Noch gibt es sie in Europa: unberührte Urwälder, durch die Braunbären mit ihren Jungen stromern, in denen das Heulen von Wölfen ertönt und sich der Uhu nachts auf die Jagd begibt. In denen Bäume noch an Altersschwäche sterben und bedrohte Insekten und Pflanzen überleben können. Urwälder, die ein atemberaubendes, wildes Stück Natur geblieben sind.
Einer dieser kostbaren Wälder ist der Dvinsky-Urwald im europäischen Teil Russlands, 150 Kilometer südöstlich der Hafenstadt Archangelsk. Mit 1,2 Millionen Hektar ist er der größte intakte Urwald seiner Art in Europa. Doch er wird seit Jahren unerbittlich zu Bauholz und Papier verarbeitet.
Russische Firmen schlagen mittlerweile jedes Jahr etwa 15.000 Hektar des Dvinksy-Urwaldes ein. In den vergangenen vier Jahren schrumpfte er dadurch um über sechs Prozent.
Nutznießer dieses radikalen Kahlschlags sind auch deutsche Konsumenten: Deutschland ist nach Finnland und Schweden für Russland inzwischen das wichtigste Abnehmerland für Holzprodukte in Europa. Über die Hälfte des aus Russland eingeführten Nadelschnittholzes kommt aus der Region Archangelsk - und damit auch aus dem Dvinsky-Urwald.
Gegen den Kahlschlag der russischen Urwälder macht Greenpeace seit Jahren mit zahlreichen Aktionen in Russland und Deutschland aufmerksam. Erfolgreich: Für den Kalevalski- und den 200.000 Hektar großen Onezhskoe-Urwald in Russland haben die Aktivisten von Greenpeace bereits erkämpft, dass Regionalparlamente sie als Schutzgebiete vorgeschlagen haben. Einen wichtigen Schritt für den Naturschutz des Dvinsky-Urwalds konnte Greenpeace mit dem Einschlagverzicht der russischen Sägewerke erwirken.
Eine langfristige Überlebensgarantie für die Urwälder wird derzeit aber von der Provinzregierung und Präsident Putin blockiert. Sie haben seit Jahren keine neuen Naturschutzgebiete mehr ausgewiesen. Doch nur ein dauerhafter Schutz und die Einführung eines ökologischen und sozialen Waldmanagement kann die Artenvielfalt in Russlands Wäldern langfristig garantieren.
Russlands Regierung arbeitet seit einem Jahr heimlich an einem neuen Waldgesetz. Dieses kann zur Gefahr für den Naturschutz in Russland werden. So dürfen Regionalparlamente künftig keine neuen Naturschutzgebiete mehr einrichten. Vorschriften, die dem Walderhalt dienen, sollen für eine Privatisierung abgeschafft werden. Wer Wald besitzt soll damit machen können was er will. Die Bevölkerung wird nicht gefragt, obwohl sie in Russland oft von den Früchten des Waldes lebt. Einen Rückschritt konnte Greenpeace verhindern: Die geplante Öffnung bestehender Naturschutzgebiete. Greenpeace verlangt ihren strikten Erhalt. Der Gesetzentwurf wurde korrigiert.
Greenpeace fordert nun von Russlands Regierung, dass sie die Interessensgruppen in die Diskussion mit einbezieht und die Gesetzentwicklung transparent gestaltet.
Greenpeace Online: Herr Salge, wie bedrohlich sind die Einschläge für den Dvinsky-Urwald?
Oliver Salge: Der Holzeinschlag findet von allen Himmelsrichtunegn statt. Wenn er in diesem Tempo weitergeht, ist in 20 Jahren von dem Urwald in seiner heutigen Art nichts mehr zu sehen.
Greenpeace Online: Gibt es bereits erkennbare Folgen für den Tierbestand?
Oliver Salge: Dort wo der Urwald vernichtet ist, können viele Tiere nicht mehr leben. Die von den Holzfällern hinterlassenen, kahlgeschlagenen Flächen werden von vielen Tierarten strikt gemieden, sie werden von ihnen als Hindernis wahrgenommen.
Greenpeace Online: Jüngst wurde ein Einschlagstopp von russischen Holzkonzernen unterzeichnet. Wird sich daran gehalten?
Oliver Salge: Bisher ja, denn wir überwachen deren Holzeinschläge mit Satellitenbildern und können sofort reagieren, wenn eine Firma den Vertrag bricht. Das wissen die Unternehmen.
Greenpeace Online: Was können wir dafür tun, dass der Dvinsky-Urwald schnellst möglich unter Schutz gestellt wird?
Oliver Salge: Wir müssen jetzt Druck auf die Regierung von Archangelsk und Präsident Putin machen. Der erste Schritt ist, ihnen klar zu machen, dass Russlands Urwälder dringend geschützt werden müssen, um die Artenvielfalt in Europa zu erhalten. Wir in Deutschalnd können außerdem mit dem Kauf von FSC-zertifizierten Holzprodukten eine ökologisch und sozial nachhaltige Waldwirtschaft fördern - auch in Russland.