
Investitionen in die Nachhaltigkeit bedeuten meist harte Arbeit, weswegen sie häufig proklamiert und selten umgesetzt werden. Bei Greenpeace ist das anders, was sich auch an folgendem Beispiel zeigt: Im September 1987 begannen unter dem Namen Greenpeace-Bergwaldprojekt
die Vorarbeiten für die ersten Einsätze eines kleinen Projekts mit nachhaltiger Wirkung.
Erste Partner fanden sich: Der Gemeinderat der kleinen Schweizer Gemeinde Malans hatte mit knapper Mehrheit zugestimmt, die Greenpeace-Leute in seinen Wald zu lassen. Oberhalb des Orts war kurz zuvor der Wald mitsamt Geröll und Steinen ins Tal gestürzt, und die Erdmassen hätten beinahe den Dorfkern begraben. Als Gegenleistung für das Vertrauen baute Greenpeace mit etwa 30 Freiwilligen im besonders unzugänglichen Teil des Gemeindewaldes oberhalb des Dorfes den zerstörten Wald wieder auf, sicherte Hangrutsche mit Hilfe von Verbauungen und erschloss Wege in den Berg.
Das Bergwaldprojekt, fünf Jahre vor Rio gegründet, wird nun 15 Jahre alt, und aus dem kleinen Projekt ist über die Jahre ein großes Projekt geworden, wahrscheinlich sogar das größte seiner Art. Die Bilanz: Hunderte von Hektar Schutzwald in unzugänglichen Berglagen wurden durch Verbauungen, Aufforstungen und Pflegemaßnahmen gesichert, Tausende von Freiwilligen haben mindestens je eine Woche in einem der über 60 Standorte kostenlos gearbeitet, Hunderttausende von Bäumen wurden angepflanzt.
Vor fast zwanzig Jahren schockierte ein bisher nie da gewesenes Phänomen die Öffentlichkeit: das drohende Waldsterben. Schlagartig wurde einer breiten Öffentlichkeit bewusst, wie unersetzlich der Wald ist, dessen Existenz man bis dato für so selbstverständlich hingenommen hatte. Es wurde schnell deutlich, dass die Luftverschmutzung - insbesondere durch den Autoverkehr - dem Wald erheblich schadet. Die apokalyptischen Vorstellungen über eine Welt ohne Wald sind bisher glücklicherweise nicht eingetroffen, dem Wald geht es jedoch nach wie vor schlecht.
Greenpeace wollte nicht weiter nur mahnen und warnen, sondern Hoffnung geben und selbst Hand anlegen. Aus der Überzeugung, dass man im Kampf gegen extreme Luftverschmutzung nur erfolgreich sein kann, wenn man versteht, was es zu bewahren gilt, und dazu eine innere Beziehung hat, entstand damals als Ergänzung zu einer Greenpeace-Kampagne das Bergwaldprojekt. Heutzutage haben viele Menschen offensichtlich die Kenntnisse und damit auch ihre Beziehung zum Wald verloren, können Automarken oder Computerprogramme, nicht aber Tannen von Fichten unterscheiden.
Das Bergwaldprojekt hat seine Eigenart und sein Profil seit Beginn unverändert bewahrt und fördert ohne viel Aufhebens seit fünfzehn Jahren nachhaltiges Tun. Seit 1990 steht es organisatorisch und juristisch als Stiftung Bergwaldprojekt auf eigenen Beinen mit Sitz in der Schweiz und Zweigprojekten in Deutschland und Österreich. Die Ziele des Bergwaldprojektes sind seit 15 Jahren unverändert: Verbindung von notwendigen Rettungsarbeiten für den Wald mit einer Verbreiterung des Wissens über ein für uns überlebenswichtiges Ökosystem. Seit Frühling 1988, dem ersten Einsatz oberhalb Malans, arbeiten Jahr für Jahr etwa 1000 Menschen aus allen Berufen im Wald: Rechtsanwälte, Lehrer, Krankenschwestern, Zahnärzte, Kindergärtnerinnen oder Polizisten. Keiner von ihnen hätte ohne das Bergwaldprojekt die Chance gehabt, die Lebenszusammenhänge des Systems Wald anhand eigener, harter Arbeit zu erfahren. Und so manche Gemeinde würde noch heute darauf warten, dass sich jemand ihrer Probleme im Schutzwald annähme, ob nun der Folgen einer Borkenkäferinvasion, des Wildverbiss oder drohender Rutschungen nach Sturmschäden.
Auch die grundlegenden Prinzipien für einen Einsatz und die Arbeitsorganisation sind seit 15 Jahren im wesentlichen unverändert. Das Bergwaldprojekt arbeitet immer und ohne Ausnahme in enger und direkter Kooperation mit dem lokalen Forstdienst und führt nur solche Arbeiten durch, die dem Wald unmittelbar als direkt waldbauliche Maßnahmen zugute kommen. Die Arbeiten werden mit dem Gemeindeförster vorgeplant und dann in kleinen Teams zu je vier bis sechs Leuten durchgeführt. Jedes Team - auch diese Prinzip hat sich bewährt - wird von einem erfahrenen Forstwart geleitet, der die Arbeiten gegenüber der Gemeinde verantwortet. Dass dabei fachlich seriöse Arbeit geleistet wird, zeigt sich unter anderem daran, dass dort inzwischen Vertreter oberster Schweizer Bundesbehörden ihre Ferien oder auch eine private forstliche Weiterbildung absolvieren.
Die Bilanz des Bergwaldprojektes (BWP) in 15 Jahren:
Nicht in Zahlen fassen lassen sich die Bedeutung der Wald- und Hangstabilisierung für etliche direkt betroffene Gemeinden sowie der Stellenwert der Arbeiten für das Bewusstsein und das Verständnis der Menschen, die im Wald gearbeitet haben.
V.i.S.d.P.: Wolfgang Lohbeck, Stand: 07/2002