
Jetzt sind wir gerade froh, wieder hier zu sein. Das Camp-Laptop erzählt uns was draußen in der Welt so los ist. Hier können wir E-Mails lesen und euch Updates schicken. Unsere Solarpanele liefern reichlich Strom für unsere Kommunikation. Die E-Mails werden mittels Satellitenmodem versandt. Irgendwie absurd, hier draußen, am Lake Murray in Papua Neuguinea an einem Laptop zu sitzen und E-Mails zu schreiben.
Denoch freue ich mich auch wieder drauf. Trotzdem diese eine Woche mit den Menschen des Kuskus-Klan war unglaublich. Es gibt so viele kleine Geschichten, die zu erzählen sind. Die Menschen leben so anders, die Arbeit ist so anders, so vieles scheint notwendig, diese Umgebung und das Projekt zu verstehen.
Montag früh stiegen wir ins Boot, Sam Moko, der solutions campaigner von Greenpeace Papua Neuguinea begleitete uns bis zum neuen Camp. Der erste Stop war Usikov, ein kleines Dorf auf einer Insel im Norden des Sees. Eigentlich sind wir hierher gekommen, um den Landeigner und einige Arbeitskräfte für ein bestimmtes Gebiet abzuholen, in welchem wir die Woche über arbeiten wollten.
Am Strand, dem Hafen des Dorfes begrüßte uns Albert, einer der Mitglieder der Lake Murray Ressource Owner Association. Zum einen war er sehr erfreut, uns alle zu sehen - wir Ausländer sorgen doch immer für Aufsehen. Zum anderen musste er Sam aber gestehen, dass wir nicht im geplanten Gebiet würden arbeiten können.

Im Gemeinschaftshaus sammelte sich innerhalb weniger Minuten die gesamte männliche Dorfbevölkerung. Kinder und Frauen standen drumherum und schauten gespannt zu. Verschiedene Männer traten nacheinander oder durcheinander vor und brachten ihre Beiträge. Lange Zeit schien es einfach nur eine wilde Diskussion zu sein, teilweise in Papua-Pidgin, großteils aber in der Kuni- oder sogar der Pari-Sprache.
Es stellte sich heraus, dass zwei Klans in aneinander grenzenden Gebieten in Streitigkeiten geraten sind, so dass sie sich nicht ganz über ihre Grenzen einigen können. Sam bekräftigte nochmal, dass die Förster der Foundation for People and Community Development (FPCD) und Greenpeace in dem Falle nicht in dem Gebiet arbeiten können.
Es scheint fast unmöglich, diese Problematiken zu verstehen - und es ist leicht in einen Fettnapf zu stiefeln. Eine wichtige Grundlage für die Arbeit hier ist also, dass die Grenzen der Klans klar anerkannt werden. Dies muss immer durch alle beteiligten Klans bestätigt werden.
Barefoot Community Services ist ein Verband (NGO), welcher sich mit eben diesen Problematiken der Dörfern beschäftigt und Klans bei ihren Landnutzungsplänen berät und verschiedene Trainings zur Gemeinschaftsorganisation anbietet. Barefoot spielt in diesem Projekt eine Schlüsselrolle, trotzdem kann es passieren, dass sich Klans wieder zerstreiten.

Ein Klan ist häufig nur ein Begriff für die größere Familie. In diesem Falle hat sich aber ein dritter Klan gemeldet, dessen Grenzen anerkannt waren und der sofort mit der Arbeit beginnen wollte. Der Kuskus-Klan. Eigentlich wollten wir erst später auf sein Land, so aber waren wir dankbar, loslegen zu können. Die anderen beiden Klans versicherten uns noch im Gemeinschaftshaus, dass sie sich bald einigen würden und wir nächste Woche zu ihnen kommen sollten.
Greenpeace nimmt an, dass es drei bis zehn Jahre dauern kann, bis ein Projekt zustande gekommen ist und selbstständig bestehen kann. Es ist ein langer Weg, vieles davon lässt sich nicht immer im Detail planen.
Hier am Lake Murray haben die Dörfer kein Telefon. Manche haben ein Funkgerät, aber es ist sehr schwer, alle Landeigner zu versammeln und sicher zu stellen, dass alle die nötigen Information bekommen und rechtzeitig bereit sind.
Ebenso ist Zeit hier ein anderer Begriff. Zwei Tage lang haben wir im Land der Kuskus die Grenze ihres Forstgebiets markiert, sind entlang der Grenze des Landes lang gelaufen und haben GPS-Daten notiert. Eines Abend haben sich sogar die Einheimischen in ihrem Wald verloren. Wir fragten immer wieder, wie weit es noch sei, bis zum Weg. Fünfzehn Minuten
war die Standardantwort. Alles was keine Übernachtung beinhaltet scheint nur Fünfzehn Minuten
zu dauern. Man muss verdammt viel Geduld mitbringen. Vieles dauert unglaublich lange, anderes wiederum geht sehr schnell. Nach einer insgesamt vierstündigen Odysse durch den Busch erreichten wir Dienstagabend erst spät wieder unser neues Camp, das Mumus-Camp. Mitglieder des Kuskus-Klans aus Usikov kommen hierher, um im Busch zu jagen und Sago zu ernten, das Grundnahrungsmittel der Region.

Das ganze Camp, fast 40 Leute, hatten sich versammelt, als die Vermissten endlich aus dem Dunkel des Waldes kamen. Helle Aufregung und Riesenfreude. Dieses erste Abenteuer hatte uns alle etwas geschockt und die kommenden Tage waren wir etwas vorsichtiger.
Dennoch, der Busch war unglaublich. Schön und wild. Auf den ersten - ungeübten - Blick ist der Wald nur grün und braun. Auf den zweiten Blick ist alles voller Leben. Überall krabbelt und fleucht es und nicht alle Viecher sind mir besonders sympatisch. Jeder umgefallene Baum wird in null-komma-nix wieder von Farnen und Flechten überwuchert. Hoch oben in den Bäumen wachsen wieder andere Pflanzen in Astgabeln und manche Bäumstämme sind vollkommen von Rankpflanzen umschlossen.
Das aufmerksame Auge bemerkt nach einiger Übung sogar die abgezwickten Zweige, die einzelne Wege markieren. Manche dieser Wege werden gar als Strasse
bezeichnet. Das finde ich allerdings übertrieben. Trotzdem, manchmal erschien es mir, als stiefelten wir stundenlang querfeldein, orientierungslos und total verloren.
In solchen Momenten trafen wir regelmäßig auf einen kleinen Bach, mit einer Brücke, also zwei zusammengeknoteten Stämmen. Mir ist es immer noch ein Rätsel, wie man das finden kann. Punkgenau, mitten im Dickicht. Und garantiert nur das einheimische Auge findet die Schlangen, die manchmal am Wegesrand liegen.
Erst mal gute Nacht, Flo