
Trotz scharfer Beobachtung seitens des dänischen Marineschiffs HDMS Vaedderen und zahlreichen Polizeibooten konnten die Aktivisten heute morgen um 7.44 Uhr Ortszeit die Bohrinsel erklettern. Dort installierten sie ihre Zelte, die nun an Seilen rund 15 Meter über der eisigen See hängen. Die Kletterer haben genügend Vorräte, um mehrere Tage auf der Bohrinsel zu verharren. Ziel ist es, die riskanten Tiefseebohrungen von Cairn Energy zu unterbrechen und zum Abbruch zu bewegen. Im sogenannten Iceberg Alley (Eisberg-Passage) beobachtet Greenpeace seit neun Tagen die riskanten Probebohrungen der Bohrinsel Stena Don und des Bohrschiffs Stena Forth.

Cairn Energy hatte am 24. August bekannt gegeben, noch kein Öl, sondern lediglich Erdgas gefunden zu haben. Die kleine britische Firma bohrt mit Lizenzen der grönländischen Regierung seit Juli 2010 vor der Westküste Grönlands. Weitere Probebohrungen sind bis Ende Oktober westlich der Diskobucht geplant. Dann ist allerdings erst einmal Schluss, denn der arktische Winter verhindert weitere Bohrungen – und jegliche Aufräumarbeiten im Falle eines Unfalls. Einen Notfallplan hält Cairn Energy der Öffentlichkeit vor. Die kleine Firma verfügt im Falle eines Ölunfalls gerade einmal über 14 Schiffe, die das Öl auffangen könnten und kaum über finanzielle Mittel, die möglichen Folgen zu tragen.
Der Gefahr eines Unfalls droht den Probebohrungen von Cairn Energy täglich: Greenpeace-Fotos dokumentieren das Risiko durch treibende Eisberge. Spezialboote müssen rund um die Plattform kreisen und täglich mehrere Eisberge von den Bohrplätzen wegschleppen oder mit einem Hochdruckstrahl abschmelzen. Bleibt die Frage, was passiert, wenn mehr Eisberge auf die Probebohrungen zutreiben als die wenigen Schiffe bewältigen können? Schnelle Hilfe wäre kaum in Sicht.

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko scheint in der Ölindustrie keinen Lerneffekt ausgelöst zu haben. Während die Ölvorräte in Küstennähe langsam zu Neige gehen, strömen die Ölfirmen auf der Suche nach dem schwarzen Gold in die tiefen Gewässer der Arktis. Auch Exxon und Chevron haben sich bereits die begehrten Bohrlizenzen gesichert.
Die Ausbeutung der Tiefsee geschieht hier in skrupelloser Wildwestmanier
, sagt Christoph Lieven, Öl-Experte bei Greenpeace Deutschland. Ohne Bohr-Erfahrungen in arktischen Gewässern wird hier im Meeresboden herumgestochert. Für mögliche Unfälle ist keine ausreichende Vorsorge getroffen worden. Notfallpläne, sofern sie existieren, werden von der Öl-Firma geheim gehalten.
Greenpeace fordert seit Jahren ausreichenden Schutz für die Arktis. Chronische Meeresverschmutzungen sind bereits durch den alltäglichen Förderbetrieb und kleinere Unfälle die traurige Regel. Gründe zur Sorge um die ökologisch hoch sensible Arktis gibt es reichlich
, sagt Lieven:
Christoph von Lieven betont: Grönlands Ureinwohner, die Inuit, befürchten die Zerstörung ihrer traditionellen Fischgründe. Die Ölbohrungen bedrohen zudem den Lebensraum von Blauwalen und Narwalen, Polarbären, Robben und Zugvögeln. Dass die grönländische und dänische Regierung diese Bohrungen überhaupt genehmigt hat, ist ein Skandal.
Greenpeace fordert den Ausstieg aus den Tiefseebohrungen und eine weltweite Energiewende hin zu Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Das englische Motto der Kampagne lautet Beyond Oil
- Zeit, die Abhängigkeit vom Öl zu beenden!