Greenpeace-Umfrage zu Meeresschutzgebieten

Unverdiente Auszeichnung

Was nutzen Meeresschutzgebiete, wenn sie kaum etwas schützen? Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine gewaltige Lücke, zeigt eine aktuelle Greenpeace-Umfrage.

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Meeresschutzgebiete sind notwendig – gegen diese Behauptung sträuben sich die wenigsten Deutschen. In einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage sagten 77 Prozent der Befragten, sie hielten Meeresschutzgebiete für „sehr wichtig“, weitere 22 Prozent fanden sie „eher wichtig“. So viel lässt sich festhalten: In dieser Frage herrscht offensichtlich ein gesellschaftlicher Konsens.

Interessanterweise überschätzen allerdings viele der Befragten, was ein Meeresschutzgebiet so alles umfasst: Rund die Hälfte glaubt, dass darin Ölbohrungen untersagt sind, jeweils rund 40 Prozent gehen davon aus, dass industrielle Fischerei sowie Sand- und Kiesabbau verboten sind. Dem ist allerdings nicht grundsätzlich so. Lediglich 16 Prozent der Befragten antworteten korrekt, dass „nichts davon“ gänzlich verboten sei in Schutzgebieten. Das heißt: Der überwiegende Teil der Befürworter von Meeresschutzgebieten geht irrigerweise von strengeren Regeln aus.

Deutschland hat 2007 zehn Bereiche in Nord- und Ostsee bei der EU-Kommission als Natura-2000-Gebiete angemeldet, doch die vorgesehenen Schutzmaßnahmen gibt es bislang nicht. So ist etwa die besonders zerstörerische Grundschleppnetzfischerei nach wie vor erlaubt, unter anderem im besonders artenreichen Sylter Außenriff. „Die Meeresschutzgebiete, wie sie derzeit ausgezeichnet sind, bestehen nur auf dem Papier“, sagt Thilo Maack, Meeresbiologe und Greenpeace-Experte für Ozeane. Sechs Jahre hätte Deutschland für die Umsetzung Zeit gehabt und liegt mittlerweile drei Jahre über der Frist. Die Folge: Die EU verklagte Deutschland wegen Vertragsverletzung.

Umdenken ist nötig

Die Gesetzgebung für die Meere ist komplex und von vielen Begehrlichkeiten bestimmt. Diese sind hauptsächlich wirtschaftlicher Natur: In einem Meeresgebiet, das gänzlich vor menschlichen Eingriffen geschützt ist, lässt sich nun einmal kein Geld verdienen. Doch für die Artenvielfalt in den Meeren sind solche strengen Schutzzonen notwendig. Benötigt würde ein Paradigmenwechsel in der Meerespolitik, ein grundsätzliches Umdenken. „Momentan ist es so: Es ist erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist. Was wir brauchen, ist aber eigentlich das Gegenteil“, so Maack.

In einer weiteren Sache sind sich die Teilnehmer der Umfrage ebenfalls einig: Rund 95 Prozent beantworten die Frage „Wie wichtig ist es Ihnen, dass die zuständigen Bundesministerien sich für den Schutz von Nord- und Ostsee einsetzen?“ mit „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“. Ganz so eindeutig sehen das die politischen Vertreter im Bundeslandwirtschafts- und Bundesumweltministerium allerdings offenbar nicht. 

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