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Ein Artikel von greenpeace.de
Prognos-Gutachten: Mehr Arbeitsplätze durch ökologisches Wirtschaften?

Arbeit durch ökologisches Wirtschaften

Sustainable Development (nachhaltige Entwicklung) war das Zauberwort der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992. Das dort formulierte Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung findet im Grundsatz national wie international eine breite Zustimmung.

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Alle, von den Umweltschutzorganisationen bis hin zu Industrieverbänden, von der Bundesregierung bis hin zu den Kommunen, haben sich das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung auf ihre Fahnen geschrieben. Wenn es aber darum geht, konkrete Schritte in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung einzuleiten, wird oftmals postuliert, dass eine solche energie- und ressourcensparende Politik die zurzeit akute Beschäftigungsproblematik noch verschärfen würde.

Festzustellen, ob das stimmt, ist Gegenstand des Prognos-Gutachtens, das im Auftrag von Greenpeace erstellt wurde. Zielsetzung der Studie ist eine Potenzialschätzung. Untersucht wird das Beschäftigungspotenzial einer Politik in Richtung Nachhaltigkeit auf der Basis heute bekannter und (annähernd) wirtschaftlicher energie- und ressourcensparender Produkte, Produktionsverfahren und Technologien.

Die Studie zeigt im wesentlichen die Beschäftigungseffekte dieser ersten, heute bereits vorhandenen Ansätze energiesparender und ressourcenschonender Produkte, wenn diese - unterstützt durch eine entsprechende politische Rahmensetzung - verstärkt angewendet würden. Insofern handelt es sich um eine sehr vorsichtige, konservative Schätzung. Dabei geht Prognos davon aus, dass die Aktivitäten zur Energie- und Ressourceneinsparung in der Regel im Rahmen der "normalen" Investitionszyklen vorgenommen werden. Es werden die Fragen beantwortet:

  • Was passiert in der Produktion?
  • Welches Potenzial für zusätzliche Arbeitsplätze haben die verschiedenen Ansätze energiesparender und ressourcenschonender Produktion?

Aufgrund dieses produktlinienbezogenen Ansatzes, beschäftigt sich das Prognos-Gutachten weniger mit gesamtwirtschaftlichen Struktureffekten, wie sie zum Beispiel vom DIW im Auftrag von Greenpeace in einer Studie zur ökologischen Steuerreform untersucht wurden. Geprüft wurde von Prognos ausschließlich der Beschäftigungseffekt einer Umstellung auf eine nachhaltigere Produktion, nicht aber der zusätzliche Effekt aus arbeitsmarktpolitischen Initiativen, wie beispielsweise einer Senkung der Lohnnebenkosten im Zuge einer ökologischen Steuerreform. Insofern untersucht Prognos auftragsgemäß nicht die für eine nachhaltige Entwicklung erforderlichen Instrumente. Damit wird analysiert, was unter gegebenen Bedingungen möglich ist, nicht aber, wie die Bedingungen zu verändern sind, um eine nachhaltige Entwicklung einzuleiten.

Es wurden 66 wichtige energiesparende und ressourcenschonende Produkte, Produktionsverfahren und Technologien untersucht. Damit bezieht sich Prognos nur auf eine Auswahl bereits heute bekannter oder absehbarer Produktlinien. Deswegen zeigen die errechneten Beschäftigungseffekte nur die Untergrenze des Beschäftigungspotenzials einer Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit. Die nachfolgend gezeigten Arbeitsplatzeffekte können also durchaus als mindestens erreichbar bezeichnet werden.

Das Beschäftigungspotenzial wurde für das Jahr 2020 errechnet. Den Vergleichsmaßstab bildet eine Entwicklung weiter wie bisher. Diese Referenzentwicklung zeigt nicht den gegenwärtigen demographischen, ökonomischen und technologischen, sondern den wahrscheinlichsten Zustand im Jahr 2020, wenn weiterhin eine Politik des Durchwurstelns eingeschlagen wird. Dem wird ein Szenario der Neuen Wege gegenübergestellt, in dem die kostengünstigen Potenziale zur Energie- und Ressourceneinsparung und zur Umweltentlastung systematisch genutzt werden.

