
Brasilien hat sich vorgenommen, die Abholzungen bis 2020 um 80 Prozent zu reduzieren – und fast könnte das gelingen. In 2012 könnte die Entwaldung auf den niedrigsten Stand seit mehr als 20 Jahren fallen. Doch die Holzfäller und Farmer geben sich noch nicht geschlagen. Mit nationalistischer Rhetorik haben sie ein neues Waldgesetz durch den Kongress geschleust, das weitere Erfolge gegen die Dezimierung der Urwälder Amazoniens sehr unwahrscheinlich macht.
Die Rinderzucht in Amazonien ist heutzutage die größte Bedrohung der Urwälder. Um neue Flächen für die extensive Weidewirtschaft zu gewinnen, brennen die Wälder jedes Jahr auf Tausenden von Hektar. Nach Schätzungen der brasilianischen Regierung gehen rund 62 Prozent des Waldverlusts auf die Kosten von Rinderfarmern, die mehrheitlich illegal in die Wälder vordringen. Während die Regierung dies offiziell beklagt, tut sie andererseits alles, um den exportorientierten Fleisch- und Ledersektor zu stärken.

Eines der Instrumente dafür ist ein neues Waldgesetz, dass den Nutzern von Land offizielle Landtitel zusichert und ihnen erlaubt, erheblich größere Anteile ihres Landes völlig legal zu roden. Das vorherige Waldgesetz war einer der Eckpfeiler in den Bemühungen der brasilianischen Regierung, die Rodungen zu begrenzen. Nicht mehr als 20 Prozent des Urwaldes auf seinem Land durfte ein Landbesitzer legal abholzen. Zu viel gerodete Flächen mussten wieder aufgeforstet werden. Das neue Gesetz vergrößert diese Fläche auf 50 Prozent und stellt außerdem schon erfolgte Rodungen über das Erlaubte hinaus straffrei.
Die einzigartige Vielfalt des Amazonas-Regenwaldes wird außer von Rinderfarmen mehr und mehr von riesigen, eintönigen Soja-Monokulturen verdrängt. Die Nachfrage nach billiger brasilianischer Soja für Tierfutter stieg in den letzten Jahren kontinuierlich an. Seit 2005 hat Brasilien die USA als Nummer eins unter den Soja exportierenden Ländern abgelöst. Während Soja anfangs hauptsächlich im Süden Brasiliens angebaut wurde, fressen sich die Felder inzwischen immer weiter in den Amazonas-Regenwald. Auch die Sojafarmer würden daher von dem neuen Waldgesetz profitieren.

Die Böden Amazoniens sind nicht sonderlich fruchtbar – aber reich an Bodenschätzen, vor allem Eisenerz. Die weltgrößte Eisenerzmine befindet sich in Carajás, im Herzen des Bundesstaats Pará. Konsequenterweise sind auch die Eisenhütten nicht weit, in denen das Erz zu Roheisen verarbeitet wird. Im Gegensatz zu den meisten Hüttenbetrieben rund um die Welt, in denen Kokskohle als Brennstoff eingesetzt wird, verwenden die brasilianischen Unternehmen allerdings hierfür Holzkohle. Diese stammt aus Köhlereien, die ihren Holznachschub zum Großteil illegal aus dem Urwald beziehen. Das Roheisen geht an Stahlhersteller auf der ganzen Welt für Autos, Baustahl, Maschinen.
Brasilien ist stark abhängig von der Elektrizitätserzeugung aus Wasserkraft. Rund 80 Prozent des gesamten Stroms wird mit Wasserkraftwerken erzeugt. Weil es jedoch immer wieder zu Engpässen kommt, plant die Regierung den massiven Ausbau. Mehr als 60 Staudämme sind in ganz Brasilien derzeit im Bau oder in Planung, davon über die Hälfte in Amazonien. Die teilweise gigantischen Projekte sollen vor allem die bisher wenig erschlossenen Gebiete mit Strom versorgen und zur 'Entwicklung' der Regionen beitragen. Vor allem von Seiten der Ureinwohner gibt es jedoch heftigen Widerstand.

Die Ausbeutung von Edelhölzern ist die treibende Kraft hinter der Öffnung immer neuer Regionen des Urwaldes am Amazonas. Neue Straßen zum Abtransport der Stämme wurden angelegt, auf denen später landlose Siedler nachrücken und sich im Wald niederlassen, ein kleines Stück roden und für einige Jahre Ackerbau auf den wenig fruchtbaren Böden betreiben. Auf Satellitenbildern erkennt man ein Fischgrätenmuster, das Kennzeichen für diese Art der Erschließung. Internationaler und lokaler Druck haben bewirkt, dass die früher nach dem Prinzip der reinen Ausbeutung operierenden Holzkonzerne zum Teil umgedacht und begonnen haben, den Wald zu bewirtschaften und nicht mehr zu entnehmen als nachwachsen kann. Leider betrifft das bei weitem noch nicht alle.
(Autor: Helge Holler)