
Jörg Feddern, Ölexperte bei Greenpeace, kann es kaum fassen: BP zieht keine Konsequenzen aus der Katastrophe im Golf. Sie dringen weiter in die Tiefsee vor, als wäre nichts geschehen
. Er unterstützt den ehrenamtlichen Protest der Aktivisten an der Hamburger Aral-Tankstelle. In Deutschland bedient BP mit knapp 2400 blauen Tankstellen einen Marktanteil von rund 23 Prozent. Auch in Berlin, München, Köln und Essen fordern Greenpeace-Gruppen mit Bannern einen Stopp der Ölbohrungen in der Tiefsee und informieren Passanten über die Verantwortung der Ölindustrie.
Den Auftakt machte Greenpeace zwei Tage zuvor vor den Deutschlandzentralen von BP, Shell und ESSO und forderte eine Stellungnahme zu den Tiefseeplänen der Ölmultis ein. Die Proteste verleihen damit einem offenen Brief von Greenpeace an die deutsche Mineralölindustrie Nachdruck. Aral und die Mutter BP Deutschland halten sich allerdings bedeckt. Weniger Hemmungen zeigt Shell-Chef Peter Voser: Er gab kürzlich unumwunden zu, dass sein Konzern das Tiefseegeschäft ausbauen wird.
Die Katastrophe der havarierten Plattform Deepwater Horizon zeigt, dass die Ölkonzerne keine funktionierenden Notfallpläne für Tiefseebohrungen vorweisen können. Bei Tiefen ab 200 Metern ist es fast unmöglich, menschliche Taucher einzusetzen, um auftretende technische Probleme zu beheben. Ein neues Greenpeace-Factsheet dokumentiert die gescheiterten Versuche von BP und Co., Herr der Lage zu werden, und informiert über die ökologischen Konsequenzen der handgemachten Ölpest im Golf.
Täglich schnellen die Zahlen in die Höhe: Angesichts der Menge des sprudelnden Öls ist die Dimension des Unglücks kaum noch greifbar. Zum Vergleich: Seit dem 20. April sind im Golf von Mexiko nach offiziellen Angaben zwischen 160.000 und 500.000 Tonnen Öl ausgetreten. Das Tankerunglück der Exxon Valdez 1989 in Alaska – auf Platz 2 der schwerwiegendsten US-amerikanischen Ölkatastrophen – kommt auf „nur“ 40.000 Tonnen! Simulationen im Internet zeigen: Übertrüge man den Ölteppich vom Golf auf eine europäische Landkarte, so würde er vom französischen Nancy quer durch Deutschland bis ins tschechische Prag reichen.
Greenpeace fordert die Geschäftsführungen und Vorstände der deutschen Mineralöl-Firmen auf, ihren Einfluss bei den Mutterkonzernen geltend zu machen. Alle an der Ölförderung beteiligten Unternehmen müssen auf Ölförderung in der Tiefsee verzichten und einen Wechsel weg von den fossilen und hin zu den erneuerbaren Energieträgern einleiten. Wer diese Forderung unterstützen möchte, kann sich vom 02. Juli bis zum 30. November 2010 an einer Online-Petition beteiligen oder selbst Unterschriften für einen Stopp der Tiefseebohrungen sammeln.