
Wo wird der Urwald in Finnland derzeit zerstört?
Im Oktober 2005 werden die finnischen Urwälder in Lappland zerstört. Z.B. an der russisch-finnischen Grenze im Kessi-Urwald, nordöstlich vom Inari See gelegen. Oder etwa in Paadarskaidi, einem Urwald westlich des Inarisees. Auch südöstlich des Inari Sees im Gebiet namens Nellim wird seit Mitte Oktober im Wald mit hohen Schutzwert eingeschlagen.
Warum müssen die Urwälder in Finnland erhalten werden?
In Finnland gibt es noch knapp eine Millionen Hektar Urwald, aber nur die Hälfte davon ist geschützt. Um die Artenvielfalt dieses für den Norden Europas typischen Waldes zu erhalten, muss er dringend unter Schutz gestellt werden. Jede weitere Abholzung der Urwälder zerstört auch den Lebensraum vieler Tiere, Pflanzen und Pilze - darunter auch bedrohte Arten. Nur ein konsequenter Schutz kann hier noch helfen.

Wie sehen die Urwälder Finnlands aus?
Wenn man an die Urwälder in Finnlands Norden denkt, gehört der Schnee dazu. Über ein halbes Jahr sind sie völlig verschneit. Der Schnee kommt im Oktober und schmilzt erst wieder im Mai. Die finnischen borealen Urwälder sind Nadelbaum-Wälder: Kiefern, Fichten und ein paar Birken prägen das Bild. Der Urwald zeichnet sich dadurch aus, dass dort Bäume jeden Alters zu finden sind - von den kleinen einjährigen Trieben bis hin zu über 600 Jahre alten Kiefern. Im Wald sind tote stehende Bäume zu finden und Totholz bedeckt den Boden - beides ist natürlicher Ausdruck von Wachstum, Zerfall und Erneuerung. Der Boden und die Bäume hängen voller Flechten. Dies gibt es so in bewirtschafteten Wäldern nicht.
Wie alt werden die Bäume im Urwald in Finnland?
In Finnlands Urwäldern können die Bäume ein recht hohes Alter erreichen. Greenpeace hat eine Kiefer aus dem Urwald in Lappland im Jahre 2003 auf ein Alter von über 650 Jahren bestimmen lassen. Der Baum begann sein Wachstum etwa im Jahre 1330 und wurde 2003 zur Herstellung von Papier gefällt. In den bewirtschafteten Wäldern Finnlands werden die Bäume in der Regel kaum älter als 150 Jahre.
Wie viele bedrohte und gefährdete Arten gibt es in Finnland?
In Finnland sind 564 Arten vom Aussterben bedroht - hauptsächlich durch die Umwandlung und Zerstörung ihres Lebensraumes. Der Großteil dieser Arten ist auf den intakten Wald, mit all seinen Wachtumsphasen, angewiesen. Ein bewirtschafteter Wald kann das nicht leisten. Im Urwald hingegen gibt es für viele der bedrohten Arten ideale Lebensbedingungen. Totholz ist für Käfer und Pilze beste Lebensgrundlage und im Urwald reichlich vorhanden. Greenpeace Recherchen vom August 2005 haben bewiesen, dass in den vom staatlichen Forstamt eingeschlagenen Urwäldern viele bedrohte und gefährdete Arten leben - trotzdem wurden sie zerstört.

Warum sind die Urwälder für die Saami so wichtig?
Die Saami in Lappland betreiben traditionell Rentierhaltung mit frei umherziehenden Tieren. Die Rentiere finden im Sommer auf den Hochebenen ihre Nahrung. Hier ist es windiger und weniger Moskitos ärgern die Tiere. Im Winter jedoch ist das Gras abgeweidet und vertrocknet, so dass die Rentiere in die in den Tälern gelegenen Urwälder wandern. Bislang fanden sie hier reichlich Flechten als Nahrung, die auf dem Boden und in den alten Bäumen wachsen. Den Saami dienen die Urwälder seit Jahrhunderten als Winterweiden, ohne die die traditionelle Renterhaltung kaum möglich ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass im Urwald pro Hektar etwa 500 Kilogramm Flechten keine Seltenheit sind, in bewirtschafteten Wäldern mit jungen Bäumen finden sich nur knapp fünf Kilogramm. Ohne ausreichend intakte Urwälder gibt es für die Herden der Saami zu wenig Flechten. Jeder zerstörte Hektar Urwald verringert diese Weidegründe, und zerstört damit ein Teil ihrer Existenz.
Wie Leben die Saami?
Die Saami leben heute in normalen Häusern aus Stein und Holz. Sie fahren Auto und haben fast alle ein Handy. Aber viele Saami in der Region Inari in Lappland sind Rentierzüchter. Sie kümmern sich haupsächlich um ihre Rentiere, welches eine ganzjährige Aufgabe ist. Im Herbst und Winter werden einige Rentiere geschlachtet und das Fleisch verkauft.
Wo drückt sich das Traditionelle der Saami Kultur am deutlichsten aus?
Für mich als Besucher Lapplands war stets der wichtigste Ausdruck der Saami-Kultur jene Momente, in denen Rentiere in so genannten Gattern zusammengetrieben werden. Dort wird geprüft, welches Kalb zu welcher Rentierkuh gehört. Auf diesem Wege machen die Saami die jeweiligen Besitzer der Tiere ausfindig. Hier werden die verschiedenen Saami-Sprachen gesprochen, die so wichtig für den Umgang mit den Tieren sind, da das Finnische gar nicht so viele verschiedene Ausdrücke hat, wie sie notwendige sind um beispeilsweise die Farben oder Zeichnungen der Tiere auseinanderzuhalten. Es ist harte Arbeit und drückt vielleicht am Besten aus, was die Rentierhaltung für die Saami bedeutet und warum sie auf die intakten Urwälder angewiesen sind
, sagt Oliver Salge, Waldexperte bei Greenpeace und häufig zu Gast bei den Saami in Nordfinnland.

