Wie nachhaltiger Konsum Budget und Ressourcen schont

Das kostet nicht die Welt

Ressourcen schonen, Bio kaufen, umweltbewusst leben: klingt ideal – und kostspielig. Doch kann nachhaltiger Konsum auch preiswert sein? Ja, kann er – etwa mit Foodsharing.

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Auf einem Tisch stapelt sich ein Häuflein Backwaren, daneben liegen Broccoli, Blumenkohl, Weintrauben und abgepackter Salat. Die Auswahl an Lebensmitteln ist groß; dadurch wirkt die Bar in einem Hamburger Studentenwohnheim ein bisschen wie ein Supermarkt. Ein sehr unkonventioneller allerdings, denn es gibt keine gut sortierten Regale, keine Einkaufswagen und auch keine Kasse. Überall im Raum verteilt eine kleine Gruppe von Freiwilligen Nahrungsmittel: auf einer Tischreihe in der Mitte der Bar, auf der Theke und den schmalen Brettern am Rand des Raumes, wo normalerweise Bierflaschen und Cocktails abgestellt werden. Ein System gibt es nicht, die unterschiedlichsten Lebensmittel liegen wild durchmischt auf den Flächen, in der Ecke steht sogar eine Packung Katzenfutter.

Tatsächlich verstehen die Organisatoren ihre wöchentliche Veranstaltung als Food Market. Es ist der wohl günstigste Lebensmittelmarkt in Hamburg, denn hier ist alles umsonst. Allerdings wären das Gemüse, das Obst, die Backwaren und all die anderen Produkte normalerweise bereits in einer Mülltonne oder auf dem Weg zur Biogasanlage. Doch das haben die sogenannten Foodsaver verhindert. Über foodsharing.de organisieren sie regelmäßige Abholungen von Lebensmitteln, die Supermärkte, Cafés oder Wochenmärkte nicht mehr verkaufen können oder wollen. Die verteilen sie dann weiter über stationäre „Fair-Teiler“: öffentlich zugängliche Kühlschränke oder Regale. Oder eben bei regelmäßigen Verteilaktionen wie der im Hamburger Studentenwohnheim. Und auch Privatpersonen können über die Webseite virtuelle Essenskörbe mit überschüssigem Gartenobst oder Übriggebliebenem von der Familienfeier anlegen, die Interessierte nach Terminvereinbarung abholen.

Verwerten statt Verschwenden

Die Initiative der Lebensmittelretter existiert seit 2012 und setzt an einem immensen Verschwendungsproblem an. Weltweit wird jedes dritte Lebensmittel für den Müll produziert. In Deutschland landen laut dem WWF jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen Nahrung im Abfall, sei es bei der Ernte, der Verarbeitung, im Handel oder beim Endverbraucher. Zehn Millionen Tonnen davon sind vermeidbar. Potenzial dafür sieht die Organisation unter anderem beim Groß- und Einzelhandel: Zum Beispiel, wenn dessen Produkte, die den hohen Ansprüchen der zahlenden Kunden nicht mehr genügen, weiterverteilt werden – etwa über die Foodsaver.

Der ein oder andere Broccoli in der Hamburger Studentenbar hat ein paar gelbliche Flecken, viele Lebensmittel haben das Mindesthaltbarkeitsdatum vor kurzem erreicht. Sie sind jedoch uneingeschränkt verwertbar, und appetitlich sehen sie allemal aus. Das finden auch die knapp 30 Menschen, die sich um die Tische verteilt haben, unter ihnen viele Studierende aus dem Wohnheim, aber auch junge und ältere Berufstätige. Innerhalb weniger Minuten stecken alle Nahrungsmittel in ihren mitgebrachten Taschen – und nicht wie ursprünglich vorgesehen in der Mülltonne.

