
Wir sind wieder mit den Förstern der Foundation for People and Community Development, Peter, Brian und Samuel im Wald unterwegs. Zuvor haben die Drei die Grenzmarkierung dieses Waldwirtschaftsgebiets abgeschlossen, diesmal geht es um die Bestandsaufnahme der Fläche.
Der Barramundi-Clan des Begoa-Stammes hat sich für ein Ökoforstprojekt auf seinem Land entschieden. Obwohl die äußeren Clan-Grenzen noch nicht genau festgelegt sind, wurde schon ein Gebiet für waldwirtschaftliche Nutzung erarbeitet. Dieses Gebiet, die so genannte "Forestry Managment Unit" haben wir letzte Woche demarkiert, jetzt stapfen wir auf der so genannten Baseline mitten hindurch.
Für die nächsten Schritte im Iko-Forestri-Projekt wird eine Bestandsaufnahme des Wirtschaftsgebiets benötigt. Die Artenverteilung und -zusammensetzung verraten etwas über die kommerzielle Nutzbarkeit des Waldes, empfehlen bestimmte Erntesorten und ermöglichen die Berechnung der Erntemengen und -zeiträume.
Wir, Klaas und ich, helfen wo wir können. Mal laufen wir vorweg, ziehen das Maßband immer um hundert Meter weiter, quer durch den dichtesten Busch - und rammen alle 20 Meter Kontrollpfähle entlang der Baseline in den Waldboden.

Oder wir helfen Brian und Peter beim Vermessen der Bäume. Links und rechts der "Baseline" wird jeder Baum innerhalb eines 10-Meter-Abstands betrachtet. Sobald der Stammdurchmesser in Brusthöhe (es zählt das Papua-Neuguinea-Maß) größer als 40 Zentimeter ist, werden die Spezies, der Durchmesser und die Höhe des Baumes notiert. Zusätzlich wird die Güte des Stammes und Holzes geschätzt und vermerkt.
So kam ich dann also wirklich zu meiner Baumumarmung. Wenn da nur nicht all die Ameisen und Termiten wären... Ich weiß größtenteils noch gar nicht, ob die Tiere gemeingefährlich sind oder nicht.
Streckenweise stehen die Bäume sehr eng beieinander, dann gibt es wieder hundert Meter ohne einen Baum, der groß genug ist. Die Förster nennen dieses Verfahren die Ein-Prozent-Inventur. Mit relativ geringem Aufwand verrät sie sehr viel über die durchschnittliche Zusammensetzung des gesamten Wirtschaftsgebiets, der Forestry Management Unit.
Zu einem späteren Zeitpunkt werden kleinere Abschnitte noch einer 100-Prozent-Inventur unterzogen - wahrscheinlich werde ich dann schon gar nicht mehr hier sein, damit müssen sich dann die anderen Greenpeace-Freiwilligen herumschlagen.

Es ist beschwerlich, sich quer durch den Wald zu bewegen, besonders wenn die Linie schnurgerade sein soll. Ohne Machete ist kein Durchkommen, teilweise hängen Lianen quer, dann wieder hängen dir irgendwelche stacheligen Palmen ins Gesicht. Und die Männer des Barramundi-Clans laufen die ganze Zeit barfuß. Später, auf dem Heimweg ins Camp, ist fast kein Hinterherkommen. Zeit zum Bewundern des Waldes hat man kaum, wenn man mit Einheimischen unterwegs ist.
Und häufig ertappe ich mich dabei, in einem Waldstück angekommen zu sein und zu denken Wow, ich muss der Erste sein, der hier den Fuß hinsetzt
. Immer genau dann kommt einer von ihnen barfuß um die Ecke, mit busnaif (bushknife) in der Hand, sieht mein blöde stolzes Gesicht und meint: Da vorne links geht's zu dem guten Jagdgebiet für so-und-so, und hier, der Baum, da sind Bienen drin.
Ich bin schwer beeindruckt, wie man sich in einem Wald so auskennen kann, für mich sieht vieles einfach nur grün aus.
Liebe Grüße aus der Schutzstation, Florian
P.S. Ich wollte auch längst was von Moskitos erzählt haben, aber das muss wohl noch warten.
Ich versuche mich immer noch an der Kuni-Sprache. Die Leute im Camp finden es super und überhäufen mich mit allerhand wichtigen Worten. Zum Beispiel mit vier Varianten von: gut, reife Banane und unreife Banane. Ich esse taucht in drei Varianten auf, die Vergangenheit scheint man auszudrücken, indem man die Betonung und Aussprache etwas ändert. Das geht mir aber noch zu weit, das kommt nächste Woche.
Bis dahin sprechen die Kuni des Camps zu mir wie einem Eingeweihten, so schnell und fließend, als ob ich alles verstünde, beschmeißen mich mit Sätzen aller Art - und freuen sich dann köstlich, wenn ich verschämt aus meinen zwei Standardantworten eine auswähle: Ich verstehe nicht
oder Ich habe keinen Hunger, danke!
.
Immer wieder ein Riesengelächter. Aber so langsam wird's. Jeden Tag kommt ein Wort dazu. Heute haben wir beim Angeln im Einbaum auf dem Lake Murray eine andere Frau im Einbaum getroffen, sie war schwer begeistert von unserem Kuni.
Ich versuche jetzt einige wichtige Wörter für die nächsten Woche und die kommenden Greenpeacer zusammenzusuchen. Gestern ist mir dabei was Spannendes aufgefallen: Die Kuni und die Nyongom, ein Nachbarstamm, zählen ganz anders als wir. Nach der 1 und der 2 gibt es zwar eine 3, meistens sagen sie aber zwei plus eins. Vier ist dann zwei plus zwei, Fünf heißt eine Hand.
Die eine Hand ist die Basis ihrer Zählweise, alles darüber ist entweder eine Hand + 1 oder eine Hand + eine Hand + noch ein Fuss + 2. Also, ich finde das richtig spannend - und Spaß macht es auch. (Ich fang jetzt immer mindestens 16 Fische, kaufe 17 Bananen oder habe 18 Mungi.)
Lowa MBoma - Gute Nacht, Florian