Wer ist verantwortlich für die Urwaldzerstörung?
Das staatliche finnische Forstamt Metsähallitus bewirtschaftet alle im Staatsbesitz befindlichen Wälder - auch die Urwälder. Die Holzfäller, die im Urwald einschlagen, sind bei Metsähallitus angestellt. Mitverantwortlich an der Zerstörung sind natürlich auch die großen Papierhersteller Finnlands: Stora Enso und M-Real. Stora Enso ist der größte Holzabnehmer des Forstamtes in Lappland. Ohne diese Nachfrage zur Herstellung von Papier und Zellstoff, würden die Urwälder erhalten bleiben können.
Was wird aus den Urwäldern gemacht?
Die letzten Urwälder Finnlands landen als Kopierpapier, Briefumschlag, Katalog oder als Wochenmagazin bei uns auf dem Wohnzimmertisch. Das Holz aus den Urwäldern geht zum großen Teil in die Papier- und Zellstofffabriken der Papierhersteller Stora Enso und M-Real im Norden Finnlands. Diese sind auf Presse-und Katalogpapiere bzw. auf graphisches Papier spezialisiert.
Ein kleinerer Teil des Holzes wird als Sägeholz zu Brettern oder Leimholz verarbeitet.
Wer profitiert an der Urwaldzerstörung?
Das staatliche Forstamt Metsähallitus sowie die Papierhersteller. Das Forstamt ist ein wirtschaftlicher Betrieb und von der finnischen Regierung angehalten, Gewinne zu machen. Mit der Urwaldzerstörung lässt sich verdienen. Die Papierhersteller verdienen an der Papierproduktion.
Kostet der Naturschutz Arbeitsplätze?
Beispiele aus Mittelfinnland haben gezeigt, dass Naturschutz keine Arbeitsplätze kosten muss. Der Tourismus hat sich in Finnland zu einem wichtigen Erwerbszweig entwickelt. So auch in Lappland: In der Tourismusindustrie werden nicht nur die meisten Menschen beschäftigt, sondern auch der meiste Gewinn gemacht. Und die geschützte Natur lockt viele Touristen ins Land.

Würde ein Schutz von 90.000 Hektar Urwald in Lappland die Forstwirtschaft zum Stillstand bringen?
Nein. In Lappland arbeiten beim staatlichen Forstamt derzeit knapp 40 Forstarbeiter. Würden, wie von den Saami und Greenpeace gefordert, die bisher ungeschützten Urwälder geschützt, müsste sich der jährlich erlaubte Holzeinschlag verringern und sich auf die bewirtschafteten Wälder konzentrieren. Derzeit werden in Inari knapp 140.000 Kubikmeter Holz pro Jahr gefällt. Diese Menge müsste auf unter 100.000 Kubikmeter reduziert werden, wenn der Schutz der Urwälder gelingen soll. Doch dies ist nicht das Ende der Forstwirtschaft in Inari! Kanpp 15 Prozent der Einschläge in Inari werden mit einer hocheffizienten Erntemaschine gemacht _ dem Harvester. Der Harvester ersetzt die Arbeitskraft von etwa zehn Holzfällern, die den Großteil der Arbeit in Lappland verrichten. Würde der Einsatz dieser Erntemaschine in Lappland reduziert, könnten alle derzeitigen Holzfäller ihren Job behalten. Eine Forderung, die die Holzfäller in Ivalo bereits vor Jahren selber gestellt haben.
Kann der Wert von Urwäldern beziffert werden?
Der Wert von intakter Natur ist natürlich unermesslich, dazu zählen auch die Urwälder. Amerikanische Wissenschaftler haben diese Güter bemessen und sind zu der Auffassung gelangt, dass intakte Natur Hundertfach mehr Wert ist, als die zerstörerische Nutzung der Rohstoffe, wie z. B. Holz. Urwälder regulieren das Klima, sind Wasserspeicher und sorgen für saubere Luft - alles Werte, für die die Menschheit keinen Preis definiert hat. Ebensowenig kann die Artenvielfalt beziffert werden. Die intakte Natur an sich, lässt sich nicht in Geld ausdrücken. Die Schönheit der Urwälder und Artenvielfalt muss für uns und für zukünftige Generationen erhalten werden. Unsere Urwälder müssen unter Schutz gestellt werden. Die kurzfristigen Profitinteressen müssen hinten an gestellt werden.
Welche Rolle spielt Deutschland?
Deutschland ist der wichtigste Papierabnehmer Finnlands. Knapp 20 Prozent der Papierexporte gehen nach Deutschland. Ein Drittel des in Finnland hergestellten Zellstoffes werden in Deutschland zu Papier weiterverarbeitet. Auch das Papier und der Zellstoff aus Urwaldzerstörung landet bei uns. Fast täglich verlassen Schiffe voll beladen mit Papier und Zellstoff finnische Häfen und fahren nach Deutschland.
Stand 10/2005