwaldcamp am Murraysee?
Florian Schulz: Bis Mitte Mai 2006. Dann ist die aktive Phase für uns erstmal wieder vorbei und es geht mit der Arbeit im Hintergrund weiter. Aber wir haben sehr gute Kontakte zu anderen papua-neuguineischen NGOs. Die machen vor Ort weiter.