
Ich wurde gerade abgelenkt, es flog ein wunderschöner dunkelblauer und riesengroßer Schmetterling vorbei. Die Einheimischen freuen sich immer, wenn wir Ausländer uns über die hiesigen Insekten, Vögel oder sonstigen Tiere wundern und freuen.
Wir Ausländer und die Greenpeace-Leute aus Papua-Neuguinea leben alle hier im Camp, in der Global Forest Rescue Station. Das Camp liegt an einem der zahlreichen Seitenarme an der Westseite des Lake Murray.
Zum Camp gehören außerdem noch ein paar Männer aus dem Dorf von Sep, aus dem Catfish-Clan, die schlafen alle in ihrem Jagdcamp am anderen Ufer dieses Seitenarmes des Sees.
Sep und der Catfish-Clan aus dem Kuni-Stamm haben schon vor einiger Zeit die ersten Schritte zum Aufbau eines Öko-Forstprojektes absolviert, jetzt sind sie hier, um anderen Clans bei der Durchführung der gleichen Schritte zu helfen.
Morgens kommen sie in ihren Kanus oder Booten herüber, frühstücken hier mit uns und helfen dann bei den täglich anfallenden Arbeiten. Zusätzlich haben wir meist noch ein paar Gäste, zur Zeit ist zum Beispiel Gasilamai hier, Vorsitzender des Barramundi-Clans vom Bagoa-Stamm. Mit Grant, dem Greenpeace-Fachmann für Lösungsansätze in der Waldwirtschaft bespricht er gerade am Feuerplatz die bevorstehende Inventur seines Gebietes.
Nach dem Frühstück geht's an die Arbeit. Einige verziehen sich ins Büro, studieren Karten, schreiben Updates oder organisieren Treffen mit Landeignern der Region.

Klaas und ich haben uns gestern an lokaler Architektur probiert. Bewaffnet mit einer Machete haben wir aus Lianen und Stämmen einen kleinen Steg zum Waschen in den See gebaut. Stundenlang sind wir im Wasser herumgewatet, haben Stämme an Bäume geknotet, Rattanfasern zu Seilen aufgesplittet und Baumstäumme herangeschleppt. Zwei, drei der Jungs halfen uns, so dass wir nach einiger Zeit einen ganz ansehnlichen Steg fertig hatten.
Als dann vier der einheimischen Baumeister unsere Arbeit aus erster Hand begutachteten, brach natürlich eine Verbindung zusammen. Vielleicht kommen wir heute dazu, sie zu reparieren, der Steg war eh noch nicht ganz fertig.
Ansonsten arbeiten wir hier im Camp noch an unserem Wasserfiltersystem, die Toilette haben wir vor kurzem fertiggestellt, für die Küche haben wir noch einige kleinere Tische gebastelt und auf der Schlafebene wird noch eine Ecke für die Frauen abgehängt.
Außerdem koordinieren wir von der Global Forest Rescue Station aus die Demarkierungsarbeiten im Wald. Im Laufe der nächsten Tage und Woche werden immer wieder einzelne von uns für einige Tage in den Wald verschwinden, um dort zusammen mit Förstern und neuen Clans Waldstücke zu markieren und dessen Bestand aufzunehmen. In den folgenden Tagen werde ich es wohl schaffen, darüber noch etwas mehr zu erzählen.
Neben der Arbeit im Camp und im Wald muss sich natürlich auch noch irgendwer ums Essen kümmern. Zwar besorgen wir uns manchmal aus Baboa oder anderen Dörfern etwas Gemüse, dennoch ist die Jagd und Fischen hier fast alltäglich. Zum Beispiel haben Sep und andere in unserem Seitenarm des Sees für zwei Tage ein Netz ins Wasser gestellt. Den Fisch gab es dann anschließend zum Abendessen.
Einmal sind wir frühmorgens mit den Kanus zu einer Treibjagd auf eine nahe gelegene Landzunge gefahren. Ich bin mit einigen Jungs barfuß durch den Wald gestolpert, hab ab und zu mal laut gebrüllt, um die Tiere zu scheuchen, aber es hat alles nichts genützt. Wir haben die Tiere zu Sep mit dem Gewehr und den Jungs mit Pfeil und Bogen getrieben, die haben aber nicht getroffen.
Gejagt werden hauptsächlich verschiedene Vogelarten des Waldes, wie zum Beispiel Kassowaris oder Buschhühner, gelegentlich aber auch mal Wallabies.

Am selben Nachmittag kam dann aber doch noch ein Jäger mit zwei Kassowaris und zwei Wallabies (kleine Känguruhs) über der Schulter zurück.
Irgendjemand hat den Wald als den Supermarkt der Menschen hier beschrieben. Obwohl ich den Begriff etwas merkwürdig finde, bin ich doch immer wieder erstaunt über das Leben hier. Alles was die Menschen brauchen, holen sie sich aus dem Wald und aus dem See. Wann immer wir einen Vogel kreischen, pfeifen, singen hören: Die Einheimischen wissen immer, welcher Vogel das ist. Meist wissen sie auch, wie er schmeckt.
Unterdessen versuchen Klaas und ich es noch immer stümperhaft mit einer Vogelfalle und der Fischjagd mit dem Speer. Bisher haben wir erst einen Fisch gefangen, dabei aber schon einen Speer verloren und einen zerbrochen. Ist alles nicht so leicht.
Abends sammeln sich alle wieder zum Essen um die Feuerstelle in unserem Wohnhaus. Noch habe ich nicht ganz verstanden, aber es gibt einige Regeln der Höflichkeit beim Essen. Zum Beispiel müssen immer zuerst die Gäste essen, danach erst die verschiedenen Clan-Führer und anscheinend ganz zum Schluss die Jungs aus dem Jagdcamp von gegenüber. Aber die verschiedenen Clans und ihre verschiedenen Stämme sind teilweise noch sehr verwirrend für mich.
Pünktlich zum Schlafen fängt es meist wieder an zu regnen, alle verkriechen sich unter ihren Moskitonetzen und lauschen den Grillen. Unglaublich, die Nächte sind hier fast lauter als die Tage.