
Die Praxis des Stimmenkaufs - Entwicklungshilfe wird an einen IWC-Beitritt und die Unterstützung japanischer Interessen geknüpft - ist kein Einzelfall. So wurden laut Angaben des japanischen Auswärtigen Amtes 4,262 Millionen Euro Entwicklungshilfegelder in die kleine Ökonomie von Saint Kitts und Nevis, einer Karibikinsel mit wenigen zehntausend Einwohnern investiert. Eigentlich begrüßenswert, wäre nicht der Preis für die als Förderung kleinskaliger Fischerei bezeichneten Zuwendungen, nämlich die Stimmenabgabe im Sinne Japans auf den Tagungen der IWC.
Kurz vor Beginn der Tagung 2006 erhielten zudem Kambodscha, die Marschallinseln und Guatemala die Stimmberechtigung. Während die ersten beiden durchweg mit Japan stimmten, blieb Guatemala der Versammlung nach Protesten seiner Bevölkerung und Umweltorganisationen wie Greenpeace fern.

Die Entwicklungen im internationalen Völkerrecht haben den Meeressäugern (und speziell den Walen) eine besondere Bedeutung gegeben. Die IWC wurde von den Vereinten Nationen dabei als die kompetente Organisation für den Schutz und das Management von Großwalen festgeschrieben. Andere internationale Konventionen richten ihre Entscheidungen nach den Beschlüssen der IWC aus.
Die Internationale Walfangkommission gründete sich 1946. Ein Absatz im Konventionstext zur Regulierung des Walfangs ist Artikel 8 - eine Klausel, die den Walfang zu wissenschaftlichen Zwecken gestattet und die auch die Vermarktung des dabei anfallenden Fleisches erlaubt.
1946 war die Wissenschaft - anders als heute - noch nicht in der Lage, viele wichtige Aspekte an lebenden Tieren zu erforschen. In den Anfangsjahrzehnten resultierten die Regulationen der IWC nicht aus einem Schutzbedürfnis für die Wale, vielmehr wurde mit der maximalen Ausbeutung der Walbestände fortgefahren. Im 20. Jahrhundert töteten Waljäger insgesamt mehr als 2,7 Millionen Großwale. Ein maßloser Raubbau, von dem sich die meisten Arten bis heute nicht erholen konnten.
Ein Beispiel ist der Blauwal, das größte Tier unseres Planeten. Er ist größer als jeder Dinosaurier, wird bis zu 180 Tonnen schwer und erreicht eine Länge von bis zu 30 Metern. Von geschätzten 311.000 Blauwalen auf der südlichen Hemisphäre sind heute weniger als 1.000 Individuen übrig. 1979 rief die IWC das Schutzgebiet im Indischen Ozean aus, um wichtige Wanderungskorridore und vor allem die wenigen verbliebenen Blauwale zu schützen.

Ein anderes besonders tragisches Beispiel: der nordwestpazifische Grauwal. Rund 100 Tiere existieren derzeit noch in diesen Gewässern. Die Öl- und Gasindustrie, aber vor allem auch japanische Stellnetze setzen jedoch den Letzten ihrer Art zu. Japan wurde von der IWC befragt, wie man dem drohenden Aussterben der Grauwale an den Küsten begegne. Die Antwort lautete, die Fischer seien angewiesen worden, die Wale aus den Netzen zu entlassen. Das ist unrealistisch: Stellnetze heißen so, weil man sie über lange Zeiträume (mehrere Stunden bis Tage) sich selbst überlässt. Wale, die sich darin verfangen, ertrinken jämmerlich.
Erst 1961 analysierte eine Expertengruppe für die IWC die Walbestände in den antarktischen Meeren. Das Ergebnis führte zu einem Totalschutz der verbliebenen Buckelwale südlich des Äquators und der Blauwale südlich des 40. Breitengrades. Auch Finnwale wurden von der IWC 1988 noch einmal gesondert unter Schutz gestellt. Das Südpolarmeer ist seit 1994 Walschutzgebiet. Trotzdem jagen die Japaner dort - unter dem Deckmantel eben jenes Artikel 8, der den Fang zu wissenschaftlichen Zwecken erlaubt.
1972 forderte die UN-Konferenz für Mensch und Umwelt in Stockholm fast einstimmig ein zehnjähriges Verbot des kommerziellen Walfangs (Moratorium). Greenpeace-Aktivisten begaben sich 1975 erstmals zwischen die Harpunen der Jäger und die Wale.

Schon 2005 waren die Greenpeace-Schiffe Esperanza und Arctic Sunrise im Südpolarmeer unterwegs und spürten die japanische Flotte auf. Mindestens 82 Zwergwalen konnte damals das Leben gerettet werden. Und auch Jahr 2006 war Greenpeace zur Stelle, als das japanische Fabrikschiff Nisshin Maru in Brand geriet. Die Aktivisten sicherten die empfindliche antarktische Natur und boten der Besatzung des hilflos im Eismeer treibenden Schiffes ihre Hilfe an. Bei dem Brand kam ein japanischer Matrose ums Leben.
2008 verfolgte die Esperanza das Walfang-Fabrikschiff zwei Wochen lang. Kein einziger Wal wurde in dieser Zeit geschossen.

