
Bereits 1986 entschied der Senat von Lübeck, den Stadtwald naturnah zu nutzen. Dies war der Beginn eines mehrjährigen Diskussions- und Planungsprozesses. Als Greenpeace gemeinsam mit Forstfachleuten globale und regionale Kriterien einer ökologischen Waldnutzung formulierte, fanden darin auch die in Lübeck entwickelten Ansätze Eingang. Das Forstamt Lübeck war daher in der Lage, seinen Wald schon nach einer kurzen Umstellungsphase nach Greenpeace-Kriterien zu bewirtschaften.
Das Leitbild für alle Arten der Waldnutzung ist die Natur.
Baumarten, die sich ohne menschlichen Einfluss im Lübecker Wald natürlicherweise durchsetzen würden, werden bei allen Eingriffen begünstigt. Dabei handelt es sich vor allem um Buchen, Eichen, Ahorne, Hainbuchen, Ulmen, Wildobst, Birken, Eichen, Roterlen und Kiefern. Diese Bäume sollen sich bei der natürlichen Verjüngung des Waldes bevorzugt vermehren. In der Regel werden keinerlei Bäume angepflanzt oder vom Menschen ausgesät, so dass am Standort nicht heimische Baumarten, wie Fichten, Lärchen, Douglasien oder Roteichen langsam verschwinden werden. Die Entscheidung, welche Baumart wo wachsen soll, wird also der Natur überlassen.
Unnatürlich große Wildpopulationen behindern die natürliche Entwicklung des Waldes erheblich. Die Wilddichte im Lübecker Stadtwald wird daher deutlich verringert und an die ökologische Tragfähigkeit des Waldes angepasst werden.
Höchste Priorität bei der Waldnutzung hat der Schutz der im Wald ablaufenden natürlichen Prozesse.
Um die Voraussetzung für den Schutz der natürlichen Prozesse im Wald zu schaffen, gilt im Lübecker Wald das Prinzip, nur möglichst geringfügige Eingriffe vorzunehmen. Deshalb werden nur einzelne Bäume oder kleine Baumgruppen geerntet, damit keine Kahlflächen entstehen. Kahlschläge sind absolut verboten. Kriterium bei der Ernte ist einerseits die Produktreife des Baumes, zum anderen soll der Einschlag von Bäumen immer so erfolgen, dass der Wald sich seinem natürlichen Zustand weiter annähert.
Standortfremde oder durch Luftschadstoffe geschädigte Bäume werden daher bevorzugt geschlagen. Die Bäume erreichen ein verhältnismäßig hohes Alter, etwa 150 Jahre bei Buchen und 250 Jahre bei Eichen, was sowohl den ökologischen wie auch den ästhetischen Wert des Waldes erhöht. Jeder zehnte Baum wird überhaupt nicht geerntet, sondern darf sein natürliches Alter erreichen. Sterben diese Bäume ab, bereichern sie den Wald als Totholz und dienen vielen Tier- und Pflanzenarten als Lebensgrundlage. Auch andere ungewöhnliche Baumindividuen, wie Horstbäume oder solche mit Höhlungen, seltene Baumarten oder besonders schöne Exemplare bleiben von der Holznutzung verschont.
Alle Geräte, Maschinen und Stoffe, die bei der Waldnutzung zum Einsatz kommen, müssen ebenfalls möglichst naturverträglich sein. Im Lübecker Wald werden nur speziell entwickelte, schonende Waldmaschinen, Pferde zum Holztransport und ökologisch unbedenkliche Materialien zum Wegebau eingesetzt.
In Zweifelsfällen wird nach dem Vorsorgeprinzip auf Waldnutzung verzichtet.
Ist zu befürchten, dass ein Eingriff dem Ökosystem Schaden zufügen könnte, wird dieser Eingriff auch dann unterlassen, wenn sich diese Vermutung letztlich nicht genau belegen lässt. So werden beispielsweise zur Sicherheit immer weniger Bäume eingeschlagen, als es bei heutiger Kenntnis der ökologischen Zusammenhänge eigentlich möglich wäre, um negative Auswirkungen auf die Bodenvegetation und die Tierwelt auszuschließen.
Die im und vom Wald lebenden Menschen entscheiden in allen Fragen der Waldnutzung mit.
Die Lübecker Bürgerschaft kontrolliert die Nutzung des Stadtwaldes. Über alle wichtigen Angelegenheiten wird der Bürgerschaftsausschuss für Umwelt und öffentliches Grün regelmäßig informiert. Er spricht Empfehlungen an den Senat und die Bürgerschaft aus. Interessierte Bürger haben die Möglichkeit, Kritik und Anregungen über die Bürgerschaft einzubringen. Vor und während der Umsetzung des Konzepts der naturnahen Waldnutzung wurden zudem verschiedene Umweltverbände konsultiert.
In allen Waldgebieten wird vor der Nutzung ein ausreichendes Netz von Schutzgebieten ausgewiesen.
Im Lübecker Wald stehen sieben Prozent der Fläche offiziell unter Naturschutz. In diesen Gebieten ist die Holznutzung erlaubt. Darüber hinaus hat das Stadtforstamt freiwillig etwa zehn Prozent des Waldes als Schutzgebiete aus der Nutzung genommen.
Zu jedem genutzten Wald existiert ein sogenanntes Referenzgebiet, welches dem Nutzwald möglichst ähnlich ist und von menschlichen Eingriffen ausgenommen bleibt. Seine ungestörte Entwicklung wird beobachtet und ist Maßstab für die Nutzung.
Mindestens zehn Prozent des Lübecker Stadtwaldes werden als Referenzgebiete in Zukunft von direkten menschlichen Eingriffen verschont bleiben. Die erste Referenzfläche war der 50 Hektar große Schattiner Zuschlag. Sie repräsentierte den Waldtyp Buchenwaldgesellschaft und war von besonderem Interesse, da sie im ehemaligen Grenzstreifen der DDR seit 40 Jahren weitgehend ungestört geblieben ist. Für alle weiteren wesentlichen Waldtypen wurden repräsentative Referenzflächen bis Jahresende 94 endgültig festgelegt.
Die Ergebnisse der Waldbeobachtung geben Aufschluss über die Naturnähe der Waldnutzung und werden als Waldverträglichkeitsprüfung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Inventur des Lübecker Stadtwaldes war Ende 1994 abgeschlossen. Im Rahmen dieser Inventur wurden sowohl Daten über die ökonomisch nutzbaren Holzvorräte, wie Baumartenzusammensetzung, Holzvolumen und Altersstruktur, als auch ökologisch relevante Daten erhoben, etwa über die Naturnähe des Waldes, die Vielfalt von Arten und Waldstrukturen und den Zustand des Bodens.
Mit dieser Inventur wurden die Grundlagen für eine Erfolgskontrolle geschaffen, die nach ungefähr zehn Jahren stattfinden wird. Sie soll aufzeigen, ob alle Maßnahmen der Waldnutzung zum angestrebten Erfolg, mehr Naturnähe im genutzten Wald, geführt haben. Die Erfolgskontrolle wird von externen Gutachtern durchgeführt. In der Zwischenzeit werden die im Wald vorgenommenen Eingriffe genau dokumentiert.
Die ökologische Nutzung des Lübecker Stadtwaldes nach den oben ausgeführten Grundsätzen ist unvereinbar mit:
V.i.S.d.P.: Dr. Lutz Fähser, Leiter Stadtforstamt Lübeck & Alexandra Rigos, Waldkampagne Greenpeace, Stand: 06/1994