Die Bürger sind die Shareholder des Staatswaldes
Die Bürger sind die Shareholder des Staatswaldes

Redaktion: Der Vorstand der Bayerischen Staatsforsten (BaySF) weigert sich, konkrete Daten über den Zustand des öffentlichen Waldes herauszugeben. Wie beurteilen Sie die Aussagekraft der Daten, die bisher im Statistikband von den BaySF gemacht wurden?
Georg Winkel: Diese Angaben der Bayerischen Staatsforsten sind in ihrer groben Auflösung nicht ausreichend, um die Entwicklung der alten Laubwälder im Spessart beurteilen zu können. Die Nichtherausgabe von differenzierteren Daten zur Staatswaldbewirtschaftung durch die Bayerischen Staatsforsten bzw. die bayerische Politik ist leider auch kein Einzelfall im Konflikt mit Greenpeace. Auch ein wissenschaftlicher Projektverbund unter Beteiligung von Kollegen von unserer Fakultät und der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt, der versuchen will, einen Überblick zum tatsächlichen Stand geschützter Wälder in Deutschland zu erarbeiten, erhält aus Bayern keine brauchbaren Daten. Dies halte ich für sehr schade, denn so kann die Diskussion um Schutz und Nutzen der Wälder nicht transparent geführt werden, und es wird im konkreten Fall zur persönlichen Glaubensfrage, ob ich Greenpeace oder den Bayerischen Staatsforsten in ihrer Darstellung der Waldwirtschaft im Spessart folge.
Redaktion: Warum ist Transparenz bei diesen Daten überhaupt so wichtig?
Georg Winkel: Aus meiner Sicht kommt der Schaffung von maximal möglicher Transparenz bei der Bewirtschaftung des öffentlichen Waldes zentrale politische Bedeutung zu, ganz unbenommen von rechtlichen Ansprüchen aller Bürger auf Umweltinformationen, die im Zweifelsfall die Gerichte klären müssen.
Maximal mögliche Transparenz würde bedeuten, dass Daten zu allen wesentlichen Bedürfnissen der Bürger am Staatswald regional differenziert verfügbar gemacht werden. Das kann für den Spessart konkret heißen, dass folgende Fragen beantwortet werden: Wie wird sich der Anteil an alten Laubwäldern im Spessart in den nächsten 10, 20 oder 50 Jahren bei unterschiedlichen Nutzungsvarianten voraussichtlich entwickeln? Sind Ängste bezüglich eines Rückgangs alter Laubwälder berechtigt? Es ist kein Hexenwerk, solche Daten darzustellen oder zu generieren, und auf dieser Basis ließe sich die Debatte viel fundierter führen als zum jetzigen Zeitpunkt, wo man letztlich als Außenstehender nur mutmaßen kann, was im Spessart tatsächlich passiert oder passieren könnte.
Redaktion: Greenpeace fordert, die Daten über die alten Buchenwälder öffentlich zugänglich zu machen und die Bürger an den Konzepten zum Schutz dieser Wälder zu beteiligen. Welche Gründe sprechen aus Ihrer Sicht dafür?

Georg Winkel: Erstens sind die Bürger die Shareholder des Staatswaldes. Natürlich werden ihre Interessen in der parlamentarischen Demokratie durch Parlament und gewählte Regierung vertreten. Wir wissen aber auch, dass bei einem eher kleinen Politikfeld wie der Waldpolitik parlamentarische Entscheidungen oft nur sehr generellen Charakter haben, Beteiligungsverfahren würden hier eine gute Ergänzung bilden, zumal zur Konkretisierung des gesetzlichen Gemeinwohlauftrages.
Zum Zweiten haben sich die Bevölkerung beziehungsweise deren Bedürfnisse am Wald verändert und sind vielfältiger geworden, und der beste Weg, dem gerecht zu werden, ist direkte Beteiligung. Zum Dritten schafft Beteiligung Legitimation und Planungssicherheit. Ist die forstliche Planung unter direktem Einbezug der Bevölkerung gemacht worden, kann sie dann eigentlich von niemandem mehr angegriffen werden.
Redaktion: Gibt es auch Argumente gegen eine Bürgerbeteiligung?
Georg Winkel: Da ist zunächst mal die Frage, wie sich solche Verfahren mit der Idee vertragen, die öffentlichen Wälder als möglichst rentable Unternehmen zu führen. Ein Beispiel: Bürgerbeteiligung birgt das Risiko, dass die Bevölkerung etwas anderes vom Wald will als das, was die Unternehmensführung antizipiert hat und in Rahmenverträgen mit großen Holzabnehmern vereinbart hat.
Auch entsteht ein höherer Aufwand durch Beteiligungsverfahren. Forstpraktiker argumentieren zudem, dass die Beteiligung von Laien, die in der Regel nicht über fundiertes Wissen zu Waldökosystemen verfügen, nicht zu besseren Entscheidungen und Planungen führen dürfte. Es geht bei Beteiligung der Bürger allerdings nicht darum, die Experten von der Notwendigkeit des Entscheidens auf Basis ihres Wissens zu entbinden. Es geht eher darum, ihnen eine neue Rolle als Kommunikator ihres Wissens und als Anwalt und Übersetzer der Präferenzen der Bürger am Wald zu geben.
Redaktion: Wie kann eine möglichst effiziente Beteiligung gestaltet werden?
Georg Winkel: Das ist in der Tat ein Knackpunkt, und bevor man hier loslegt, macht es Sinn, sich mit den bestehenden Erfahrungen aus vielen anderen Ländern vertraut zu machen. Eine Beteiligung könnte beispielsweise folgende Elemente beinhalten:
Die Herausforderungen liegen im Detail, so zum Beispiel in der Gestaltung des Eingabeprozesses und der Auswertung der Eingaben, in der Frage der richtigen Ebene der Beteiligung, etc. Aber: Es gibt gute Beispiele für die Gestaltung solcher Verfahren, und die Hindernisse zu ihrer Umsetzung sind nicht unüberwindbar, wenn denn der politische Wille da ist.
(Interview: Sara Westerhaus)
Teil 1: Der Wald - Warenlager, Lebensraum, Erholungsort