Umweltaktivisten säubern in 65 Städten Gewässerufer von Plastikmüll

Strand instand

Meeresschutz an Land: Am Wochenende sammeln und präsentieren Greenpeace-Aktivisten in ganz Deutschland Plastikmüll – gefunden an Ufern von Seen und Flüssen.

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Hier muss dringend mal aufgeräumt werden: An den Ufern vieler deutscher Seen und Flüsse häufen sich die Hinterlassenschaften gedankenloser Passanten und Naherholer – Verpackungsmüll, der die Landschaft verdreckt und zum Teil bis ins Meer gespült wird. Deshalb ruft Greenpeace deutschlandweit zur großen Müllsammelaktion auf, und etliche haben sich schon zum Helfen bereit erklärt: In 62 Städten, darunter Hamburg, Köln und Dresden, packen Umweltaktivisten mit an, um ihren Wohnort ein wenig sauberer zu machen – und damit letzten Endes die Meere zu schützen.

Bis zu 13 Millionen Tonnen Plastikabfälle gelangen jedes Jahr weltweit alleine von Land aus ins Meer. „Dort verrottet es nicht, sondern belastet für mehrere hundert, wenn nicht tausend Jahre die Ökosysteme“, sagt Sandra Schöttner, Meeresbiologin und Greenpeace-Expertin für Ozeane. Selbst an entlegensten Orten wie in Tiefseegräben oder der Arktis ist mittlerweile Plastikmüll zu finden. Ein Großteil stammt aus Asien. Doch Deutschland kann sich ebenso wenig aus der Verantwortung ziehen.

Deutschland ist Europameister im Plastikverbrauch

Denn die Deutschen verbrauchen mit Abstand das meiste Plastik in der Europäischen Union – ein Viertel der Gesamtmenge dort. Nach offiziellen Angaben landet lediglich ein Prozent auf Deponien, mehr als die Hälfte wird verbrannt, der Rest wird recycelt. Wer die Zahlen durchrechnet, kommt auf eine verdächtige Differenz zwischen Plastikmüll und Plastikverbrauch: Rund vier Millionen Tonnen, die in keiner Bilanz auftauchen. „Wo landet dieses Plastik, wenn es nicht verbrannt oder recycelt wird?“, fragt Sandra Schöttner. „Sicherlich auch in der Umwelt, wo es zum Problem wird.“

Vor allem im Meer. Der Wellengang und die UV-Strahlung zerkleinern den schwimmenden Plastikmüll in mikroskopisch kleine Teilchen – sogenanntes Mikroplastik. Diese Partikel dienen Umweltschadstoffen als Andockstation: Sie lagern sich in teils hohen Konzentrationen an den Plastikkrümeln an und gelangen so in die Mägen von Meeresbewohnern. Forscher haben längst Mikroplastik in Plankton, Muscheln und Garnelen nachgewiesen – auch in Nordseefischen wie Makrele, Hering oder Flunder. So landet der Müll, den wir ins Meer kippen, letztlich unter Umständen wieder auf unseren Tellern.

Der Gesetzgeber ist am Zug

Viel Plastik lässt sich problemlos aus unserem Alltag verbannen: Etwa in Kosmetika verwendetes Mikroplastik, das zu klein ist, um aus den Abwässern herausgefiltert zu werden. Aber auch typisches Wegwerfplastik wie Einwegflaschen, To-Go-Kaffeebecher, Verpackungen oder Einwegtüten muss nicht sein. Jeder Deutsche verbraucht beispielsweise pro Jahr 76 Plastiktüten, nicht eingerechnet die dünnen Obst- und Gemüsebeutel.

„Viel zu viele“, sagt Schöttner und sieht vor allem den Gesetzgeber in der Pflicht: „Freiwillige Selbstverpflichtungen von Industrie und Handel reichen langfristig nicht.“ Irland hat einen simplen Weg gefunden, den Tütenverbrauch um erstaunliche 98 Prozent  zu senken: Die Geschäfte verlangen 44 Cent Abgabegebühr.

Die Umweltschützer üben sich deutschlandweit in Schadensbegrenzung; lösen können sie das Plastikproblem natürlich nicht. Dafür müssen entschiedenere Gesetze her: Besser wäre es, der Plastikmüll würde gar nicht erst produziert werden.

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