Greenpeace-Aktivisten protestieren bei Marine Litter Conference in Bremen

Genug geredet

Umweltpolitiker der G20-Staaten tagen in Bremen zum Thema Plastik im Meer. Doch haben sie die richtigen Lösungen für das Problem? Greenpeace-Aktivisten treiben sie zum Handeln an.

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Update vom 7. Juni 2017:

Immerhin in einem waren sich die G20-Mitglieder nach Abschluss der Marine Litter Conference einig: Plastikmüll im Meer ist ein globales Umweltproblem, das entsprechend globale Lösungen erfordert. Wie weit die nötigen Maßnahmen letztlich gehen sollen, darüber gingen die Meinungen aber auseinander.

Die G20-Mitglieder erarbeiteten einen Aktionsplan zum Schutz der Meere. Dessen Schwerpunkt liegt hauptsächlich beim Abfallmanagement: Er sieht vor, Kunststoffe recyclingfähig zu produzieren und in allen Ländern funktionierende Wiederverwertungs- und Abfallwirtschaftssysteme zu schaffen. „Das ist ein richtiger Schritt, dennoch vernachlässigt der Aktionsplan die Bekämpfung der Ursachen“, sagt Sandra Schöttner, Greenpeace-Expertin für Meere. „Wesentlich wichtiger als Abfallmanagement ist nämlich, Plastikmüll erst gar nicht entstehen zu lassen, das heißt: Weniger herstellen, weniger verbrauchen – wenn Plastik produziert wird, dann von vorneherein mit umweltfreundlichem Produkt-Design.“ Im Juli soll der Aktionsplan beim G20-Gipfel in Hamburg verabschiedet werden.

Aus dem Bundesumweltministerium waren nach dem Treffen überraschende neue Töne zu hören. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) benennt nun auch ausdrücklich flüssige Kunststoffe in Pflegeprodukten als Herausforderung beim Meeresschutz – bisher beschränkte sich die Bundesregierung lediglich auf festes Plastik in Kosmetik. Greenpeace hatte einige Tage zuvor die Unterschriften von 37.000 Unterstützern überreicht, die das Verbot von Mikrokunststoffen jeglicher Art in Kosmetik- und Körperpflegeprodukten fordern.

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In Bremen treffen sich derzeit Vertreter der G20-Staaten zur Marine Litter Conference. Dort reden sie über die Vermüllung der Meere, vor allem durch Plastik. Die Gespräche sind ehrenwert und sinnvoll – doch längst ist ein konsequenteres Durchgreifen nötig, das den gutgemeinten Worten auch folgt. Aus diesem Grund stiegen heute Morgen Greenpeace-Aktivisten in den See vorm Tagungshotel und formten in leuchtend roten Überlebensanzügen die Aufforderung „ACT“ – zu Deutsch: Handelt!

Einen Aufschlag gibt es bereits: Die G7-Staaten haben 2015 einen „G7-Aktionsplan gegen Meeresmüll“ verabschiedet, der – wenn es nach der deutschen Delegation geht – künftig auch für die G20-Staaten gelten soll. Thilo Maack, Meeresbiologe und Greenpeace-Experte für Ozeane, warnt allerdings vor allzu einfachen Strategien, die Politiker zu bevorzugen scheinen: „Wir können uns aus dem Plastikproblem nicht einfach herausrecyceln“, sagt er. „Regierungen suchen die Antwort zu häufig im Recycling, dabei müssen sie das Problem an seiner Wurzel packen: Unnötiges Plastik darf gar nicht erst produziert werden.“ Der nächste logische Schritt sei, Plastikprodukte möglichst häufig wiederzuverwenden – Wiederaufbereitung sollte der letzte Ausweg aus dem Dilemma sein, nicht die erstbeste Lösung.

Plastik boomt – seit Jahrzehnten

Natürlich ist Recycling notwendig, doch den gigantischen Mengen an Plastik, die derzeit hergestellt werden, kommt man damit nicht bei. In den vergangenen 50 Jahren ist die Produktion förmlich explodiert; bis zum Jahr 2020 werden weltweit jährlich 500 Millionen Tonnen Plastik in Umlauf gebracht, schätzen Experten. Im Vergleich zu den 1980er Jahren, in Sachen Kunststoffverbrauch auch nicht eben die Steinzeit, wäre das ein Anstieg um 900 Prozent.

Die Qualitäten, die Plastik im Alltag so nützlich machen, also etwa seine Widerstandsfähigkeit, sind allerdings genau das Problem. Plastik baut sich nur sehr langsam ab, über Hunderte von Jahren: Vor vielen Jahrzehnten produziertes Material befindet sich zum Teil heute noch in der Umwelt. Besonders viel Schaden richtet Plastik dabei in den Meeren an. In den größeren Stücken können sich Tiere verfangen und darin verenden, andere fressen den Plastikmüll und verhungern mit vollem Magen. 

Mit der Zeit wird Plastik von Gezeiten und UV-Strahlung zu Mikroplastik zerrieben, das die Umwelt ebenso belastet und auf uns als Verbraucher zurückfällt: Fische fressen die Partikel, an denen sich häufig Giftstoffe anlagern. Im schlimmsten Fall landen sie auf unseren Tellern: In vielen Speisefischen hat Greenpeace bereits Plastik gefunden.

Beispiellose Kunststoffflut

Wie viel Plastik tatsächlich in den Meeren schwimmt, lässt sich lediglich abschätzen. 150 Millionen Tonnen werden insgesamt in den Ozeanen vermutet, jährlich kommen vier bis zwölf Millionen Tonnen dazu. In riesigen Müllstrudeln wie dem Great Pacific Garbage Patch zirkuliert der Abfall in den Meeren. Experten gehen davon aus, dass 60 bis 80 Prozent des gesamten Mülls im Meer aus Kunststoff bestehen.

Unser Plastikverbrauch ist so gewaltig, dass Gesetze ihn eindämmen müssen. Verpflichtende Fahrpläne, die den Ausstieg aus unnötigem Plastik regeln – Einmalgeschirr etwa oder Mikrokunststoffe in Kosmetik – können Anreize für echte Innovationen schaffen, insbesondere wenn die G20-Staaten diese Fortschritte belohnen. Darum demonstrieren die Greenpeace-Aktivisten heute in Bremen für wirksamen Meeresschutz. Ihre Adressaten besitzen weitreichende Handlungsmöglichkeiten, geredet wurde bereits genug. „Es ist Zeit für Lösungen“, sagt Maack.

Publikationen

Report: Plastik in Fisch und Meeresfrüchten

Schätzungen zufolge macht Plastik 60 bis 80 Prozent des Mülls im Meer aus. Die Gefahr: Mit Schadstoffen belastete Mikroplastikpartikel werden von Meeresbewohnern verschluckt und landet in der Nahrungskette.
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