
Grund für den Anstieg sind vermutlich die Diskussionen um das anstehende neue Waldgesetz. Geht es nach der Agrarlobby, so wird das Gesetz eine Generalamnestie für bereits vollzogene illegale Abholzungen mit sich bringen. Wer also jetzt Fakten schafft und schnell noch viel Urwald zerstört, kann sich hinterher die Hände reiben. Er hat sich neue Flächen für Sojaanbau oder Rinderzucht gesichert und wird dafür amnestiert.
Im März 2011 gingen auf diese Weise 115 Quadratkilometer Wald verloren, im April waren es 477 Quadratkilometer - ein Anstieg um rund 400 Prozent innerhalb von nur zwei Monaten. In einem Artikel für das Greenpeace Magazin 3/2011 hat Paulo Adario, Leiter der Urwaldkampagne von Greenpeace Brasilien, die Situation und die Diskussionen um das neue Waldgesetz geschildert:
Die Urwaldzerstörung in Brasilien könnte gestoppt werden - doch nun bedroht ein Vorstoß der Agrarlobby die Erfolge.

In einem gut gefüllten Saal im Kongress in Brasilia lauschten vor kurzem Regierungsvertreter, frisch gewählte Parlamentarier und Umweltschützer den Präsentationen hochkarätiger Wissenschaftler. Es ging um die geplante Änderung des Waldgesetzbuchs, das den Schutz der Wälder regelt. Die Experten erläuterten dem Parlament die Bedeutung des Waldes für den Umweltschutz und die landwirtschaftliche Produktivität, und sie erklärten, welche schwerwiegenden ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen die Änderung des Regelwerks hätte.
Hinter dem Gesetzentwurf stehen das Agrobusiness und die parlamentarische Lobby der industriellen Landwirtschaft. Der Plan hat viele Unterstützer, vor allem in der "Großgrundbesitzergruppe". In dieser parteiübergreifenden Vereinigung finden sich neben Großgrundbesitzern auch Abgeordnete, die sich ihren Wahlkampf vom mächtigen Landwirtschaftsverband CNA und von Agrar- und Biokraftstoffkonzernen bezahlen lassen.
Ihr Vorkämpfer ist Aldo Rebelo, ein prominenter Abgeordneter der Kommunistischen Partei: Er schlägt eine Amnestie für alle illegalen Abholzungen seit der Entdeckung Brasiliens im Jahr 1500 vor. Außerdem will er die Fläche der geschützten Au-, Bruch- und Bergwälder verringern und Großgrundbesitzer von der Pflicht entbinden, auf ihren Ländereien Restwaldbestände zu erhalten.

Umweltschützer fürchten einen schweren Rückschlag für Brasiliens fortschrittliche Umweltgesetzgebung. Die Pläne gefährden die Erfolge der vergangenen Jahre und die Klimaschutzziele des Landes. Obwohl Brasiliens Ex-Präsident Lula da Silva nie ein überzeugter Umweltaktivist war, ist die jährliche Entwaldungsrate während der letzten sechs Jahre seiner Amtszeit um fast 80 Prozent auf 6500 Quadratkilometer (2010) gesunken. Zugleich wurden Schutzgebiete von mehreren Millionen Hektar ausgewiesen.
All das gelang ohne Einschnitte bei der Lebensmittelerzeugung: Infolge technischer Fortschritte jagt bei den Ernten ein Rekord den anderen, die brasilianische Landwirtschaft fährt 2011 die wohl größte Ernte aller Zeiten ein. Den Willen und die Bereitschaft vorausgesetzt, kann das Land die Entwaldung in wenigen Jahren beenden - und so zu einem Beispiel für verantwortlichen Umgang mit der Umwelt werden.
Die Experten im Kongress haben Rebelos Behauptung widerlegt, in Brasilien werde der Umweltschutz "übertrieben" und das Waldgesetzbuch schränke die Lebensmittelproduktion ein. Wenn die Agrarlobby die Vorträge gehört hätte, hätte sie endlich begriffen, dass der Schutz des Waldes die Produktivität der Landwirtschaft sogar steigert: Er verbessert das lokale Klima und bietet Bienen und anderen Bestäubern, ohne die viele Pflanzen nicht gedeihen, einen Lebensraum.

Doch leider waren die Vertreter der Agrarlobby nicht im Saal. Sie hatten es vorgezogen, sich an einem anderen Ort wieder einmal Rebelos wüste Beschimpfungen der Umweltbewegung anzuhören. Für ihn sind Umweltschützer, allen voran Greenpeace, Teil einer weltweiten Verschwörung gegen die Entwicklung Brasiliens. Es ist die alte Litanei: Länder wie Deutschland konnten nur so reich werden, weil sie ihre Wälder abgeholzt, mit dem Holz Städte errichtet und auf den entwaldeten Flächen Nahrungsmittel angebaut haben. Nun wollen die uns das verbieten und errichten mit Hinweis auf die Umweltverträglichkeit Handelsbarrieren, um uns den Export zu erschweren.
Brasilien, das immer als das "Land der Zukunft" gegolten hatte, hat es fast geschafft. Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre stützte sich vor allem auf die Produktion und den Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Doch von der Änderung des Waldgesetzbuchs werden vor allem die rückständigsten Landwirte und Viehzüchter profitieren: Großgrundbesitzer, die gegen Gesetze verstoßen, Steuern hinterziehen, sich öffentliche Ländereien aneignen, in Schutzgebiete und in das Land der Indigenen einfallen, ungestraft den Wald abholzen und ihre Arbeiter nicht selten wie Sklaven ausbeuten.
Dank einer Weltöffentlichkeit, die immer aufmerksamer hinsieht und ein immer schärferes Bewusstsein für den Klimawandel und die Umweltzerstörung entwickelt, reicht ein einziger Fehltritt aus, das gestiegene Ansehen Brasiliens zu zerstören und brasilianischen Produzenten das Tor zum Weltmarkt zu verschließen. Die Änderung des Waldgesetzbuchs und die Wiederaufnahme der Entwaldung wären ein solcher kaum wieder gut zu machender Fehler.
(Autor: Paulo Adario)
Adarios Artikel ist erschienen im Greenpeace Magazin 3/2011.