Autor und Waldschutz-Experte Matthias Schickhofer im Interview

„Eine wilde Anderswelt“

„Die Schutzbestimmungen für Urwälder sind zu schwach“, sagt Matthias Schickhofer, Autor und Experte für Waldschutz. Warum wir Europas Waldwildnis retten müssen, erzählt er im Interview.

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Urwald gleich Amazonas? Nicht unbedingt. Auch bei uns gibt es Urwälder: Ökosysteme, die kaum durch menschlichen Eingriff verändert wurden. Vor 6000 Jahren bedeckten solche Wälder 95 Prozent Mitteleuropas. Doch nur wenig ist geblieben von der europäischen Waldwildnis. Dabei brauchen wir diese Wälder – vor allem auch, um den Klimawandel einzudämmen.

Mehr Schutz für Europas Urwälder fordert deshalb Matthias Schickhofer, Fotojournalist, Umweltschützer bei Greenpeace und Autor („Unser Urwald – Die letzten wilden Wälder im Herzen Europas“, Brandstätter Verlag). Wie es um die wilden Wälder Europas bestellt und was nötig ist für ihren Schutz, erzählt er im Interview.

Greenpeace: Wo haben Sie in Europa die beeindruckendsten Urwälder gesehen?

Matthias Schickhofer: Die großartigsten Wälder Mitteleuropas stehen sicher in den östlichen Karpaten in Rumänien und der Ukraine sowie in den Dinarischen Gebirgen in Kroatien. Da habe ich wahre Waldmeere gesehen, geschlossene Baumdecken bis zum Horizont – eine archaische Anderswelt. Viele Menschen wissen ja gar nicht, dass es auch auf unserem Kontinent noch solche fantastischen Urwälder gibt.

Vor allem Rumänien hat noch große Urwaldgebiete. Fast zwei Drittel aller Urwälder Europas stehen dort, Russland nicht eingeschlossen. Besonders faszinierend ist der Semenic-Nationalpark im Südwesten des Landes mit seinem 5000 Hektar großen Buchenurwald. Aber an dessen Rand und rundherum werden wertvolle Bäume gefällt; Raubbau und Korruption zerstören die Wälder mit großer Geschwindigkeit. 

Aus diesen Gründen gibt es in Europa kaum noch Urwälder. Wie steht es also um den Schutz unserer verbliebenen Waldwildnis? Gehen wir in Europa verantwortungslos mit unserem Naturerbe um?

Nur mehr vier Tausendstel der mitteleuropäischen Wälder sind laut Experten heute noch in einem urwaldähnlichen Zustand. Anders gesagt: Wir Europäer haben „unseren Amazonas“ in den vergangenen 1000 bis 2000 Jahren bis auf vergleichsweise winzige Reste eliminiert. Daher sind unsere letzten Urwälder auch so wertvoll.

Doch leider sind viele von ihnen noch immer nicht ausreichend geschützt. Es gibt zwar heute in Deutschland, Österreich, Kroatien, der Slowakei, Montenegro und der Ukraine tolle Nationalparks mit strengen Schutzbestimmungen; in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden außerdem hunderte Naturwaldreservate geschaffen. Aber die alten Wälder sind unter Druck. In Österreich ist das Naturwaldreservate-Netzwerk aktuell in Gefahr, wegen Budgetkürzungen Löcher zu bekommen: Das reiche Österreich kann sich die Kosten von etwa einer Million Euro pro Jahr angeblich nicht mehr leisten und will auf EU-Förderungen umstellen.

Rumäniens Nationalparks haben diese Löcher schon: Da klaffen Kahlschläge in wertvollsten Altwäldern, etwa im Domogled Nationalpark in den Südkarpaten. Der soll demnächst UNESCO-Welterbe werden. Doch jetzt werden noch schnell auf Teufel komm raus unberührte Urwaldtäler verwüstet. Ich habe diese Gebiete häufig besucht – die Zerstörungen zu sehen ist sehr deprimierend. Hier sind mehr internationale Proteste nötig. 

Sollte das Schutzprogramm Natura 2000 der Europäischen Union derartige Zerstörung denn nicht verhindern?

Natura 2000 hat das lobenswerte Ziel, seltene Arten und Lebensräume zu schützen. Aber die Schutzbestimmungen für Urwälder sind zu schwach. In wertvollsten Wäldern in Natura-2000-Gebieten wird gerodet; mitunter werden Naturwälder sogar noch immer durch Nadelholzplantagen ersetzt. Das darf nicht sein. Industrie-Interessensverbände attackieren aktuell europäische Schutzgesetze wie Natura 2000 und wollen diese noch mehr aufweichen. Und sie bekämpfen neue Schutzgebietsprojekte. Das ist inakzeptabel.

Deshalb brauchen Natura-2000-Gebiete dringend strengere Bestimmungen. Grundbesitzer müssen besser informiert und betreut werden; wir brauchen bedeutend mehr Kontrolle und mehr Geld für Abgeltungen privater Grundbesitzer. Denn auch unsere natürlichen Wälder sind systemrelevant, nicht nur Pleitebanken. 

Welches sind die größten Bedrohungen für unsere europäischen Urwälder?

Die größte Bedrohung ist die Gier in Verbindung mit Rücksichtslosigkeit und Ignoranz. Ein Teil der Forstindustrie ist scheinbar noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen: Da wird noch immer auf Kahlschlag, Nadelbaumaufforstung und Altersklassenwald gesetzt, also auf gleichaltrige Bestände, in denen alle Bäume etwa gleich groß sind.

Ein Problem ist auch der Biomasseboom. In Osteeuropa beflügelt das subventionierte Verheizen von Holz den illegalen Einschlag und die Zerstörung alter Wälder. Im Westen werden Wälder teilweise regelrecht „ausgeräumt“, weil jetzt auch minderwertiges Holz für Energieproduktion verkauft werden kann. Das ist schlecht für Böden und Artenvielfalt. 

In Rumänien wüten kriminelle Netzwerke im Urwald. Da wird mit allen Tricks gearbeitet: gefälschte Zahlen in Forstinventuren, gefälschte Herkunftspapiere, Besitzurkunden oder Registriernummern von Baumstämmen. Auch Parteien und Politiker sollen sich angeblich über illegales Holz mit Schwarzgeld eindecken. In den Karpaten der West-Ukraine haben mafiöse Machenschaften nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen auch bereits eingesetzt. Da stehen noch etwa 100.000 Hektar Urwald, darunter die größten Rotbuchurwälder der Erde. 

Auch in Deutschland wurden ehemalige Buchenurwälder zu großen Teilen in Fichten- und Kiefernplantagen umgewandelt. Allenfalls winzige Urwaldreste sind geblieben. Brauchen wir hierzulande wieder mehr Waldwildnis?

Ja, unbedingt. Gerade reiche Länder wie Deutschland oder Österreich sollten mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie ökologisch nachhaltiger Umgang mit den Waldressourcen aussehen könnte. Dazu gehört: Artenvielfalt und Kohlenstoff-Lager in den wertvollen Natur- und Urwäldern durch ein Netzwerk aus Reservaten bewahren, den restlichen Wald möglichst an den natürlichen Prozessen orientiert bewirtschaften. Die Urwälder sind hier die besten Lehrmeister – wenn man sie versteht. 

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