
Der in Deutschland vor langem ausgerottete Braunbär findet in den Urwäldern Russlands ideale Lebensbedingungen. Auch der vom Aussterben bedrohte Uhu (Bubo bubo) benötigt diese unberührten Urwälder, die für ihn als Jagd- und Rückzugsgebiet überlebensnotwendig sind.
Sie sichern zudem Zehntausenden von Ureinwohnern ein Überleben. Die Saami in der Murmansk Region oder etwa die Komi oder Nenets in den Regionen Archangelsk und Komi sind vom Wald abhängig. Er liefert Nahrung und ist eine Grundlage für ihre Kultur.
Doch nachdem in den skandinavischen Ländern die intensive Nutzung der Wälder durch den Menschen nur noch kleinste Inseln borealen Urwaldes übrig gelassen hat, droht den letzten großen unberührten Urwäldern Europas ein ähnliches Schicksal.
Heute sind nur noch 14 Prozent der gesamten Waldfläche des europäischen Teils Russlands von großen intakten Urwäldern bedeckt: in den vier Regionen Archangelsk, Karelien, Komi und Murmansk.
Die größte Gefahr für die Urwälder ist der industrielle Holzeinschlag für Papierfabriken und Sägewerke. Durchschnittlich 250 000 Hektar intakter Urwald wurden jedes Jahr allein in der Region Archangelsk in den letzten 20 Jahren vernichtet. Die letzten Urwälder Europas werden zu Konsumprodukten wie etwa Papier und Zellstoff, Pappe und Faserplatten oder Profilholz auch für den deutschen Endverbraucher verarbeitet.
Der Dvinsky-Urwald ist mit über 1,5 Mio. Hektar nicht nur einer der größten Urwälder Europäisch Russlands, sondern auch ganz Europas. Er liegt 150 Kilometer südöstlich von Archangelsk, der größten Hafenstadt der Region neben St. Petersburg. Hatte die Urwaldvernichtung in Russland bis vor einigen Jahren schwer zugängliche Gebiete wie den Dvinsky nur am Rande erfasst, hat sich dies seit Mitte der 90er-Jahre geändert.
Heute ist der Dvinsky größtenteils verpachtet und stetig werden neue Straßen für Holzfäller in den Urwald gebaut. Von allen Seiten wird in den Dvinsky eingeschlagen. Auf Satellitenbildern sind ständig neue schachbrettartige Kahlschlagflächen zu erkennen. Der große intakte Urwald wird von Papierfabriken und Sägewerken Schritt für Schritt vernichtet.
Die Produkte aus dieser Urwaldzerstörung werden auch von Deutschland importiert. Mit steigender Tendenz. Deutschland ist für Russland nach Finnland und Schweden das wichtigste Abnahmeland für Holzprodukte in Europa. Im Jahre 2000 wurden Holz- und Papierprodukte im Wert von über Euro 285 Mio. aus Russland importiert. Bei einzelnen Produkten wie etwa Nadelschnittholz hat sich die importierte Menge von 1998 bis 2000 mehr als verdoppelt.
Über die Hälfte hiervon kommt aus der Region Archangelsk, in der auch der Dvinsky-Urwald liegt. Ein Viertel der von Deutschland importierten Nadelholzrohware stammt aus Russland. Russland ist damit Deutschlands wichtigster Lieferant.
Deutschland trägt also eine Mitverantwortung an der Zerstörung der letzten Urwälder Europas. Das zukünftige Verhalten der Regierungen, deutschen Importeure und Händler beim Einkauf der Holzprodukte wird daher für den Urwaldschutz eine Rolle spielen.
Große deutsche Papierhändler wie etwa Conrad Jacobson und Jacob Jürgensen aus Hamburg oder Holzhändler wie Cordes in Bremerhaven, Gratenau Holz in Bremen oder Degginger & Hess in Garching sind durch ihren Einkauf für die Urwaldvernichtung mitverantwortlich.
Zwei große Zellstoff- und Papierfabriken bzw. Sägewerke der Region Archangelsk sind hauptsächlich für die Vernichtung der letzten großen Urwälder verantwortlich:
1. Die Archangelsker Zellstoff- und Papierfabrik (AP&PM) in Novodvinsk ist mit einer Jahresproduktion von über 300.000 Tonnen größter Pappenproduzent in Russland. Sie ist zunehmend exportorientiert und verkauft über 50 Prozent ihrer Zellstoff- und Pappenproduktion nach Übersee.
Die beiden deutschen Papierhändler C. Jacobson und J. Jürgensen aus Hamburg besitzen Anteile an der Papierfabrik und kaufen Zellstoff und Papier von der Fabrik. Sie haben damit einen direkten Einfluss auf die Geschäftspolitik und zeichnen sich nicht nur als Kunde mitverantwortlich für die voran schreitende Urwaldzerstörung.
Ebenso importiert der österreichische Papierhändler W. Heinzel aus Wien Papierprokukte von der AP&PM und besitzt Aktien der Fabrik. Die AP&PM benötigt für die Jahresproduktion knapp 4 Mio. Kubikmeter Rohholz. Eigene Konzessionen u.a. im Dvinsky Urwald sorgen für den Holznachschub.
2. Das Solombalski Sägewerk (SLDK) in Archangelsk ist eines der bedeutendsten Sägewerke in Archangelsk. Dort werden über 250.000 Kubikmeter Sägeholz produziert, wovon zwei Drittel exportiert werden, auch nach Deutschland. Das Unternehmen besitzt eigene Schiffe sowie eine Hafenanlage in Archangelsk, die für den Vertrieb nach Übersee sorgen.
Der Weg des Urwaldholzes nach Deutschland und in andere Länder Europas führt oft über die See. Der Hafen von Archangelsk am Weißen Meer wird mit einem Eisbrecher im langen nordischen Winter befahrbar gehalten, so dass die Holz- und Papierschiffe ganzjährig ihre Fracht nach Deutschland bringen können. Die letzten Urwälder Europas sind damit als Konsumprodukte wie etwa als Papier oder Zellstoff, als Pappe, Karton oder Faserplatten, oder als Profilholz auf dem deutschen Markt ganzjährig zu haben.
Der Schutz der letzten großen intakten Urwälder Europas und damit das Überleben der Tiere und Menschen im Wald muss für alle Beteiligten in Politik, Handel und Zivilgesellschaft eine vorrangige Aufgabe sein.
Stand 5/2002