Die Holzfäller haben eine Grenze gezogen. Als die fremden Männer vor drei Jahren ihre Zertifikate präsentieren, bekommt Jacinto einen Schreck. Damit belegen sie, dass ihnen der Urwald gehört. Jacintos Familie lebt seit drei Generationen hier. Sie haben nie Papiere gehabt. Seitdem die Holzfäller den Ton angeben, muss sich Jacinto Holz kaufen oder Fisch gegen Holz tauschen.
Einen ganzen Tag lang sind wir mit unserem Flussschiff Captao Dario gefahren, erst den Amazonas runter, dann Richtung Süden. An der Mündung zum Fluss Guajará haben wir uns von der Arctic Sunrise getrennt. Sie hat zu viel Tiefgang, um die Seitenarme des Amazonas zu befahren. Hier, weitab vom Städtchen Gurupá, sind wir nicht mehr sicher. Die Behörden der nächstgroßen Stadt, Porto de Moz, stehen nicht unbedingt auf unserer Seite: Zu viele der lokalen Größen schlagen selbst Profit aus der Abholzung des Urwaldes.
Es gibt hier keinen Urwald mehr. Vor einer Generation haben die Menschen, die am Fluss leben, das Land am Fluss brandgerodet, um die Flächen für Wasserbüffel und Schweine zu nutzen. Das unterscheidet das Schwemmland in Ipiranga von anderen Gebieten, denn normalerweise kommen erst die Holzfäller - und dann die Siedler, die den Rest für ihr Vieh niederbrennen.
Schnell spricht sich herum, dass wir eine Ärztin an Bord haben, Paola. Unser Boot füllt sich mit Müttern und ihren kranken Kindern. Sie stehen Schlange vor dem Behandlungszimmer, der Schlafkajüte von Paola. Bianca ist drei Jahre alt. Ihr Atmen rasselt. Paola untersucht sie und gibt ihr Medizin. Bianca wehrt sich. Sie ist zum ersten Mal bei einem Arzt. In kurzer Zeit behandelt Paola 70 Patienten.
Carlos, der Waldexperte von Greenpeace Brasilien, ist währenddessen mit Kamerateam, Fotografen und Sicherheitsbeamten unterwegs zu anderen Siedlungen, zu einigen nimmt Greenpeace erstmals Kontakt auf. Sie haben GPS-Geräte (Global Positioning System) dabei, um die genauen Koordinaten von Fundorten, wie von illegal eingeschlagenem Holz, in eine Computerkarte eintragen zu können. Über ein Funkgerät halten sie die ganze Zeit Kontakt zum Flussschiff - falls etwas passiert.
Abends gibt es noch ein kleines Extra: Wir fahren mit einem der Beiboote raus, um Krokodile zu filmen. Nachts spiegeln ihre Augen das künstliche Licht. Aus dem fahrenden Boot suchen wir mit der Lampe die Ufer ab. Nach circa fünf Minuten die ersten Lichtreflexionen. Fehlanzeige: harmlose Büffel beim Nachtbad. Wenig später haben wir mehr Glück: Ein Alligator liegt am Ufer und wartet auf Beute. Wir beobachten ihn eine Weile, sind fasziniert von der Eleganz seiner Bewegungen im seichten Wasser. Er taucht ab. Wir fahren weiter, zurück zum Flussschiff - in unsere Hängematten.
Zum Nachlesen: Amazonas-Reisetagebuch Teil 4