1986 trat das Moratorium in Kraft, das vorläufige Verbot des kommerziellen Walfangs. Bisher konnten sich die verschiedenen Walarten nicht entscheidend erholen, deshalb fordern die Walschutznationen ein langfristiges Verbot auf unbestimmte Zeit. Japan argumentiert, dass die bejagten Minkewale in ihren Beständen nicht gefährdet seien. Minkewale sind die kleinsten Großwale und wurden deshalb in der Vergangenheit am wenigsten bejagt. 2006 korrigierte die IWC die ursprünglich verwendete Zahl der Bestandsgröße von Minkewalen im antarktischen Raum von 761.000 auf 312.000 Tiere.
Auf den Tagungen der IWC wurden mehrfach mit erheblicher Mehrheit eine Resolutionen verabschiedet, die das japanische Wissenschaftsprogramm verurteilten und die Regierung aufforderten, die Weiterführung der tödlichen Untersuchung zu stoppen. Es wird darauf hingewiesen, dass keines der Ziele des ersten Forschungsprogrammes erreicht wurde und dass es mittlerweile zur Beantwortung aller wissenschaftlichen Fragen nicht-tödliche Untersuchungsmethoden gibt. Das Wissenschaftskomitee der IWC übte scharfe Kritik an der Absicht, auch Finn- und Buckelwale ins Visier der Harpunen nehmen zu wollen.

Nach neuesten Erkenntnissen konsumieren gerade mal fünf Prozent der japanischen Bevölkerung noch regelmäßig Walfleisch. Doch obwohl der Markt für Walfleisch im eigenen Land rückläufig ist, besteht Japan auf der eigenmächtigen Nutzung der lebendigen Meeresschätze. Japan, als ein von Wasser umgebener Inselstaat, sträubt sich in allen internationalen Völkerrechtsabkommen gegen ganzheitliche Bewirtschaftungsverfahren. Dies gilt für Fischereiabkommen genauso wie für internationale Konventionen zum Schutz und Erhalt der Artenvielfalt generell. Auch im internationalen Handel mit bedrohten Arten will sich Japan keinerlei Beschränkungen auferlegen lassen.
Die Weiterführung der Jagd muss inzwischen subventioniert werden. Durch den Druck von Greenpeace und Verbrauchern zog sich im März 2006 der Fischereikonzern Nissui, der bis dato ein Drittel der Aktien an der Walfangflotte Kyodo Senpaku hielt, aus dem unrühmlichen Geschäft mit Walprodukten zurück. Die anderen beiden Anteile haltenden Konzerne folgten. Damit stiegen die Kosten für das japanische Fischereiministerium enorm.
Die japanische Regierung muss praktisch für den kompletten Unterhalt der Flotte aufkommen und auch noch Gelder in die Werbung für Walfleisch investieren. Schulkinder werden beispielsweise mit kostenlosen Lunchboxen versorgt. Letztlich zahlen diese Gelder die Bürger mit ihren Steuern.
Harsche Kritik üben Wissenschaftler weltweit an der dürftigen Qualität der japanischen Forschungsergebnisse. Trotz eines Forschungszeitraums von 16 Jahren, in dem Tausende von Walen getötet wurden, sind Publikationen in entsprechenden Fachblättern rar. Die von der IWC als wichtig identifizierten Fragestellungen über die räumlichen und zeitlichen Änderungen der Bestandsstrukturen lassen sich viel besser über die geringfügige Gewebeentnahme an lebenden Tieren (Biopsie) erklären. Australien und andere Länder haben Japan schon mehrfach angeboten, ihr Wissen auf diesem Sektor kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Auch das Argument, dass Wale die Meere leer fräßen, wird Japan aller Wahrscheinlichkeit nach wieder auf die Tagesordnung der Welternährungsorganisation FAO bringen. Und das, obwohl sich die FAO zu diesem Thema bereits klar positioniert hat: Der Kollaps vieler Fischbestände lässt sich hauptsächlich auf die menschengemachte Überfischung zurückführen. 75 Prozent der weltweit kommerziell genutzten Fischbestände sind überfischt oder an der Grenze dazu. 90 Prozent der großen Jäger wie Schwert- und Thunfisch, aber auch Haie, sind bereits verschwunden.
Marine Säugetiere befinden sich im oberen Bereich des Nahrungsnetzes der Meere und spielen eine wichtige Rolle im Gesamtökosystem. Neben dem direkten Walfang werden die Bestände durch zahlreiche Umweltgefahren weiter dezimiert. Aus der Fischerei resultieren die größten Probleme. So ertrinken Jahr für Jahr über 300.000 Wale und Delfine in den Netzen der Weltfischerei.
Aus der weltweiten Fischerei resultiert zusätzlich Nahrungsmangel für die Wale. Umweltgifte sammeln sich in ihren Körpern und belasten ihre Gesundheit. Unterwasserlärm, allem voran die Verwendung des sogenannten Mittelfrequenzsonars durch das Militär führt zu Massenstrandungen.

Zwei weitere Nationen, Island und Norwegen, jagen offiziell weiter Großwale. Wie bei Japan handelt es sich um Länder, die nicht auf diese Proteinquelle angewiesen sind. Norwegen hat ein Veto gegen das Moratorium eingelegt, fühlt sich nicht daran gebunden und jagt in seiner 200-Seemeilen-Zone weiter.
Auch Island jagt weiterhin Zwerg- und Finnwale. Allerdings gibt es dort für das Fleisch der Tiere keinen großen Markt. Zwar hoffen die Isländer darauf, das Fleisch in Japan vermarkten zu können. Allerdings ist diese Möglichkeit sehr unwahrscheinlich. In einem Gespräch mit Greenpeace gab der japanische Hauptimporteur zu, dass der japanische Markt zusammengebrochen sei. Im Dezember 2009 lagen über 4.000 Tonnen Walfleisch ungenutzt in japanischen Kühlhäusern.
V.i.S.d.P. Thilo Maack
Stand: 01/2010