
Georg Winkel arbeitet als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Forst- und Umweltpolitik in Freiburg.
Redaktion: Sie habilitieren zum Thema Waldpolitik. Was verstehen Sie unter dem Begriff und was macht für Sie diesen Bereich so interessant?
Georg Winkel: In der Waldpolitik werden im Spiegel der Interessen Entscheidungen zu Wäldern getroffen. Wälder unterliegen den gleichen gesellschaftlichen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen wie alle anderen Ressourcen auch. Allerdings gibt es auch Besonderheiten, so sind ökologische Prozesse in Wäldern besonders langfristig, und niemand würde sich beispielsweise in einem Kohlekraftwerk erholen oder ein Maisfeld unter Naturschutz stellen. All das geschieht aber im Wald, und genau dies macht die wissenschaftliche Beschäftigung mit Waldpolitik so spannend.
Redaktion: Welche unterschiedlichen Interessen am Wald gibt es und wie lassen sich diese in Einklang bringen?
Georg Winkel: Wälder sind Produktionsstätte und Warenlager für die Holzwirtschaft. Sie sind der wichtigste Lebensraum für unendlich viele Tiere und Pflanzenarten. Sie sind naturnaher Erholungsort. Sie sind prägend für viele Landschaften. Sie sind zugleich kulturell bedeutsam - denken Sie etwa an die deutschen Märchen und Sagen.
Bezogen auf die Waldpolitik stehen hinter all diesen Bedeutungszuweisungen politische Überzeugungen und Interessen. Und um es vorweg zu sagen: Gänzlich in Einklang bringen lassen sich all diese Überzeugungen und Interessen nicht. Das Schöne an der Waldwirtschaft ist aber, dass sich vieles im Wald integrieren lässt, wenn man gewisse Abstriche an den jeweiligen Maximalanforderungen in Kauf nimmt. Die Gretchenfrage in der Waldpolitik ist dann, wie und welche Entscheidungen getroffen werden und welches Interesse auf welcher Waldfläche letztlich bevorzugt wird.
Redaktion: Wie hat sich die Diskussion um die richtige Art der Bewirtschaftung unserer Wälder in den letzten Jahrzehnten - Stichwort Klimawandel - verändert?
Georg Winkel: Nutzungskonflikte um Wälder gibt es schon lange. Die Rahmenbedingungen, unter denen die heutige Debatte geführt wird, haben sich jedoch verändert.
Auf der ökonomischen Seite hat sich der Holzwirtschaftssektor markant gewandelt. Wenige große Abnehmer prägen den deutschen Holzmarkt und stehen im europäischen und globalen Wettbewerb zueinander. Die Holzerntetechnologie hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert.

Auf der ökologischen Seite ist in den letzten Jahrzehnten viel Wissen zu Tieren und Pflanzen in den Wäldern neu entstanden. Mit dem Slogan Erhaltung der Biodiversität verbinden sich Anforderungen an die Waldwirtschaft, die zum Teil durchaus konträr zu den geschilderten ökonomischen Anforderungen stehen. Und auf der sozialen Seite steht eine pluralistische, urbane Bevölkerung, die den Wald als letzten ungestörten Naturraum schützen will, aber auch das heimische Holz wertschätzt.
Der Klimawandel spielt dabei eine interessante Rolle. Einerseits hängt er wie ein Damoklesschwert über allen Entwürfen für eine künftige Waldpolitik. Sollte er nämlich in vollem Umfang wie prognostiziert eintreffen, dürfte er die heimischen Wälder signifikant verändern. Andererseits jedoch entfaltet der Klimawandel bislang vor allem Wirkung als Legitimation für ganz unterschiedliche Vorstellungen von Schutz und Nutzung der Wälder, einschließlich dahinter stehenden Interessen.
So geht es in der waldpolitischen Debatte oft gar nicht so sehr um den Klimawandel und den Klimaschutz, sondern dieser wird als Argument genutzt, um entweder mehr Holzeinschlag zu legitimieren oder mehr Naturschutz zu fordern. Aus meiner Sicht sollte man jedoch den Kern der Sache, nämlich die Frage, wie sich Naturschutz und nachhaltige Nutzung bzw. ökonomische Interessen am Wald integrieren lassen, diskutieren und hier zu tragfähigen Lösungen kommen.
Redaktion: Was unterscheidet aus Ihrer Sicht den öffentlichen Wald vom Privatwald in unserer Gesellschaft?
Georg Winkel: Eigentümer des öffentlichen Waldes sind alle Bürger eines Landes, vertreten durch die staatlichen Institutionen. Damit gehen besondere gesetzliche Bestimmungen einher, namentlich die schon genannte besondere Gemeinwohlbindung des öffentlichen Waldes. Diese besondere Rolle des öffentlichen Waldes wird seit langem kontrovers diskutiert. In einem viel beachteten, aber politisch letztlich wenig wirksam gewordenen Urteil hat das Bundesverfassungsgericht vor über 20 Jahren sogar einen Vorrang der Umwelt und Erholungsfunktion im öffentlichen Wald konstatiert.
(Interview: Sara Westerhaus)
Teil 2 des Interviews erscheint demnächst. Georg Winkel spricht dort über fehlende Transparenz bei den Bayerischen Staatsforsten (BaySF) und Bürgerbeteiligung