
Entdeckern und Eroberern hat es die Antarktis nie leicht gemacht, sich ihr zu nähern oder dort zu überleben. Und sie tat gut daran. Die letzten Jahrhunderte hat es immer wieder Seefahrer, Jäger, Forscher und Wissenschaftler an die Schelfküste gezogen, die die Antarktis für ihre Zwecke nutzen wollten und dabei der überaus verletzlichen Natur Schaden zugefügt.
Die Antarktis ist ein Kontinent der Extreme. Auf dem Festland türmen sich die Eismassen bis 2300 Meter hoch, in denen zwei Drittel der Süßwasservorräte der Erde gebunden sind. Im antarktischen Winter, von Dezember bis März, bilden sich Packeisflächen und Seen voller Eisschollen. Die inselgroßen Tafeleisberge kalben riesige Gletscher, die mit Getöse ins Meer stürzen und sich dann in Silber-, Grün- und Blautönen schimmernd und oft zu bizarren Türmen und Spitzen geformt auf den Weg nach Norden machen.
Es ist sehr trocken dort. Im Jahresdurchschnitt fällt gerade einmal 50 Millimeter Niederschlag, soviel wie in der Sahara. Und es ist extrem kalt. An der russischen Antarktis-Station Vostok, schon Hunderte von Kilometern im Inneren des Kontinents, wurde der Kälterekord von fast minus 90 Grad gemessen. Es ist extrem windig. Windgeschwindigkeiten von 300 km/h sind keine Seltenheit.
Erst 1911 stand der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch am geographischen Südpol. Dort herrscht im Winter, vom 21.März bis 23.September, die ewige Nacht und im Sommer, vom 23.September bis 21.März, bleibt es weitestgehend hell.
Die Antarktis umfasst den Kontinent Antarktika, mit 14 Millionen Quadratkilometer größer als die USA und Mexiko zusammen, sowie das Südpolarmeer mit einigen Inseln. Nähert man sich der Antarktis per Schiff, so ist der Temperaturwechsel deutlich zu spüren. Dort, wo zwischen 50. und 60. Breitengrad das kalte Polarwasser unter das warme nördliche Wasser sinkt, befindet sich die biologische Grenze zur Antarktis, die sogenannte "Antarktische Konvergenz". Von hier wird nährstoffreiches Wasser bis in Äquatornähe transportiert, eine wichtige Grundlage für das reiche Leben in tropischen Gefilden.
Wegen der rauen Lebensbedingungen bieten die eisigen Meere rund um den Pol eine relativ geringe Artenvielfalt, mit einer großen Zahl von Individuen (umgekehrt z.B. zum tropischen Regenwald, wo unzählige Arten vorkommen, die einzelne Art häufig aber nur mit ganz kleiner, lokaler Verbreitung). Viele der höherentwickelten Tiere leben vom Krill, einer etwa sieben Zentimeter langen Garnelenart. Der Krill ist ein zentraler Baustein im Nahrungsnetz der Antarktis, ohne den viele andere keine Überlebenschance hätten. Milliarden Krilltiere bilden bei Tageslicht rote Flecken und grün funkelnde Seen bei Nacht.
In der Antarktis leben sieben Pinguinarten. Diese flugunfähigen Vögel sind im Meer in ihrem Element und fliegen mit einer Geschwindigkeit von bis 25 Kilometer pro Stunde durch das Wasser, wenn sie nach Krill und Fisch jagen. Es gibt sechs Robbenarten, einschließlich des bis zu vier Tonnen schweren Seelefanten. Neben den Pinguinen sind andere Seevögel, die meisten Robben, aber auch Wale und Fische auf den Krill angewiesen.
Im antarktischen Sommer, wenn die Sonne nicht untergeht, vermehren sich Algen und das Zooplankton relativ schnell. Sie sind der Anfang der Nahrungskette und damit wichtig für alle, die sich die Speckvorräte für den langen Winter anfressen müssen.
Was muss sich den ersten Robben- und Walfängern für ein Bild geboten haben, als sie im 18. und 19. Jahrhundert im Südpolarmeer am Ufer anlegten. Albatrosse und Sturmvögel umkreisten die Schiffe, Hunderttausende von Pelzrobben drängelten sich auf den Felsen, gänzlich ohne Menschenscheu, riesige Pinguin-Kolonien watschelten im Einheitsmarsch zur Jagd ins Meer, Blauwale und Schulen von Schwertwalen tauchten majestätisch zwischen den Eisbergen auf.
Doch wie so oft hatten die Menschen kaum ein Auge für die Schönheit der Natur, sondern sahen hauptsächlich ihren kurzfristigen Profit durch die Massenabschlachtungen von Robben, Walen und Pinguinen.