Wegwerfen belastet Haushaltskasse und Umwelt

So wie die Lebensmittelretter kann jeder einzelne gegen das Verschwendungsproblem angehen – auch bei sich zu Hause. Denn 7,2 Millionen Tonnen der jährlichen Lebensmittelabfälle in Deutschland stammen aus Privathaushalten. Das ist nicht nur aus ethischen, sondern auch aus Umweltschutzgründen bedenklich. Anbau, Transport und Verarbeitung von Lebensmitteln produzieren Klimagase, Pestizide und Mineraldünger schaden der Umwelt. Zudem belastet die Verschwendung aber auch die Haushaltskasse. Im Schnitt ergeben sich laut Verbraucherministerium Mehrausgaben von 235 Euro pro Person und Jahr für Lebensmittel, die bezahlt und dann weggeworfen werden. Um das zu vermeiden, helfen gut geplante kleinere Einkäufe und eine korrekte Lagerung der Nahrungsmittel. Das erspart unnötige Belastungen des eigenen Budgets und der Umwelt.

Noch billiger und umweltschonender geht es durchs Lebensmittelteilen: Das spart gleich ganz das Geld für den Einkauf. „Seit acht Monaten habe ich keinen Cent mehr für Lebensmittel ausgegeben“, sagt eine Retterin des Wohnheim-Teams. Doch was ist mit der Nahrungsmittelvielfalt? Droht hier nicht die Gefahr der Mangelernährung? Sie lacht: „Ich habe noch nie so gut gegessen!“ Schließlich erhalten die Foodsaver hochwertige Lebensmittel aus verschiedensten Quellen, darunter auch teure Bio-Märkte. „Das hätte ich mir früher nicht leisten können“, sagt sie. „Man ist immer wieder überrascht“, ergänzt ihr Kollege. „Manchmal gibt es Schokoladensorten, die man sich nie kaufen würde, oder abgefahrene Früchte, die man noch nie gegessen hat.“

Jeder Einkauf zählt

Hochwertiges aus nachhaltiger Produktion wie Bio-zertifizierte, regionale und saisonale Lebensmittel sollte bei jedem Einkauf erste Wahl sein: Schließlich macht die Ernährung beim Privatkonsum ein Drittel der Treibhausgas-Emissionen aus. Die Entscheidung für bestimmte Produkte wirkt sich also stark auf den ökologischen Fußabdruck jedes Einzelnen aus; ökologische Ernährungsgewohnheiten sind deshalb wichtig für einen nachhaltigen Lebensstil.

Viele Gründe sprechen zudem dafür, weniger Fleisch zu essen. Der durchschnittliche Konsum von Fleisch- und Wurstwaren in Deutschland liegt bei etwa 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Das ist mehr als doppelt so viel wie die von der internationalen Krebsforschungsorganisation empfohlene Menge von 25 Kilo. Hinzu kommt, dass Tierhaltung weit mehr Ressourcen beansprucht als der Anbau pflanzlicher Nahrungsmittel. Wenn es dann aber doch gelegentlich ein Stück Fleisch sein soll, ist es auch da sinnvoll, sich für Bioprodukte zu entscheiden. Damit wird eine umweltschonende und tiergerechte Landwirtschaft gefördert.

Hier kommen allerdings wieder die Kosten ins Spiel: Ein Kilo Hähnchenschenkel einer Supermarkt-Eigenmarke kostet etwa 2,50 Euro. Möchte der Kunde das gleiche Produkt in Bio-Qualität, bezahlt er das Fünffache, nämlich fast 13 Euro. Auch bei Schweine- und Rindfleisch ist das Bio-Äquivalent um ein Vielfaches teurer. 

