Obwohl von der Bundesregierung bei der EU als “Natura 2000-Schutzgebiet“gemeldet, findet im Sylter Außenriff täglich zerstörerische, wirtschaftliche Nutzung statt. In diesem ausgewiesenen Meeresschutzgebiet wird nicht nur Sand und Kies abgebaut. Zusätzlich durchpflügen Fischereiflotten mit Grundschleppnetzen den Meeresboden dieses artenreichen Steinriffs. Außerdem gefährdet die Stellnetzfischerei vor allem in den Sommermonaten das Überleben der Schweinswale, für die das Sylter Außenriff ein Rückzugsgebiet sein soll.
Greenpeace hatte sich im Sommer 2008 entschlossen, im Sylter Außenriff hunderte Natursteine zu versenken. Die tonnenschweren Felsbrocken wirken wie ein Schutzschild und sollen zerstörerische Aktivitäten verhindern. Die Versenkungsgebiete finden sich jetzt auch in den aktuellen Seekarten der deutschen Nordsee wieder. Fischer, die ihren Beutezug planen, werden diese Gebiete meiden – das Sylter Außenriff hat den Schutz bekommen, den es verdient.

Im Wattenmeer leben rund 10.000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten, jedes Jahr rasten hier mehrere Millionen Zugvögel, um sich in der prall gefüllten "Speisekammer" mit Fisch, Würmern, Krebsen, Muscheln und Schnecken satt zu fressen. Auch Seehunde, Kegelrobben und Schweinswale sind im Wattenmeer zuhause, das ihnen reichlich Nahrung und Raum zur Aufzucht ihrer Jungen bietet. Als Nationalpark und UNESCO-Weltnaturerbe steht das Gebiet unter besonderem rechtlichem Schutz. Das bedeutet, dass dort nicht nach Erdöl gesucht und gebohrt werden darf. Eigentlich.

Schon seit 1987 betreibt RWE Dea im schleswig-holsteinischen Teil des Nationalparks die Ölplattform Mittelplate. Jetzt will der Konzern vor der Küste Niedersachsens und Schleswig-Holsteins weitere Ölvorkommen erschließen und dazu vier Probebohrungen durchführen. Damit die Pläne nicht von vorne herein aussichtslos sind, hat man trickreich agiert: Als 2008 die Anerkennung des Wattenmeers als UNESCO-Weltnaturerbe im Gespräch war, wurden vorsorglich drei Exklaven ausgespart. Das heißt, bestimmte Teilgebiete sind für einen gewissen Zeitraum vom Status des Welterbes ausgeschlossen. So kann sich der Energiekonzern rechtfertigen, dass die geplanten Eingriffe nicht im Welterbegebiet erfolgen. Das ist richtig. Doch zum Teil liegen die Bohrungen in der sogenannten Schutzzone 1 des betroffenen Nationalparkes – so zum Beispiel nahe der Sandbank "Großer Knechtsand" im niedersächsischen Wattenmeer. Die Schutzzone 1 ist am strengsten geschützt und soll ohne menschliche Eingriffe bleiben.

"Das ist ein zu hohes Risiko", sagt Jörg Feddern, Ölexperte von Greenpeace: „Wir sind strikt gegen eine Ölsuche im Wattenmeer, weil es selbst bei bester Planung immer einen Unfall geben kann. Dieses einmalige Ökosystem darf der Ölindustrie nicht geopfert werden." Für die Probebohrungen will RWE Dea eine pontonartige Bohranlage ins Watt schleppen. Sollten Ölvorkommen gefunden werden, würde anschließend von Land gefördert. Derzeit werden die Anträge des Energiekonzerns bei den Nationalparkverwaltungen und beim zuständigen Landesbergamt in Hannover geprüft. RWE Dea ist zuversichtlich, dass es mit der Genehmigung klappt. Dazu muss man wissen, dass die Bohrinsel Mittelplate im Jahr 2011 rund 100 Millionen Euro in Schleswig-Holsteins Kassen gespült hat.

Der Energiekonzern argumentiert, die Probebohrungen seien wirtschaftlich notwendig für Norddeutschland. Die Ölindustrie sichere in Schleswig-Holstein und Niedersachsen hunderte Arbeitsplätze. Zudem würde das "schwarze Gold" aus dem Wattenmeer die Versorgungssicherheit stärken und die Importabhängigkeit von Öl verringern. Zur besseren Einschätzung: 2011 wurden in Deutschland circa 93 Millionen Tonnen Rohöl benötigt, davon stammten 2,6 Millionen Tonnen aus heimischer Förderung – davon wiederum 1,4 Millionen Tonnen aus der Mittelplate-Förderung. Von einer Stärkung der Versorgungssicherheit zu sprechen, ist angesichts dieser Zahlen vorgeschoben.
Tatsächlich geht es RWE Dea um den eigenen Profit. Anders lässt sich nicht erklären, warum RWE Dea bereit ist, allein in die Probebohrungen rund 100 Millionen Euro zu investieren. Geld, das woanders besser aufgehoben wäre, etwa in der Sparte der Erneuerbaren Energien des RWE-Konzerns: Derzeit baut RWE Innogy zum Beispiel den Offshore-Windpark "Nordsee Ost" nahe Helgoland und kommuniziert dies mit großem Werbeaufwand.
Doch wäre der Konzern ernsthaft an umweltfreundlicher Energiegewinnung interessiert, würde er nicht ein paar Kilometer weiter das Wattenmeer in Gefahr bringen. Bei einem Unfall wäre der einzigartige Lebensraum – und damit auch das Urlaubsparadies Wattenmeer zerstört. Wenn die Touristen wegbleiben, wäre das eine wirtschaftliche Katastrophe für Norddeutschland.
(Autorin: Nicoline Haas)