Notfallplan löchrig wie Käse

Gazproms Notfallplan für die Ölplattform Prirazlomnaya hat große Sicherheitslücken. Auch ein detaillierter Plan für den Fall eines Ölunfalls fehlt.

 

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Seit Ende 2013 fördert der russische Öl- und Gaskonzern Gazprom auf der Ölplattform Prirazlomnaya  Öl aus arktischen Gewässern. Ein immenses Risiko für das Ökosystem Arktis: Im Falle eines Unfalls würden Tonnen von Öl ins Meer gelangen. Die jetzt vom Unternehmen veröffentlichte Zusammenfassung des Notfallplans gibt weiteren Anlass zur Beunruhigung: Der Plan enthält zahlreiche Sicherheitslücken. Die Gazprom-Tochter Neft Shelf, die Betreiberin der Plattform,  weigert sich derzeit, den gesamten Bericht zu veröffentlichen. Wichtige Informationen fehlen, so dass die Sicherheitslücken noch größer sein könnten als jetzt bekannt.

Die russische Gesetzgebung verlangt von Unternehmen, dass diese auf Ölunfälle reagieren können, bei denen bis zu 5000 Tonnen Öl freigesetzt werden. Trotzdem hat Gazprom keinen detaillierten Notfallplan für einen solchen Unfall. Dabei wäre ein weitaus größerer Ölunfall durchaus denkbar. Denn nach der Förderung auf der Prirazlomnaya wird das Öl auf ein Tankschiff verladen, bevor es weitertransportiert werden kann. Würde ein solcher Tanker verunglücken, könnten bis zu 10.000 Tonnen Öl ins Meer gelangen.

Ausrüstung komplett veraltet

Gazprom besitzt nach eigener Aussage 800 Meter Ölsperren vor Ort und lagert weitere 400 Meter an der Küste von Varandey. Für die Eindämmung eines Ölunfalls, bei dem 10.000 Tonnen Öl auslaufen, wären aber mindestens 1700 Meter Ölsperren notwendig.

Auch das Notfallequipment, um das Öl an der Küste von Hand zu entfernen, reicht längst nicht aus. In dem Plan von Gazprom sind fünfzehn Schaufeln, fünfzehn Eimer, drei Äxte und ein Vorschlaghammer indexiert, mit denen dutzende Kilometer verschmutzter Küste zu reinigen wären. Für die Arbeit sind nur fünfzehn Mitarbeiter vorgesehen. Diese Zahl geht aus der Anzahl der zur Verfügung gestellten Arbeitsanzüge hervor.

Selbst das Wetter wird schön geredet

Bei starkem Sturm und Dunkelheit wäre der Transport von zusätzlicher Ausrüstung allenfalls noch über Hubschrauber möglich. Eisbrecher könnten nicht wirksam arbeiten. Auch die Effektivität von Ölsperren wird deutlich überschätzt. Laut Plan wären 1200 Meter Ölsperren nötig, um die Ausbreitung von 1500 Tonnen ausgelaufenem Öl zu verhindern. Eine Beseitigung dieser Menge Öl dauert über sechzehn Stunden. Frühere Ölunfälle zeigen deutlich, dass in den meisten Fällen der Einsatz von Ölsperren, wegen rauer See und zu starker Strömung, unmöglich war. Die kanadische Energiebehörde National Energy Board (NBE) geht sogar so weit, dass sie eine Säuberung unter den eisigen  Bedingungen der Beaufortsee vor der Küste Alaskas zwischen November und Mai für unmöglich erklärt. Dort herrschen ähnliche Bedingungen wie in der Petschorasee, in der sich die Gazprom-Bohrinsel befindet.

Mechanische Säuberung wird überschätzt

Nach Schätzungen von Gazprom sind Ölsauger (sogenannte „Skimmer“) zu beinahe 100 Prozent effizient. Doch in der Realität hat sich bereits gezeigt, dass mechanische Säuberungsmethoden auf offener See nahezu unwirksam sind und sich mit ihnen nur wenige Prozent Öl bergen lassen. Im Fall der „Deepwater Horizon“ konnten gerade drei Prozent des ausgelaufenen Öls von der Meeresoberfläche entfernt werden. Dazu kommt, dass es bislang nur einen einzigen Säuberungseinsatz unter eisigen Bedingungen gegeben hat – anlässlich des auf Grund gelaufenen Containerschiffs „Godafoss“ im Februar 2011. Dabei konnten weniger als 50 Prozent des Öls beseitigt werden.

Ein Nullsummenspiel im arktischen Eis

Ist bereits Öl unter das Eis gelaufen, sieht der Gazprom-Notfallplan das Verbrennen des Öls vor. Das Problem dabei:  Hat das Rohöl sich erst einmal mit Wasser vermischt, ist es nur sehr schwer zu entzünden. Außerdem würde durch die Ölverbrennung viel Ruß ausgestoßen. Dieser würde sich auf der arktischen Eisdecke festsetzen. Bei Sonneneinstrahlung würde die dunkle Fläche mehr Sonnenstrahlen aufnehmen und entsprechend schneller schmelzen. Dadurch würde sich die durch den Klimawandel bedingte Eisschmelze noch beschleunigen.

Weder Arktisschutz noch Arbeitsschutz

Ein besonders wichtiger, aber weitgehend unbeachteter Punkt sind die harten Arbeitsbedingungen, denen die Mitarbeiter während eines Ölunfalls ausgesetzt wären – die ohnehin schwierigen Aufräumarbeiten würden durch Eis und  absolute Dunkelheit weiter erschwert werden.

Die Zusammenfassung des Berichts macht einmal mehr deutlich, dass  Gazprom auf einen Ölunfall in der Arktis nicht vorbereitet ist. Auf Kosten der Sicherheit schätzt der Konzern Risiken falsch ein und nimmt die Möglichkeit einer Katastrophe im sensiblen Ökosystem der Arktis fahrlässig in Kauf.
 

 

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