Billigprodukte sind am Ende teurer

Allerdings sollte man sich von den günstigen Preisen konventioneller Lebensmittel nicht täuschen lassen. „Das Preisschild im Supermarkt verrät nichts über die wahren Kosten agrarindustrieller Billigproduktion“, erklärt Dirk Zimmermann, Agrarbiologe und Greenpeace-Experte für Landwirtschaft. „Trinkwasseraufbereitung, Klimawandel und der Kampf gegen multiresistente Keime kosten Millionen. Der Rückgang der Artenvielfalt ist praktisch gar nicht mit Geld bewertbar oder rückgängig zu machen. Die Leistungen des ökologischen Landbaus für Gewässer-, Klima- und Artenschutz hingegen machen biologisch erzeugte Lebensmittel letztlich im wahrsten Sinne des Wortes preiswert.“ In der Summe sind konventionelle Produkte also nur scheinbar billig. Für die sogenannten externen Kosten kommen am Ende die Gesellschaft und der Steuerzahler auf.

Wie man die privaten Mehrausgaben für Bio-Produkte teilweise auffangen kann, zeigt eine Studie des Öko-Instituts. Wer sich nach den Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Ernährung richtet und 70 Prozent weniger Fleisch isst als der durchschnittliche Deutsche, verursacht zum einen bis zu 13 Prozent weniger Treibhausgase im Vergleich zur konventionellen Ernährung mit viel Fleisch. Zum anderen fällt die Umstellung auf nachhaltige Produkte dann auch finanziell leichter: Die fleischarme Biokost kostet im Durchschnitt monatlich nur etwa sieben Euro mehr. 

Überlegter Konsum spart Geld

Neben der Ernährung gibt es aber auch in anderen Bereichen einfache Möglichkeiten, bewusst zu handeln. Schließlich bedeutet nachhaltig leben generell, unnötigen Konsum zu vermeiden – auch, wenn es etwa um Kleidung und Elektronik geht. Das muss nicht unbedingt mit Monotonie verbunden sein. „Wir sollten kreativer mit unserem Wunsch nach Veränderung umgehen und tauschen, teilen und leihen“, sagt Kirsten Brodde, Expertin für Textilien bei Greenpeace. Inspirationen für nachhaltige Mode, von Second-Hand-Läden bis Repair-Cafés, finden sich zum Beispiel in der Detox-Karte von Greenpeace.

Aber auch an vielen anderen Stellen des Lebens wird oft mehr konsumiert, als wirklich notwendig ist. Kann etwa das zersplitterte Display des ein Jahr alten Smartphones repariert werden, bevor es einfach weggeworfen wird? Ist ein eigenes Auto in einer Großstadt mit gut ausgebautem öffentlichem Nahverkehr überhaupt nötig? Wer aufmerksam prüft wird feststellen: Nachhaltiges Handeln spart meist ganz nebenbei Geld. Und wer nicht unnötig konsumiert, schränkt seine Ausgaben automatisch ein.

Es lohnt sich also, flexibel zu sein und Alternativen zu kombinieren. Das Geld, das eine auf einer Kleidertauschparty oder von der Freundin ertauschte Hose einspart, lässt sich etwa bei der nächsten Shoppingtour in eine Öko-Jeans investieren. Oder vielleicht ersetzt die Teilnahme am Foodsharing einen Lebensmitteleinkauf. Das schafft beim nächsten Gang in den Supermarkt finanziellen Spielraum für hochwertige und nachhaltige Bio-Ware.

Foodsharing, Kleidertausch, neue Wege durch die Stadt: Was zunächst nach Mehraufwand klingt, macht auch viel Spaß. Der Initiator der Wohnheim-Verteilung ist nach unzähligen Veranstaltungen noch immer motiviert. „Jede Abholung schont Ressourcen“, sagt er. „Die Lebensmittel dann noch mit anderen Menschen zu teilen und später zu essen, ist einfach eine riesige Genugtuung. Das fühlt sich wie etwas wirklich Gutes an, ein kleiner Beitrag.“ In der Summe haben viele kleine Beiträge eine große Wirkung; es liegt an jedem Einzelnen, den Alltag ein winziges Bisschen nachhaltiger zu gestalten. Und das kostet tatsächlich nicht die Welt.

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