Diese Untersuchung wurde für die drei Länder Deutschland, Österreich und die Schweiz durchgeführt, um die Übertragbarkeit auf Länder mit unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen auszuloten. Für das Szenario der Neuen Wege wurde angenommen, dass zumindest in allen Industrieländern in Richtung Nachhaltigkeit gehandelt wird. Dies bedeutet nicht, dass überall die gleichen Maßnahmen und Instrumente zur Anwendung kommen. Aber die Ziele - Reduktion des Einsatzes nicht erneuerbarer Primär-Energieträger (Kohle, Öl und Gas) und Verringerung des Ressourcendurchsatzes - werden in allen Industrieländern verfolgt.

Mit Blick auf die weltweiten ökologischen Entwicklungen ist ein solcher, geänderter Umgang mit Energie und Material auch dringend erforderlich. Denn mit der bisherigen Form der Energie- und Materialnutzung wachsen die Risiken weltweit. Emissionen, Klimaveränderungen und Wachstumsschäden bedrohen nicht nur die Entwicklungsländer, sondern auch Industrieländer, wie Deutschland, die Schweiz und Österreich. Energieversorgung und Beschäftigung und damit letztlich sozialer Friede und Wohlstand in den Industriestaaten, hängen vom friedlichen Handel in der Welt ab.

Wenn Umweltschäden und Hunger politische Konflikte auslösen, wird die Sicherung von Handel und innerer Stabilität zunehmend Ressourcen binden. Strukturelle Wachstumskrisen wie Ende der 70er Jahre sind dann nicht mehr auszuschließen. Je mehr Staaten die gleichen ökologischen Ziele verfolgen, desto leichter lässt sich auch eine deutsche, schweizerische und österreichische Politik in Richtung Nachhaltigkeit durchhalten. Damit steigt zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass nationale Anpassungskrisen vermieden werden können. Denn ein international - oder zumindest auf die Industrieländer bezogenes - ähnliches Vorgehen bewirkt, dass sich hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt keine gravierenden Veränderungen zwischen einzelnen konkurrierenden Staaten ergeben werden.

Für Deutschland, die Schweiz und Österreich wurden im Szenario der Neuen Wege zwei ökologische Ziele angenommen:

  • Reduktion des Einsatzes nicht erneuerbarer Primärenergieträger (Kohle, Öl und Gas) um 30 Prozent gegenüber 1990,
  • Verringerung des Materialverbrauchs um 25 Prozent gegenüber 1990.

Das Materialziel bezieht sich auf jegliche nichtenergetische Materialien. Dabei haben wir aber unser besonderes Augenmerk auf nicht erneuerbare Materialien gerichtet. Untersucht wurden unter anderem: Rohstoffe für die Herstellung von Eisen, Stahl, Aluminium, Blei, Kupfer, Zink, Gummi, Kunststoffe, Lebensmittelfette, Kies, Sand und sonstige Vorprodukte für Baumaterialien sowie das Umweltgut Boden. Die Überprüfung der Zielerreichung konnte nur produkt- bzw. technikbezogen durchgeführt werden.

Wir gehen davon aus, dass von politischer Seite Maßnahmen zur Umsetzung dieser Ziele vorgenommen werden. Welche Maßnahmen dies konkret sind und welche Instrumente hierzu eingesetzt werden, wird im Rahmen dieser Untersuchung offen gelassen. Allerdings wird von preisneutralen Instrumenten ausgegangen. Damit werden zum Beispiel Energiesteuern gedanklich ausgeschlossen. Dies ist deswegen der Fall, weil auftragsgemäß der reine bzw. isolierte Effekt aus einem nachhaltigeren Wirtschaften untersucht werden soll.