Joseph Hatch beschreibt 1919 diese Nutzung: Die Pinguine wurden wie Schafe eine Rampe heraufgetrieben, die am Ende über die offene Tür eines Dampfkochers führte. Mit einem Hieb und einem Fußtritt wurden die Tiere in den Kocher geschickt, das war das letzte, was man von ihnen sah
. Die Pinguine wurden gekocht, um ihr Körperfett zum Beispiel zu Lampenöl zu verarbeiten.
Heute lässt man Pinguine und Meeressäuger weitestgehend in Ruhe. Die Robben wurden südlich des 60. Breitengrades 1972 fast völlig unter Schutz gestellt, das Moratorium gegen die kommerzielle Waljagd trat 1986 in Kraft und seit 1994 ist das Meer um die Antarktis zusätzlich zum internationalen Walschutzgebiet erklärt worden.
Mit wachsendem Hunger der Industriegesellschaft nach Rohstoffen hatten es die reichen Länder seit den fünfziger Jahren auf die Bodenschätze der Antarktis abgesehen, auf Kohle, Öl, Gas, Platin und Gold. Doch ein industrieller Rohstoffabbau auf dem eisigen Kontinent oder in dessen Schelfgebieten hätte möglicherweise weitreichende Folgen für das ganze Ökosystem gehabt. Denn durch die Kälte sind alle Lebensfunktionen stark verlangsamt. Ein Fußabdruck im Moos ist auch nach 50 Jahren noch zu sehen, Chemieunfälle oder Ölverschmutzungen hätten vor Ort auf Jahrhunderte große Schäden verursachen können.
Selbst globale Auswirkungen waren zu befürchten. Eine verringerte Reflexion der Sonneneinstrahlung durch Staubverschmutzung auf der reinen Eisoberfläche hätte ein schnelleres Abschmelzen der riesigen Eismassen und somit einen Anstieg des Meeresspiegels führen können. Die großangelegte, erfolgreiche Greenpeace-Kampagne "Weltpark Antarktis" von 1984 bis 1998 hat dazu geführt, dass die Antarktis nicht mehr als auszubeutendes Rohstofflager angesehen wird, sondern als Region, die in ihrem fast unberührten Zustand zu erhalten und zu schützen ist.
Trotzdem ist der Schutz des Eiskontinents nicht gesichert. Die Ausmaße des Ozonlochs über der Antarktis nehmen immer noch zu. Obwohl die ozonzerstörenden Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs u.ä.) inzwischen weitgehend verboten sind, wird es noch einige Jahre dauern, bis die größte Ausdehnung des Ozonlochs erreicht ist. Wissenschaftler befürchten, dass der wesentliche Baustein des Nahrungsnetzes
, das Meeresplankton einschließlich des Krills, durch die erhöhte UV-Strahlung Schaden nimmt. Wale könnten regelrecht durch Sonnenbrand geschädigt werden. Auch untersuchen Wissenschaftler bereits, ob ein zur Zeit beobachtetes schnelleres Abschmelzen der antarktischen Eiskappe durch den weltweiten Klimawandel hervorgerufen ist.
Die West-Antarktis scheint immer brüchiger zu werden. Eisberge von der Größe des Saarlandes oder größer sind im letzten antarktischen Sommer vom Küstensockel-Eis abgebrochen, sogar mitsamt Forschungsstationen. Der Verlust der Eismenge liegt heute in der Antarktis drei- bis fünfmal über dem jährlichen Zuwachs an Eis durch die wenigen Niederschläge.
Hinzu kommt nun die Plünderung des Südpolarmeeres durch große Industriefangschiffe. Das Ende der kommerziellen Waljagd, seit 1986 weltweit gültig, wird von der japanischen Fangflotte einfach ignoriert. Mitten im Walschutzgebiet südlich des 40. Breitengrades, töten sie Minkewale angeblich für wissenschaftliche Zwecke
. Bis zu 440 Minkewale fallen so jedes Jahr den illegalen Harpunen zum Opfer, deren Fleisch für ca. 50 Millionen US-Dollar auf dem japanischen Markt verkauft wird.
Aber auch Fischer plündern das antarktische Meer. Seit die Meere im Norden leergefischt sind, machen die hochmodernen Fisch-Fangflotten im Südpolarmeer Beute. Es besteht die Gefahr, dass sie eine Fischart nach der anderen ausrotten und dadurch auch einigen Walarten die Nahrungsgrundlage entziehen
Wenn in den nächsten Jahren nichts geschieht, wird das Südpolarmeer regelrecht ausgeplündert. Noch gibt es offensichtlich nicht genügend Einsicht, dass diese Wilderei ein Verbrechen in einem der letzten Naturparadiese der Welt ist.