
Greenpeace-Online: Wenn die IWC nun wie geplant kommerzielle Fangquoten einführt - was bedeutet das für das Walfangmoratorium von 1986? Wie werden Japan und Norwegen reagieren?
Thilo Maack: Das Moratorium wird dann faktisch aufgehoben. Es sollen sogar Quoten für bedrohte Walarten wie Finn- und Seiwale vergeben werden. Japan und Norwegen reiben sich die Hände, denn ihre Strategie geht auf: Jahrelange Ignoranz der IWC-Beschlüsse und eigenmächtig vergebene Quoten machen sich bezahlt. Ein Skandal!
Greenpeace-Online: Am 10. Juni diskutierte der deutsche Bundestag einen Antrag zur deutschen Verhandlungsposition in der IWC: Welche Position bezieht die Bundesregierung letztlich?
Thilo Maack: Das Mandat der deutschen Delegation ist eindeutig: Walschutz hat Priorität. Es gibt klare Grenzen, deren Überschreitung einen Kompromiss für die Bundesregierung unmöglich machen:
Natürlich besteht ein Kompromiss üblicherweise darin, das beide Seiten etwas aufgeben und etwas bekommen. Ich bin gespannt, wie sich die deutsche Delegation bei den Verhandlungen verhalten wird.
Greenpeace-Online: Australien plant, gegen Japans Walfang vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu ziehen, auch Neuseeland erwägt eine Klage. Wie wird das die Verhandlungen auf der Jahresversammlung beeinflussen?
Thilo Maack: Man merkt das bereits bei den Vorverhandlungen: Es liegt eine ganz merkwürdige, unterschwellig aggressive Atmosphäre in der Luft. Die australischen und die japanischen Delegationsmitglieder gehen sich aus dem Weg. Irgendwann wird die Bombe platzen, wahrscheinlich wenn Peter Garret der australische Umweltminister nächste Woche die Bühne betritt. Dann fliegen hier die Fetzen. Keine gute Atmosphäre für einen Kompromiss.

Greenpeace-Online: Island steht vor den Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union. In der EU ist Walfang allerdings verboten. Wie wird sich Island in diesem Spannungsfeld verhalten?
Thilo Maack: Island hat ja gegenüber der EU proaktiv seinen Beitrittswunsch formuliert und muss sich damit auch an die EU-Gesetze halten. Die treibende Kraft des isländischen Walfangs besteht aus einer Einzelperson: Kristian Loftsson, einem reichen Reeder. Er ist hier in Agadir und peitscht seine Delegation nach vorne. Die Wortbeiträge sind polemisch und sollen die isländische Unbeugsamkeit unterstreichen. Trotzdem, die EU ist da sehr eindeutig: Wenn Island weiter Wale fängt, gibt es keine Beitrittsmöglichkeit. Gut so.
Greenpeace-Online: Welchen Vorteil brächte die Einführung einer offiziellen Fangquote? Wie wirkt sich der sogenannte Kompromiss auf Schutzgebiete wie die Antarktis aus?
Thilo Maack: Ein tragbarer Kompromiss würde den Wissenschaftswalfang im südpolaren Schutzgebiet und anderswo beenden. Damit würde das Schutzgebiet seinem Namen gerecht. Die strikte Kontrolle des Walfangs würde der IWC obliegen, mit einem Strafkatalog ausgestattet sein und von den Walfangnationen finanziert werden müssen. Die IWC hätte dann Zeit, sich den weitaus größeren Gefahren für Wale wie Beifang, Unterwasserlärm und Verschmutzung der Meere zu widmen. Der kommerzielle Walfang würde schrittweise und innerhalb eines klaren Zeitraums von zehn Jahren beendet. Die Walfänger würden innerhalb dieses Zeitraumes eine schrumpfende Quote erhalten und würden ihr Gesicht in diesem Ausstiegsszenario bewahren. Außerdem würden weitere Walschutzgebiete zum Beispiel im Südatlantik geschaffen.
Greenpeace-Online: Gibt es aktuell überhaupt einen relevanten Marktbedarf an Walfleisch?
Thilo Maack: Nein, es gibt keinen Markt für Walfleisch. In Japan liegen über 4.000 Tonnen ungenutzt in Kühlhäusern und auf Island warten 2.000 Tonnen Finnwalfleisch aus der letzten Saison auf Abnehmer. Auch die Norweger haben die letzte Fangsaison frühzeitig beendet, weil das erzeugte Fleisch auf wenig Gegenliebe in der Bevölkerung stieß. Das macht die Sache ja so unglaublich absurd: Keiner will wirklich Walfleisch essen.