Würden stattdessen Instrumente angenommen, die auch arbeitsmarktfördernde Wirkungen haben können, wie beispielsweise eine ökologische Steuerreform, käme ein Teil des Beschäftigungseffekts auch durch die Instrumente selbst zustande. Natürlich sind politische Maßnahmen wie Förderprogramme oder eine preisliche Belastung von Energie und Material sehr wichtig für eine nachhaltige Entwicklung. Aller Voraussicht nach dürften derartige Instrumente sogar unverzichtbar für eine solche Umsteuerung sein. Wir haben jedoch auf entsprechende Annahmen verzichtet, um den reinen Beschäftigungseffekt einer Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit abschätzen zu können. Deshalb basieren die gesamten Berechnungen auch auf konstanten Preisen, wie weiter unten noch ausgeführt wird. Preisliche Effekte, wie sie beispielsweise durch die Einführung einer Energie- und Materialabgabe ausgelöst werden können, wurden dementsprechend bewusst ausgeklammert.

Wir nehmen an, dass die strukturellen Nachfrageveränderungen im Szenario Neue Wege über Änderungen der Präferenzen zustande kommen. Diese Änderung der Präferenzen wird durch politische Instrumente angestoßen und unterstützt. Damit wird unterstellt, dass Wirtschaft und Bevölkerung in Deutschland, der Schweiz und Österreich - unterstützt durch politische Maßnahmen - sukzessive ressourcensparende und umweltfreundliche Produkte und Techniken bevorzugen. Im Rahmen dieses Szenarios werden vor allem solche ressourcensparenden Produkte und Verfahren zunehmend nachgefragt bzw. angewendet, die bereits heute annähernd wirtschaftlich sind bzw. die Wirtschaftlichkeit in absehbarer Zukunft erreichen werden.

Im Szenario Neue Wege wird weiterhin eine politische Rahmensetzung angenommen, die bis zum Jahr 2010 zu einem völligen Ausstieg aus der Kernenergie führt. Diese Rahmensetzung ist mit Blick auf das zunehmende Unwohlsein in der Bevölkerung über den Einsatz von Kernenergie und die hiermit potenziell verbundenen Risiken im Rahmen eines nachhaltigen Szenarios glaubwürdig. Denn die Unsicherheiten der Kernenergienutzung haben technische, wirtschaftliche und politische Dimensionen, die weit in die Zukunft hineinreichen: Die Schäden eines Kernschmelzunfalls, einer unzureichenden Endlagerung oder gar des Missbrauchs von Rückständen sind in ihren Auswirkungen entsprechend schwer zu beschreiben und haben oftmals den Charakter einer existenziellen Bedrohung. Angesichts der potenziell mit der Kernenergienutzung verbundenen Risiken und des nicht gelösten Endlagerungsproblems erscheint ein Ausstieg aus der Kernenergie erforderlich.

Es wurde unterstellt, dass ab dem Jahr 2000 mit einer schrittweisen, politisch unterstützten Umstellung in Richtung Energie- und Ressourceneinsparung sowie mit einem Ausstieg aus der Kernenergie begonnen wird. Die Untersuchungen von Prognos ergaben, dass es möglich ist, die beiden oben genannten ökologischen Ziele bis zum Jahr 2020 in Deutschland annähernd, in Österreich und der Schweiz vollumfänglich zu erreichen. Engpässe gibt es weder bei den technischen Möglichkeiten noch in der Einsetzbarkeit der untersuchten Produkte auf einer breiten Basis. Die bislang unausgenutzten Potenziale zur rationellen Energiewandlung (Energiesparen) und der steigende Einsatz erneuerbarer Energien können die Energieversorgung Deutschlands, der Schweiz und Österreichs auf Dauer sicherstellen. Entsprechendes gilt für die Verringerung des Materialverbrauchs. Bereits heute ist eine erhebliche Reduktion technisch möglich.

Im Szenario Neue Wege wurde davon ausgegangen, dass im Vergleich zur heutigen Situation keine Ausweitung des Einsatzes bio- und gentechnischer Verfahren erfolgt. Dies betrifft besonders die Sektoren Chemie und Landwirtschaft. Diese Annahme wurde getroffen, weil zur Zeit keine ausreichenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkungszusammenhänge zwischen der Anwendung biotechnischer Verfahren und den hiermit verbundenen Folgen auf das gesamte Ökosystem vorliegen. Beispielsweise ist derzeit noch völlig offen, wo Bioherbizide in der Natur verbleiben und welche Toxizität ihre Abbauprodukte aufweisen.

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